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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 536
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Graf Aswins Tanne (1)

Erzählt von Adalbert Müller. – Nach Aventin war es der Alphaltersberg (jetzt Einfaltesberg), in dessen Nähe die Kämpfe vorfielen. Er erhebt sich dicht an der Straße, die von Cham nach Straubing führt.

Im Böhmerwald stehen viele Bäume, und die Bäume haben viele Äste und Zweige; aber so viele Nadeln oder Läublein an den Ästen und Zweigen allen hängen, so viele Stöße und Hiebe wurden ehedem unter den Grenzbewohnern gewechselt von hüben und drüben.

Es war ein wildes, unsicheres Leben hier in alter Zeit, und kaum verging ein Tag im Jahr, an dem die Deutschen und die Slawen sich nicht in den Haaren lagen. Feuer und Wasser wären besser miteinander ausgekommen als diese beiden grundverschiedenen Völkerschaften. Erst als der große Kaiser Karl die böhmische und sorbische Mark gestiftet hatte, wurde Ruhe, und es konnten an der Grenze einige Ortschaften in Aufnahme kommen.

Kaum aber hatte der Tod dem preiswürdigen Fürsten die Zügel der Herrschaft entrissen, und die Slawen spürten nicht mehr den Druck seiner starken Hand, so brachen sie wieder los und suchten das deutsche Gebiet mit ihren Beutezügen heim. Und diese gemeinschädlichen Grenzbalgereien dauerten fort bis ins sechzehnte Jahrhundert, wie denn Vater Aventin in seiner vielbelobten Chronika schreibt: »Im Böhmerwalde ist der Hädweg (der Arber) der höchst Berg oberhalb Passauw, auff dem ein großer See, darumb die Behemen und Bayern noch kriegen, wer stercker kempfft, wirfft den andern in See.«

In den Tagen Heinrichs IV. hausten die Slawen ärger denn je mit Raub und Mordbrand. Da faßte der Kaiser den klugen Entschluß, ein mächtiges Dynastengeschlecht nach den bedrängten Gegenden zu verpflanzen und in solcher Weise die Grenzhut zu stärken. Er sah sich zu dem Ende die Grafen von Bogen aus, die längs der Donau weit über die Berge und die dampfenden, brausenden Wälder geboten, vom Einfluß des Regen hinunter bis zur Ilz.

Diese begabte er mit vielen Dörfern und Weilern im Grenzbezirk, als da sind: Grawat, Vurte, Mazelin, Tichanesberg, Trasanesdorf, Buchberg und Sichowa. Die Grafen bauten feste Burgen und Wehren und legten Mannschaft hinein, so daß die stößigen Nachbarn, wenn sie über die Grenze wollten, eine harte Nuß zu beißen fanden.

Einmal war ein absonderlich fruchtbares Jahr eingetreten, und im Regental lag das Korn Garbe an Garbe auf den Feldern. Das erspähten die Böhmen drüben auf ihren weitschauenden Felsgipfeln, und es beschlich sie die Lust, zu ernten, wo sie nicht gesät hatten. Also taten sie sich in großen Haufen zusammen und wimmelten aus den Wäldern und Schluchten hervor, so dicht wie ein Heer Ameisen. Aber Graf Aswin hielt treue Wacht. Seine Mahnboten eilten von Schloß zu Schloß, und die Notfeuer brannten auf den Bergen durch den ganzen Nordgau hin. Und als er hinlängliche Streitmacht zu haben glaubte, zog er den Böhmen entgegen und schlug sie in drei Feldschlachten nacheinander.

Das letzte Treffen geschah am Alphaltersberge, jetzt Einfaltesberg genannt, hart an der Landstraße, die von Cham gen Straubing führt. Dort rastete nach blutiger Arbeit der Graf unter einer hohen Tanne, und es stieg ihm der Gedanke auf, das Gedächtnis des Tages bleibend an die Nachkommen zu bringen. Alsbald ließ er sein Schwert durch die Lüfte sausen und hieb mit mächtigen Schlägen in den Stamm der Tanne das Zeichen des Kreuzes.

Der mannliche Held wurde hoch gefeiert in Lied und Sage, und beim Volk hieß er der Schreck der Böhmen. Die Tanne stand viele Jahrhunderte aufrecht, denn Axt und Säge mieden sie mit frommer Scheu. Es ist nicht so lang her, daß sie, altersmorsch, vom Wind gebrochen wurde.

 


 

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