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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 636
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Nußkaspar

Wenn man von dem Standpunkt aus, wo der Ritter Eppelein von Geilingen auf der Burg zu Nürnberg seinen Ritt gewagt haben soll, nach Norden lugt, so stellt sich dem Auge das berühmte Knoblauchland dar, das mehrere anmutige Dörfchen enthält, die von den Nürnbergern recht fleißig besucht werden.

In einer dieser Ortschaften lebte vor vielen, vielen Jahren ein Bauer, Nußkaspar genannt, weil er die schönsten Nüsse auf seinen Nußbäumen hatte. Er trieb wie seine Nachbarn Gärtnerei und legte sich vorzüglich auf den Anbau jener Wurzel, die der Gegend den Namen gab. Allein der gute Mann war kein Schoßkind des Glücks, und was er auch anfing – alles mißglückte ihm. Bald hatte er bedeutende Verluste durch böse Schulden, bald wurde er von Menschen heimgesucht, die es bequemer finden, auf anderer Kosten aus dem Stegreif zu leben; bald zerstörten Wind und Wetter seine schönsten Garten- und Feldfrüchte, oder es wurden ihm von neidischer Bosheit seine Nüsse abgeschlagen.

Dieses andauernde Mißgeschick mußte Kaspar endlich verdrießen und ihm die Lust nehmen, sich ferner zu plagen, zumal wenn er bemerkte, wie bei seinen Ortsnachbarn alles aufs beste gedieh und ihr Wohlstand täglich mehr emporblühte. Daher wurde er nach und nach in der Ausübung seines Gewerbes lässiger, fluchte und schwor mehr, als er betete, und ergab sich zuletzt dem Trunk so, daß er meistens, wenn er mit Knoblauch und anderen Gemüsearten zur Stadt gefahren war, leicht an Geld und mit schwerem Kopf nach Hause kehrte. Durch diesen Lebenswandel wurde nicht nur sein Körper, sondern auch sein Vermögen so zerrüttet, daß er ein Kapitälchen nach dem anderen aufnehmen mußte, dann von seinen Gläubigern hart bedrängt wurde und zu ihrer Befriedigung bald ein Grundstück oder das Wertvollste seines ohnehin kärglichen Hausrats zu veräußern sich genötigt sah.

Nach längerer Zeit war er am Silvestertag wie gar oft bis zum späten Abend in der Stadt geblieben, hatte sich einen tüchtigen Rausch angetrunken und taumelte den Burgberg herauf, um durch das Vestnertor heimzugehen. Unweit der Stelle, wo Christus am Ölberg abgebildet ist, setzte er sich rechts auf einen beschneiten Stein des Ölbergs, um auszuruhen, und schlief ein. Die Zerrbilder getäuschter Hoffnungen umgaukelten ihn in lebhaften Träumen, so daß er öfters auffuhr und gräßliche Flüche ausstieß.

Eben zeigte die Glocke vom nahen Sebaldusturm den Eintritt der Geisterstunde, als er abermals auffuhr und in einem Zustand zwischen Schlaf und Wachen zähneklappernd vor sich hin murmelte: »Will mich Gott nicht retten, so muß mir der Teufel helfen.«

Mit diesen Worten entwand er sich dem Schlaf, rieb sich die Augen und wollte aufstehen; allein ein gewaltiger Schrecken donnerte ihn auf seinen kalten Sitz zurück, denn vor ihm stand ein Mann in Jägertracht, der ihn anredete: »Ei, Alterchen, was treibst du hier in frostiger Winternacht?«

Kaspar gähnte und fragte: »Wo bin ich, Herr, und was begehrt Ihr von mir?«

Darauf der Jäger: »Ich hörte im Vorübergehen, daß du Hilfe bedarfst, und will sie leisten, wenn es in meinen Kräften steht, aber – ich will von dir darum gebeten sein.«

Kaspar schilderte unter beständigen Verwünschungen seine traurige Lage, fiel auf die Knie und rief in unbegreiflicher Herzensangst: »Ich flehe Euch fußfällig an, helft mir, helft mir, und wäret Ihr der Böse selbst. Mir ist es gleich, wenn nur geholfen wird; denn Gott hat mich ohnedies verlassen!«

