Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 543
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

Agnes Bernauer

Von Adalbert Müller.

1.
                    »Ach, Albrecht; rührt dich nicht mein Schmerz?
Muß ich vergebens flehen?
Mir ist so weh, mir ist so bang,
Mich deucht, als hört' ich Grabgesang;
Soll ich dich wiedersehen?« –

»Mit Gott! Ich kehre heim, bevor
Der Nord den Wald entblättert;
Geliebte Agnes, weine nicht,
Mich rufen Ehr' und Ritterpflicht,
Leb wohl! Das Heerhorn schmettert.«

Und als der teure Gatte schied,
Wer malt da ihren Jammer?
Zu StraubingAlbrecht hatte sie anfangs im Schloß zu Vohburg untergebracht; nach dem Turnier von Regensburg führte er sie in die herzogliche Hofburg von Straubing und gab ihr Hofstaat gleich einer Fürstin. saß sie im Gemach;
Wie manches Oh, wie manches Ach
Vernahm die stille Kammer.

Dem Lüftchen klaget sie ihr Leid,
Das sanft durchs Fenster eilet:
»O Lüftchen; fleug am Donaustrand
Hinauf mir in das ferne Land,
Wo jetzt der Gatte weilet.

Im Abenddunkel schwebe fort,
Und bring ihm meine Küsse,
Umflattre ihn bei stiller Nacht,
Wenn er im Zelte einsam wacht,
Wie leichte Geistergrüße.«

Wohl liebte nie ein Weib so treu,
Wohl nie ein Mann so bieder;
Wie Agnes ihren Albrecht liebt,
Wie Albrecht seine Agnes liebt,
So liebt kein Paar sich wieder.

Doch Albrecht war des Herzogs Sohn,
Sie eine Bürgerdirne.
Bald wurde – ach! – ihr Liebesbund
Dem strengen, stolzen Vater kund,
Grimm runzelt er die Stirne.

Zu München saß der alte Ernst
Auf golddurchwebtem Throne,
Um ihn im reichgeschmückten Saal,
Den Sternen gleich an Glanz und Zahl,
Die Großen seiner Krone.

»Ihr Stände dieses Reichs!« begann
Der greise Fürst zu sprechen:
»Ihr sehet uns gebeugt von Gram,
Erschüttert ist der Eiche Stamm
Und wankt und droht zu brechen.

Wo weilet Albrecht, unser Sohn,
Der Ritter sonder Tadel,
Der siegreich stets das Banner trug
Und zweimal Ziskas Krieger schlug,
Der Stolz von Bayerns Adel?

O such' ihn keiner in der Schlacht
Und nicht beim Waffenspiele.
Ein Bürgerweib hat ihn umstrickt
Und schlau des Helden Herz berückt,
Gefesselt ist sein Wille.

Ha, schmählich schläft der Leu und trägt
Die fluchenswerten Bande;
Man sagt – kalt schaudert's durch die Haut –,
Die Dirne sei ihm angetraut,
Dem Erben unserer Lande.

Wir han getreulich, edle Herrn,
Jetzt unser Leid entdecket;
Beratet, wie von Wittelsbach
Zu heben der Entehrung Schmach,
Die seinen Schild beflecket.«

Er schwieg, und Murmeln ringsherum,
Wie Meereswogen wallen,
Doch schnell regt lauter sich das Wort:
Verbannung hier und Kerker dort
Durchtönt's die stolzen Hallen.

Alsbald beschwichtigt das Getos'
Der Kanzler mit dem Stabe,
Voll ernster Würde tritt er vor,
Im Saale lauschet jedes Ohr,
Und still ist's wie im Grabe.

»Man nennt mich«, sprach er, »Albrechts Feind,
Drum sollt' ich lieber schweigen;
Doch nein! Es gilt ja Bayerns Heil,
Eh' will ich unters Henkerbeil
Den grauen Schädel neigen.

