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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 621
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Wolfstein

In einem Tal des Fichtelgebirges hütete ein Schäfer auf grüner Au. Mehrmals, wenn er die Herde heimtrieb, fehlte eines seiner Tiere; er suchte es vergebens, es war und blieb verloren. Er hält nun genauer Wache und sieht einen großen Wolf aus dem Waldesdickicht schleichen und ein Lamm ergreifen. Wütend stürzt er ihm nach, doch der Feind ist zu flink; ehe er sich's versieht, sind Wolf und Lamm verschwunden.

Nunmehr nimmt er einen geübten Schützen mit sich; der Wolf naht, doch die Kugeln des Schützen prallen an ihm ab. Da fällt dem Jäger ein, seine Waffe mit dürrem Holundermark zu laden; am nächsten Tag schießt er, und heulend läuft der Räuber waldeinwärts davon.

Am anderen Morgen begegnet dem Schäfer seine alte Nachbarin, mit der er nicht im besten Einverständnis lebt; er fragt sie, da sie vorüberhinkt: »Ei, Frau Nachbarin, was habt Ihr am Bein, das nicht mit Euch will?«

»Was geht das Euch an?« antwortet sie und macht, daß sie wegkommt.

Der Schäfer wurde aufmerksam. Diese Frau war längst verdächtig wegen böser Zauberei. Man wollte sie auf dem Heuberg in Schwaben, auf dem Köterberg und wieder auf dem Hui bei Halberstadt gesehen haben. Er gab sie an; sie wurde eingezogen, befragt und mit einem Stab von Erlenholz gestrichen, mit dem der Zauberei verdächtige Personen, wenn sie leugneten, gezüchtigt wurden, und dann in Banden geschlossen. Plötzlich verschwand das Weib aus dem Gefängnis, und niemand wußte, wohin sie gekommen war.

Einige Zeit darauf sah der arme Hirt unvermutet den verhaßten Wolf wieder aus dem Wald hervorbrechen; doch diesmal kam er nicht, um seine Herde, sondern um ihn selbst anzufallen. Der Kampf war wütend. Der Hirt nahm alle seine Kräfte zusammen gegen Zahn und Kralle des reißenden Untiers, und er wäre des Todes gewesen, wenn nicht zur rechten Zeit noch ein Jäger vorübergekommen wäre und nach vergeblichem Kugelschuß den Wolf mit einem Messer niedergestochen hätte.

In dem Augenblick, als das Blut aus seiner Seite sprang, lag das alte Dorfweib vor ihm auf dem Feld und wälzte und krümmte sich fürchterlich. Sie wurde nun vollends getötet und zwanzig Fuß tief unter die Erde verschüttet. Da, wo man das Weib vergrub, legte man einen großen Kreuzstein und nannte ihn, zum Andenken an diese Begebenheit, den Wolfstein. Es war aber nie ruhig und richtig in der Nähe des Steins, und der »Tückebote« oder der »Brennende Mann« treiben, wie das Volk sagt, noch jetzt hier ihr gefährliches Spiel.

 


 

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