»Nun wohl«, entgegnete jener, »wenn du mir versprichst, weder deinem Weib noch einem anderen Menschen auch nur eine Silbe davon zu sagen, so will ich dein Beschützer sein und dir helfen. So kehre denn getrost heim, pflücke von dem großen Nußbaum, der in der linken Ecke deines Gartens steht, so viele Nüsse, als dir beliebt; sie werden sich in Gold verwandeln und dich in den Stand setzen, nicht nur deine Schulden zu bezahlen, sondern auch dir ohne Mühe und Arbeit gutzutun. Doch wisse: Geht nur ein Wort von dieser Geschichte über Deine Lippen, so sinkst du in deine frühere Armut zurück, wirst ein Raub der Verzweiflung und sollst auch im Grab keine Ruhe finden. Du wirst dann aus dem Grab in jeder Silvesternacht hervorgehen und an dieser Stelle hier ewig goldene Nüsse feilhalten, ja auch andere noch mit hinabziehen in den Abgrund des Verderbens, und deine Seele ist mir verfallen!«

Mit diesen Worten verschwand er. Daß der freundliche Helfer der leibhaftige Gottseibeiuns war, ist leicht zu erraten.

Kaspar war demnach in sehr schlimme Hände gefallen. Er ging noch halbtrunken mit schlotternden Knien nach Hause. Sein Weib, das ohnehin zu denen gehörte, denen Zanken und Murren zur anderen Natur geworden ist, empfing ihn vom Bett heraus mit Zank- und Schimpfreden. Er aber war stumm wie ein Fisch, und dachte: »Schrei, du Zankteufel, soviel du willst; habe ich nur einmal die goldenen Nüsse, dann wirst du schon anders singen!«

Somit nahm er eine Laterne, zündete das Licht an und begab sich in das Gärtchen, stellte sich vor den bezeichneten Baum und schielte hinauf, um zu sehen, ob die Nüsse wirklich Gold seien. Endlich bestieg er zagend den Baum, als hinge ihm eine Zentnerlast an den Füßen, griff zitternd nach einer der Früchte, füllte dann so schnell als möglich alle Taschen damit, und siehe – die Nüsse waren reines, funkelndes Gold. Hierauf versteckte er seinen Schatz in der Scheune und ging zu Bett.

Mit Tagesanbruch schlich der steinreiche Ehemann, dessen Gewissen nun schon eingeschläfert war, still von der Seite seiner Xanthippe zum Geschenk des höllischen Jägers, um es teilweise in der nahen Stadt versilbern zu lassen; er zahlte dann unter falschen Vorspiegelungen seine Schulden und lebte herrlich und in Freuden.

Aber dieses Glück sollte von nicht sehr langer Dauer sein; denn der gute Nußkaspar vergaß im Taumel der Ausschweifungen nur zu bald, was er dem Meister Urian versprochen hatte. In einem traulichen Stündchen beichtete er seiner Gattin, die indessen der unvermutete Wohlstand ganz kirre gemacht und vollkommen versöhnt hatte, den ganzen Hergang der Sache. Als er nun am nächsten Morgen sein Geld herbeiholen wollte, siehe – da war der Beutel federleicht, und statt harter Taler war nur Kohlenstaub und statt der goldenen waren nur natürliche und größtenteils wurmstichige Nüsse im Schrank. So von der Höhe des Glücks in das bitterste Elend herabgeschleudert, war ihm das Leben eine unerträgliche Last, und er ermordete sich selbst.

Der Teufel aber hielt besser Wort als Kaspar; denn es ging alles in Erfüllung, was er ihm für den Fall des Treubruchs vorausgesagt hatte. Als der Silvesterabend wieder herbeikam, stand wirklich zur Mitternachtsstunde ein kleines Bäuerlein in der Tracht der Knoblauchhändler mit einer Kätze am Ölberg und ächzte leise unter verzweifeltem Händeringen: »Kauft Nüsse, kauft Nüsse!« –

Viele Jahre nach diesem Ereignis saßen am Silvesterabend mehrere Bürger nicht weit vom Ölberg in einem Wirtshaus bei einem Krüglein Weizenbier und sprachen von diesem und jenem. Unter ihnen befand sich auch ein redseliger Zinngießermeister, der wegen seines Charakters und seiner Klugheit in Ansehen stand. Der Faden der Unterhaltung drehte sich um die alte Sage vom Nußkaspar am Ölberg. »Aberglauben, heidnische Finsternis!« eiferte Meister Zinngießer, der Wortführer. »Wer wird so albern sein, an Teufel und Geister zu glauben?«