Verbannung? Kerker? – Kennt ihr wohl
Den Wahnsinn erster Liebe?
Wo stemmt sich ihm ein Riegel vor?
Wo sind die Fesseln, wo das Tor,
Die nicht sein Arm zerhiebe?

Ha, bergt sie hundert Meilen tief
In des Gebirges Schlünden;
Er schwimmt um sie durch Fluß und See,
Er klettert auf des Firners Höh',
Er sucht und wird sie finden!

Werft eine Welt ihm in den Weg,
Die nie ein Mensch erstiegen;
Solang er Staub nur ist, wie wir,
Nur jene Welt trennt ihn von ihr,
Nur dann muß er erliegen.

Ihr täuscht Euch, Herzog, so Ihr wähnt,
Als ob der Löwe schliefe;
Laut brüllend ist er auferwacht,
Zu Vohburg sammelt Heeresmacht
Der Erbprinz – hier die Briefe!

Wohl fürchtet er, daß Euer Zorn
Den schönen Treubund störe,
So stellet er sich drohend hin
Vor seine Baderkönigin
Mit blank gezückter Wehre.

Drum wollt Ihr nicht, daß Bürgerkrieg
Das Vaterland verderbe,
So fall' als Opfer sie dem Staat;
Dies, gnäd'ger Herzog, ist mein Rat:
Die Buhlerin – sie sterbe.

Und ist sie tot, dann gute Nacht!
Erst Schmerz, dann Schmach und Reue;
So rasend, mein' ich, ist er nicht,
Daß er für eine Leiche ficht,
Gen Vaterland und Treue.«

Er sprach's – beifällig nickt der Fürst;
Das Blutwerk muß gelingen.
Ein Bote eilt bei Sternenlicht
Nach Straubingen ans Fraißgericht,
Den Haftbefehl zu bringen.

 
2.
Und grimmiger schon pfiff der Wind
Hin durch die Stoppelfelder,
Die Wiesen standen nackt und kahl,
Der Blätter Grün war welk und fahl,
Und Nebel spien die Wälder.

Auch Agnes, trüber Ahnung voll,
Mocht nirgends ruhn und weilen,
Sie floh vor Angst durch Saal und Gang,
Und ihres Jammers Wehlaut drang
Bis durch der Winde Heulen:

»Mein Albrecht, schon entlaubt der Nord
Den Baum mit rauhem Wehen;
Muß ich erliegen wilder Pein
Und hier verlassen und allein
Vor Herzeleid vergehen?«

Es war am Sankt-Germanus-Tag,
Da schwärzte sich der Himmel;
Ein Wetter zog den Strom heran,
Mit Blitz und Donnersturm begann
Das greuliche Getümmel.

Des Schlosses Sparrwerk krachte dumpf,
Die hohen Fenster klirrten,
Die Fähnlein jammerten im Chor,
Manch Nebelbild rang sich empor,
Und blaue Flämmchen irrten.

Und sieh! Drei Raben rauschten hoch
Am Turm mit schwarzen Schwingen,
Sie krächzten traurig durch die Nacht:
»Vernehmt den Gruß der dunklen Nacht,
Von der wir Kunde bringen.

Wohl glücklich, die aus Aug' und Mund
Der Liebe Honig saugen,
Doch in des Stromes tiefem Grund
Erkaltet auch der wärmste Mund,
Verlischt der Strahl der Augen.

Ein weißes Täubchen saß im Korn,
Es war des Habichts Beute!
Ein Lämmchen weidete im Gras,
Das würgte sich der Wolf zum Fraß:
Wer deuten kann, der deute!«

Die schwarzen Warner logen nicht,
Als sie das Liedlein sangen;
In selber Stunde noch erbrach
Der Scherge Agnes' Schlafgemach
Und nahm sie stracks gefangen.

Er fesselte der Fürstin Hand
Mit schwerer Eisenkette
Und zerrte sie bei Nacht und Graus
Treppauf, treppab, Gang ein, Gang aus;
Naht keiner, der sie rette?

