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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 627
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Heinselberg

Weit einwärts im Gebirge, das jetzt die Fränkische Höhe heißt, liegt einsam ein Marktflecken namens Plech. Es mag wohl schon lange, lange Zeit her sein, da waren in Plech zwar grunzende Schweine, meckernde Ziegen, blökende Schafe, auch etwa hie und da ein muhendes Rind zu sehen, doch ein wieherndes Pferd war dort noch ein fabelhaftes Tier.

Da saßen einmal im Wirtshaus die vornehmsten Einwohner des Fleckens beisammen hinterm Bierkrug. Wie sie so saßen, kam lustig und wohlgemut ein fahrender Handwerksbursche daher, der hatte auf dem Rücken einen Ranzen und unter dem Arm einen großen Kürbis. Als er sich grüßend zu den Gästen gesetzt hatte, fragte einer der Plecher, auf den Kürbis deutend: »Was habt Ihr denn da für ein wundersames Ding?«

»Ein Roßei!« entgegnete schelmisch der Fremdling.

»Ein Roßei?« rief mit großen Augen der Frager, und »Ein Roßei?« riefen alle verwundert ihm nach.

»Für gute Worte, ein paar Schluck Bier und einen kleinen Imbiß obendrein sollt ihr es haben«, sagte schmunzelnd der Bursche. »Doch eins müßt ihr wissen: Nur Menschenwärme kann es ausbrüten und – wohlgemerkt! – in freier Bergesluft.«

Gesagt, getan! Man wurde handelseinig, und bald schlenderte der Fremdling, reichlich gestärkt, wieder zum Marktflecken hinaus; das vermeintliche Roßei aber blieb zu allgemeinem Ergötzen zurück bei den Plechern.

Schon am nächsten Morgen in aller Frühe zog man hinauf zum nächstgelegenen Berg und warf das Los, wer reihum das kostbare Ei ausbrüten sollte hoch oben auf sonniger Kuppe. Da saß der erste und brütete sorgsam, dann der zweite, der dritte und so weiter.

Endlich traf die Runde auch den Herrn Bürgermeister, der – wie wohl alle seine Amtsgenossen – ein überaus dicker und wohlbeleibter Mann war. Auch er saß und brütete sorgsam. Plötzlich hört er unter sich ein Krachen. Voll Erwartung der Dinge, die da kommen werden, springt er empor; doch der geplatzte Kürbis, durch den Aufsprung in Bewegung gesetzt, rollt den Berg hinunter, rollt hinunter bis zu einem Wacholderbusch, und – o Wunder! – ein Hase, der dort sein Lager haben mochte, stürzt aufgeschreckt daraus hervor und jagt in gestrecktem Lauf fernab von Plech linkshin. »Hott, hott, Heinsel, nach Plech 'nein, nach Plech 'nein!« schreit voller Freude der Bürgermeister ihm nach, in der Meinung, das Rößlein sei nun zur Welt geboren; er mochte aber schreien, soviel er wollte – das Häschen war auf und davon.

Bald wurden die Plecher ihres Irrtums gewahr; doch der Berg, wo sich dies begeben hat, heißt noch heute der »Heinselberg«.

 


 

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