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Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 560
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Mär vom Portal zu Sankt Jakob

        Das Kloster zu Sankt Jakob
Ist ein uralter Bau,
Doch dran wie alt die Pforte
Gar niemand wußt' genau.

Ein Sagenbuch urältest
Von einer Märe raunt,
Die gleich nach Römertagen
Verblüffet ward bestaunt.

Aus Welschland nach Regina
Siedelt ein Meißler um,
Getaufet, doch zwiespältig,
Ob Heid- und Christentum.

Und der ein Werk, ein steinern,
Vom Geist gequält begann,
Der Zwiespalt seiner Seele
Sich spiegelte daran.

Sich zwei Gesellen meld'ten
Bei ihm zu gleicher Zeit,
Der eine kam von Osten,
Aus Norden kam der zweit',

Der eine, blond und lieblich,
War im Gewerk ein Talk,
Der andre, schwarz und düster,
Gewandt, doch sehr ein Schalk.

Und lang mit ihrem Meister
Des Steinwerks pflegen sie,
Das, wie wir's da bestaunen,
Gar sonderbar gedieh.

Aus Heiligen und Fratzen,
Aus Mensch- und Tiergestalt
Ein seltsamlich Gemische,
Übt's neckende Gewalt.

Der Blonde schuf am Tage
In Einfalt manig Bild,
Dieweil in den Tavernen
Der Schwarze zechte wild.

Mittnächtlich kam der Schwarze,
Erbosten Eifers voll,
Und meißelte dazwischen
Grimassen grell und toll.

Und stets sich mühte wieder
Der Meister lobesam,
Daß zwischen Höll und Himmel
Ins Werke Eintracht kam.

So ging es manche Jahre,
Bis ward in blut'ger Nacht
Das Römervolk der Feste
Verjagt und umgebracht.

Während des Völkerkampfes
Ein zweiter sich begab,
Auch in des Steinmetz Hütte,
Die ward des Meisters Grab.

Die Lehrling stritten wütig,
Zerstörend ihr Gewerk,
Was, scheltend abzuwehren,
Nicht reicht' des Meisters Stärk'.

Sie schleudern nach den Köpfen
Werkstücke als Geschoß,
Dem Meister, der dazwischen,
Wird Steinigung zum Los.

Die Hütt' mit Brand verlodernd
Einstürzt, ein Kohlenhauf;
Ein Lehrling fährt zur Tiefe,
Ein Lehrling himmelauf.

Sechshundert Jahre rollen
Graunhaft die Zeitenbahn,
Da kommt vom Land der Scoten
Ein Mönch, heißt Marian.

Für sich und seine Flüchtling,
Er baut ein Klösterlein,
Grundgrabend, sieh – findet
Bildtrümmer aus Gestein.

Als weiser Mann begreift er,
Durch einen Traum belehrt,
Erfreut der reichen Bilder
Symbolisch tiefen Wert.

Baumeisterlich er stellet
Die Säuln und Bögen auf,
Verwendet drein die Bilder
Als Stützen und als Knauf.

Die Pfort' in das Gemäuer
Mit reicher Gliederung
Eintieft er, überwölbet
Von vieler Bogen Schwung.

Links dran und rechts dreigadig
Die Flügel breitet er,
Tiefst unten drin einfeldert
Die Fratzen voll Gezerr.

Der Einfalt Bilderspiele
Er säulenreihig fügt
Ins mittlere Gestöcke
Und drob die Bogen wiegt.

Das Werk des Meißelmeisters
Als seiner Schöpfung Kern
Läßt prangen er zuoberst,
Die zwölfe mit dem Herrn.

So stellt die Bilderfügung
Dazu des Meisters Ruhm,
Ob Welt und Höllen streiten –
Im Sieg das Christentum.

Des Meißlers Geist gebannet
Ist an sein Werk gewest,
Durch seines Werks Verständnis
Der Meister ward erlöst.

 


 

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