In düstrer Halle wartete
Des Lamms die Schlächterrotte:
Zwölf Richter saßen Mann an Mann,
Der Vizedom war obenan,
Mit ihm des Kanzlers Bote.

Sie sprachen dies und sprachen das
Und zischelten im stillen,
Den Richtern raunten sie ins Ohr:
»Besinnt Euch Ratsmann, seid kein Tor,
Sprecht nach des Herzogs Willen.«

Da knarrt die Tür, und Agnes naht
Im Glanze ihrer Schöne,
Den Engeln beßrer Welten gleich,
Und manches Eisenherz wird weich,
Manch Aug' weint eine Träne.

Doch rasch begann der Vizedom
Sein Opfer zu verhören;
Er frug wohl her und frug wohl hin
Und suchte ihrer Rede Sinn
Arglistig zu verkehren.

Zwei Männer zeugten mit dem Eid:
»Wir haben sie belauschet,
Wie sie ein Tränklein seltner Kraft
Gekocht aus gift'ger Kräuter Saft,
Das Kopf und Herz berauschet.«

Ein Waidmann schwor: »Zu Vohburg strich
Ich in den Burggehegen
Und hörte sie bei finstrer Nacht
Am Kreuzweg mit des Teufels Macht
Geheime Zwiesprach pflegen.« –

»Gott!« jammerte, »Gott!« schrie sie auf:
»Sie haben falsch geschworen!«
Da schnob der Vizedom ergrimmt:
»Hinweg mit ihr! Ihr Richter stimmt,
Die Stunden gehn verloren.«

Flugs ist ein Urteil abgefaßt:
»Agnes Bernauer, massen
Sie arger Schwarzkunst überführt,
So müsse sie, wie sich's gebührt,
Durch Henkershand erblassen.

Man stürze von der Brücke Rand
Sie in die Donauwogen,
Und morgens mit dem Frühgeläut
Vom Petersturm, bis selbe Zeit
Sei dieser Spruch vollzogen.«

 
3.
Aufs Lotterbettlein hingestreckt,
Umschwirrt von holden Träumen,
Schlief Albrecht; stille war's umher,
Kein Wort, kein Schwertklang regte mehr
Sich in des Lagers Räumen.

Treuliebchens freundlich kosend Bild
Erschien, den Schlaf zu süßen;
Ihn deucht's, er läg' in Agnes' Arm,
An ihren Lippen weich und warm
Berausch' er sich mit Küssen.

Wie träumt er selig sich, da kommt's
Scharf durch die Nacht geritten;
Vorm Zelte hemmt's des Rosses Trab,
Ein Reitersmann springt klirrend ab
Und naht mit raschen Schritten:

»Wach auf, mein Herr, wach auf, mein Fürst,
Laß stracks dein Horn erklingen;
Umgürte dich mit Schild und Schwert
Und borge deinem besten Pferd
Des Sturmes flücht'ge Schwingen.

Um Agnes' willen spute dich,
Sie morden sie noch heute:
Zu München brach man ihr den Stab,
Zu Straubing graben sie ihr Grab!
Wach auf, mein Fürst, und streite!«

Wie Wetterschläge donnerte
Die Post in Albrechts Ohren:
Wild schnaubte er den Knappen an:
»Wer hat ihr Leides angetan,
Die ich zum Weib erkoren?«

»Mich sendet der von Seiboltsdorf;
Herr, leset diese Zeilen!«
Es spricht's und reicht ein Schreiben dar:
»Noch ist zu wenden die Gefahr,
Doch braucht es baß zu eilen.«

Beim Lampenschein durchliest der Prinz
Den Brief des edlen Recken;
Sein Antlitz glühte rot vor Zorn,
Bald schmetterte das Silberhorn,
Als wollt' es Tote wecken.