»Was, Nachbar?« fuhr ihm ein belesener Zirkelschmied in die Rede. »Habt Ihr denn nicht gelesen, daß Doktor Martin Luther dem Teufel das Tintenfaß nachgeworfen hat? Ist Euch nicht bekannt, daß der Satan Jesus in Versuchung führte?«

»Das ist etwas anderes«, unterbrach ihn der Zinngießer weiter, und indem er weiterreden wollte, erscholl von der Wanduhr die zwölfte Stunde. Da schlug er unwillig in den Tisch hinein und schrie: »Damit Ihr aber seht, daß an der Sache nichts ist und ich jeden für einen Narren halte, der solche unsinnigen Dinge glaubt, so wollen wir uns an Ort und Stelle begeben, um uns zu überzeugen. Mein Hab und Gut setz' ich daran, daß ich Euch auslachen werde!« Hierauf nahm er seine Pelzmütze und eilte der Tür zu; aber von den übrigen Gästen machte keiner Miene, ihn zu begleiten.

Stockfinster war's, und nur der schimmernde Schnee erleuchtete die Gegend, da dünkte ihm wirklich, als ob er in der Nähe des Ölbergs die Gestalt eines Menschen gewahre, und er blieb stehen. Es fröstelte ihn allerdings nun etwas, aber die Vorstellung, von den Freunden weidlich verspottet zu werden, wenn er unverrichteterdinge zurückkäme, flößte ihm Mut ein, der Sache auf den Grund zu sehen. Also ging er langsam näher und rief mit lauter Stimme: »Wer da?«

Keine Antwort!

Plötzlich stand ein kleines, unheimliches Wesen ganz nahe vor ihm, stierte ihn mit Grabesaugen an und deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand in die vor ihm stehende Kätze. Unser Held war wie an den Boden geheftet und kreischte mit kaum verständlichen Lauten: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« Fast besinnungslos griff er dann in die Kätze, nahm aus dieser, was er mit seinen zehn Fingern fassen konnte, und stürzte ohnmächtig zusammen.

Als er wieder zur Besinnung gekommen war, blickte er um sich, und als er weder vor noch hinter sich etwas mehr sah, bekam er wieder Mut und schämte sich seines Schreckens. Welches Erstaunen aber nahm die Stelle der Furcht ein, als er auf den beschneiten Boden blickte und glänzendes Gold ihm entgegenfunkelte. Schnell raffte er es zusammen und ging langsamen Schritts dem Wirtshaus zu.

Die ganze Gesellschaft begrüßte ihn wie einen dem Leben Wiedergegebenen und war sehr auf die Erzählung seines Abenteuers gespannt, die er auch sogleich begann, indem er einige goldene Nüsse aus der Tasche nahm und auf den Tisch hinrollte. Da war auf einmal alle Großsprecherei verstummt, denn nicht ohne heimliches Grauen sah man die glänzenden Beweise vor Augen.

Der Zinngießer aber entfernte sich bald und suchte schwindelnd vor Freude sein Nachtlager. Allein der Schlaf floh ihn diese und noch manche Nacht, denn ihn quälten die Pläne, die er für die Zukunft schmiedete, die Sorge um die Erhaltung und Vermehrung des unheilvollen Mammons. Mit seinem Glück war zugleich das Unglück in seine vier Pfähle eingezogen, und aus dem zufriedenen Meister, dem die Arbeit sonst unter lustigem Gesang munter von der Hand ging, war jetzt ein griesgrämiger Sauertopf geworden, den sein Geschäft anekelte und die Mücke an der Wand ärgerte. Durch unkluge Unternehmungen verlor er manches schöne Kapitälchen, und nach einigen Jahren bewahrheitete sich an ihm das Sprichwort: Wie gewonnen, so zerronnen!

Als er aber kaum mehr etwas hatte, wohin er sein Haupt legen konnte, zog er es vor, seinem jammervollen Leben zwischen Himmel und Erde mit Hilfe eines Stricks ein Ende zu machen.

So ging die Geschichte lange Zeit im Mund des Volks, und so haben wir sie getreulich nach dem Bericht hochbetagter Leute aufgezeichnet.

 


 

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