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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 63
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Spuksagen von der Wegscheid bei Reichenhall

Ein Schneiderssohn aus Unken ging einmal mit seinem großen Fanghund bei Mondenschein über die Wegscheid. Da sieht er plötzlich einen schwarzen Mann neben sich, der in gleichem Schritt und Tritt mit ihm geht, aber kein Wort spricht. Der Fanghund läuft voll Schrecken auf der Stelle davon. Der Schneiderssohn zieht Messer und Gabel aus seiner Hosentasche und bewehrt sich damit, traut sich aber vor Entsetzen nicht, den Schwarzen anzureden. Dieser blieb auf der Säumerbrücke stehen, der Schneiderssohn aber kam totenbleich, Messer und Gabel noch krampfhaft in den Fäusten haltend, ins Wirtshaus zu Schnagelreit und nahm Nachtherberge dort; er wollte auch um tausend Gulden nicht mehr weitergehen.

Etwas anderes Seltsames hat sich vor zehn oder zwölf Jahren mit dem Knecht im Kaitl, Lenzl Niederberger, zugetragen. Dieser war nämlich auf Vorspann gewesen und ritt mit seinen zwei Pferden bei hellem Mittag über den Allerseelenbühel, nahe an der Wegscheid, heimwärts. Da stürzt auf einmal ein langer, dicker Baumstamm, oben und unten abgesägt, aus dem Gebüsch heraus auf die Straße und schickt sich an, ihm nachzukugeln. Der Niederberger schlug nun kurzen Trab an, aber auch der Baumstamm beeilte sich; und wenn jener hielt oder langsam ritt, tat es ihm auch der Baumstamm nach, so daß er immer eine Spanne hinter den Pferden daherkollerte. Dies kam dem Lenzl gar zu absichtlich vor, und da er einen Spuk vermutete, auch jählings einen Schrecken fühlte, so sprengte er im Galopp den Berg hinab bis ins Kaitl, wobei er den Baumstamm noch lange in wilder Hatz hinter sich dreinjagen hörte. Gleich darauf ging er mit den anderen Knechten hinaus, um nachzuspüren; er konnte aber von dem Baumstamm nichts mehr sehen. –

Auf der Wegscheid hört man auch oft bei Nacht vom Felsen herab grauenvolle Schreie, aber so arg war es seit Menschengedenken nicht wie im Jahre 1831. Damals hörte man in dieser Gegend ein jämmerliches Winseln und Heulen von den höchsten Wänden herunter, das sich etwa vierzehn Tage vernehmen ließ und zu keiner Stunde des Tages oder der Nacht verstummte.

Endlich hat sich der Brunnenwärter vom Nesselgraben aufgemacht, um in den Bergen oben umzusehen, woher das Winseln käme. Als er sich auf den höchsten Matten befand, mußte er wahrnehmen, daß es nicht aus dieser Gegend, sondern gerade unter ihm aus den Klüften der Wand hervordringe, wo sie am steilsten abschließt, so daß sich keine Gemse da halten kann. Er verwunderte sich höchlich, erachtete es aber zu gefährlich, den Laut weiter zu verfolgen, und begab sich unverrichteterdinge wieder bergabwärts.

Nun kam aber der Kreuzer von Helmbach, ein mutiger Bergsteiger von den besten, der seine Schafe suchte, des Weges, und als er von dem anderen den Hergang hörte, dachte er bei sich, dem Abenteuer nachzugehen; er legte also seine Joppe und seinen Hut ab, kletterte mit äußerster Gefahr seines Lebens – was keiner glauben möchte, der die Wand betrachtet – durch die Schrunden auf den Ort zu, woher das Winseln kam, und sah da ein uraltes, zusammengehocktes Weiblein in einer Felsenspalte sitzen, das zu winseln fortfuhr und auf seine Fragen, wie sie um Gottes willen an diesen Ort gekommen sei, keinerlei Antwort gab, vielmehr mit den dürren Händen ihm geradewegs ins Gesicht fahren wollte. Hierauf hat sie der Kreuzer ohne Umstände herausgerissen und mit sich zu gehen gezwungen, was sie gleichwohl ganz sicheren Trittes tat.

So kam er mit ihr wieder auf die Matte, wo er seine Joppe und seinen Hut niedergelegt hatte, und bückte sich nach diesen und zog sie wieder an. Als er sich nun aber nach dem Weiblein umdrehte, war es verschwunden und konnte von ihm trotz alles Suchens da herum nicht mehr gefunden werden. Jetzt kam aber auch das ganze Ding dem Kreuzer nicht mehr geheuer vor, vielmehr erfaßte ihn ein jähes Grauen, so daß er mühselig nach Hause kam und eine Woche krank war vom Schrecken.

Selbigen Tages ist das Weiblein noch bei dem Bauern am See gesehen worden, wo es sich auf die Bank vor die Haustür setzte. Die Bäuerin gab der Alten einen Krapfen, erhielt aber keinen Dank dafür und auch keine Antwort auf die Fragen, die sie ihr stellte. Gleich darauf saß sie unten am Kaitl auf der Sommerbank, erhielt eine Nudel, gab aber auch kein Wort von sich, sondern nur ein leises, unverständliches Flüstern. Das Winseln wurde von diesem Tag an nicht mehr gehört, das Weiblein aber auch in der ganzen Gegend nicht mehr erkundet. Es wird aber dieses Weiblein von denen, die es gesehen haben, übereinstimmend als ein kleines Mütterlein beschrieben, mit uraltem Gesichtchen mit vielen hundert Fältchen darin; übrigens im Anzug recht reinlich und sauber, aber ganz altmodisch. Die Alte hatte auf dem Kopf ein schwarzes Häubchen mit schmaler schwarzer Pelzverbrämung, die fast bis auf die Augen hereinging, und ein rotes Korsett von älterem Schnitt, als man sich erinnern kann, mit ganz langen Schößen auf dem Rücken, sowie ein blaues Schürzchen und ein schwarzes Röcklein.

 


 

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