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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 633
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Entstehung der Kirche und des Pfarrhauses zu Osternohe

Etwa dreiviertel Stunden nördlich der vormaligen Feste Rothenberg liegt das kleine Dorf Osternohe in einem ziemlich engen, aber fruchtbaren Tal. Das Dörfchen erweiterte sich allmählich aus dem engen Tal den Schloßberg hinan, an dem aus dichten Obstbaumpflanzungen hie und da ein Haus herniederschaut. Auf dem Gipfel des Berges stand vor etwa dreihundert Jahren eine stattliche Burg, die von den Eigentümern des Dorfes, dem edlen Geschlecht derer von Egloffstein, bewohnt wurde. Jetzt schmücken nur noch Ruinen den Schloßberg. Das Dorf selbst gehörte in die benachbarte Pfarrei Bühl und hatte weder eine eigene Kirche noch einen Pfarrer.

Ein hochbetagter Ritter von Egloffstein saß auf dem Schloß, geehrt wie ein Vater von seinen Untertanen; denn er war eines gar edlen, milden und frommen Sinnes. Wie es Greisen zu gehen pflegt, wurde sein Schlaf oft unterbrochen und ihm die Nachtruhe geraubt. Er stand dann auf, ging im Zimmer hin und her und schaute wohl hie und da zum Fenster in die stille Nacht hinaus.

Da sah er einmal zu seiner großen Verwunderung auf dem Gänsewasen, der unten im Tal nahe beim Dorf auf einer Anhöhe lag, ein kleines Feuer brennen. Er konnte sich nicht erklären, woher das Feuer komme, und ging in Gedanken darüber wieder zu Bett.

In der folgenden Nacht tat er wieder nach seiner Gewohnheit, und das Feuerlein brannte auch wieder. Da rief er seinen Burgwart vom Turm und schickte ihn hinunter, zu sehen, was es doch mit dem Feuer für eine Bewandtnis hätte. »Edelgestrenger Herr«, sagte der Diener bei seiner Rückkehr kopfschüttelnd, »das ist ein Feuer, das brennt und hat doch kein Holz!«

Auch in der dritten Nacht sah der Ritter das Feuer und schickte wiederum seinen Knecht hinunter; aber es blieb bei der ersten Nachricht: »Es ist ein Feuerlein, das brennt und hat doch kein Holz!«

Da wurde der alte Herr nachdenklich ob dieser sonderbaren Erscheinung und kam endlich auf den Gedanken, das Feuer sei ein Fingerzeig von oben und bezeichne den Platz zur Erbauung einer Kirche, und er selbst solle der Bauherr sein. Sein Entschluß war bald gefaßt. Er rief seine Untertanen zusammen und gab ihnen sein Vorhaben kund, auf dem vom Feuer bezeichneten Platz eine Kirche zu bauen und eine Pfarrei im Ort zu gründen. Die Kirche versprach er auf seine Kosten zu bauen, und zur Pfarrbesoldung bestimmte er den Zehent, der ihm auf der Ortsflur zustand.

Dankbar und freudig vernahmen die Leute solch frommen Entschluß aus dem Mund ihres Herrn. »Ich will aber«, setzte er hinzu, »das gute Werk nicht für mich allein haben; auch ihr sollt daran teilhaben und euch eine Stufe dabei in den Himmel bauen; ihr sollt für die Wohnung des Pfarrherrn sorgen, und jedes Haus im Ort soll dem Pfarrer alljährlich einen Rauchhahn liefern.«

Von Herzen gern willigten die Leute in diesen Vorschlag. Man wollte nun gleich über den Bau des Pfarrhauses beraten, da trat ein hochbejahrter Bäckermeister hervor und erbat sich vom Ritter die Erlaubnis, reden zu dürfen. »Mein grauer Scheitel«, hob er an, »mahnt mich täglich, daß ich bald ein anderes, besseres Haus bewohnen werde als mein dermaliges. Ich sterbe ohne Kinder und setze den künftigen Pfarrer zum Erben meines Hauses ein!«

Solches Anerbieten wurde dankbar angenommen. So hatte gemeinsame fromme Liebe Kirche und Pfarrei gegründet!

Der Bau des Kirchleins wurde bald vollendet. Noch steht es in seiner ursprünglichen Gestalt, sehnt sich aber in hohem Alter nach Hilfe, weil es sehr baufällig ist. Nur die »vierzehn Nothelfer«, die den Altar schmücken, schauen noch treuherzig auf die Versammlung und finden von Kunstkennern als Schnitzwerk alter Kunst (etwa von Veit Stoß) Anerkennung.

Des frommen Bäckers Haus haben die Pfarrer bis heute bewohnt, aber freilich nur ein notdürftiges Obdach darin gefunden; denn es schaut fast wie eine Ruine hinauf zu der Ruine des Schlosses, das einst der edle Ritter von Egloffstein bewohnte. Seit 1836 entbehrt es das Wahrzeichen seines Ursprungs, den aus einem mächtigen Baumstamm gehauenen Backtrog. Infolge einer Reparatur des unteren Gelasses wurde dieser weggeschafft.

 


 

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