Und links und rechts und rechts und links
Die Fähnlein sich erheben,
Viel blanke Ritter sprengen an.
»Fort!« ruft der Herzog. »Drauf und dran!
Es gilt um Agnes' Leben.«

Hallo – wohl über Berg und Tal
Flog's mit verhängten Zügeln,
So fährt der Blitz durchs Wolkengrau,
Kaum rüttelte den Morgentau
Der Hufschlag von den Hügeln.

Und eben glomm der erste Strahl
Auf Straubings höchsten Zinnen,
Da sprengte Albrechts eil'ger Troß
Durchs Tor und suchte nach dem Schloß
Die Pfade zu gewinnen.

Was woget auf und ab das Volk,
Was stürmt es durch die Gassen?
Ein heiseres Gebrüll ertönt,
Wie der gehetzte Eber stöhnt,
Wenn ihn die Doggen fassen.

Und lauter wird des Aufruhrs Wut
Und dichter das Gedränge,
Der Schwarm kommt tobend angerannnt,
Bald ist der teure Fürst erkannt –
»Zu spät!« ruft's aus der Menge.

»Zu spät! Die Untat ist geschehn;
Was half uns Dräun und Bitten?
Er mordet schnell, der Vizedom,
Sein Scherge warf sie in den Strom,
Schon hat sie ausgelitten.

Ach – ringend in des Henkers Arm
Rief sie des Gatten Namen:
›Hilf, Albrecht! Albrecht! Rette mich!‹ –
Umsonst; bald stürzte brausend sich
Ob ihr die Flut zusammen. –

Schaut hin, dort naht der Leichenzug!«
Und durch des Tores Bogen
Kam's langsam mit Geläut und Sang
Und schritt den breiten Markt entlang,
Und schwarze Fähnlein flogen.

Zum Münster wallt der Trauerzug,
Und Orgeltöne klagen,
Die Schar der Priester singt dazu:
»Herr, gib ihr deines Himmels Ruh',
Laß ew'ges Licht ihr tagen.«

Drauf setzten sie die Bahre hin,
Und düstre Fackeln scheinen;
Fürst Albrecht wanket an den Sarg,
Der seines Lebens Kleinod barg,
Und alle Augen weinen.

Nur er hat keine Träne; stumm
Erliegt er seinem Harme:
Dicht an der Leiche stürzt er hin
Und klammert um die Dulderin
Verzweiflungsvoll die Arme.

Viel Stunden bleibt er regungslos,
Das Herz droht ihm zu brechen;
Doch als die Abenddämmerung graut,
Da fährt er auf, da ruft er laut:
»Dein Tod – ich werd' ihn rächen!

Ha, Schwert, was flimmerst du so hell?
Ist's von den Leichenkerzen?
Wohl deut' ich deines Strahles Glut:
Dich lüstet's traun nach Schurkenblut;
Pulst's auch in deutschen Herzen?

Weh dir, dienstfert'ger Vizedom,
Schmiegsame, gift'ge Natter!
Weh euch, die ihr im Henkerrat,
Gesponnen diese Greueltat!
Weh dir, hartherziger Vater!

Ich schwör's!« – Sieh da, im Augenblick
Goß von der Kuppel Höhen
Ein klarer Lichtstrom sich herab,
Und rings um der Entseelten Grab
Begann ein mildes Wehen.

Mit wundersüßen Tönen klang's
Wie in der Engel Liede,
Herüber vom Altar und Chor
Rief's deutlich in der Lauscher Ohr:
»Nicht Blut, mein Albrecht! – Friede!«

Und Harfenton und Himmelsglanz
Verhallten und zerrannen;
Als er gesehen und gehört,
Zerbrach der Fürst das Racheschwert
Und schied versöhnt von dannen.

Doch jahrelang ging er herum,
Als wär' er krank und müde;
Der Freunde Trostwort hört' er kaum,
Und oftmals sang er wie im Traum:
»Nicht Blut, mein Albrecht! – Friede!«

 


 

 << Kapitel 542  Kapitel 544 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.