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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 53
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Was ein Vaterunser wert ist

Von Theodor Holscher.

                  Zu Augsburg an dem Palast des Bischofs steht ein Mann,
Dem wird jedweden Mittag die Pforte aufgetan.
Dann reicht der Küchenmeister auf seines Herrn Gebot
Dem greisen Bettelmann ein reichlich Mittagbrot.
Und dieser nassen Auges verzehret das Geschenk
Und betet drei Vaterunser, des Gebers eingedenk.
Einst drang manch trübe Märe bis zu des Bischofs Ohr,
Daß er darob den Frohsinn und alle Ruh' verlor.
Er wandelte, um sich zu erheitern, hinaus in den duftigen Mai,
Da führt ihn seine Straße an dem greisen Bettler vorbei.
»Sieh da«, so sprach Sankt Ulrich, »wie geht es dir, mein Gast?«
»Wie immer, Euer Hochwürden«, sprach der Alte ernst und gefaßt.
»Mir geht es nicht wie immer«, entgegnet jener, »mir kam
So manche Kunde gestern, die alle Ruh' mir nahm.
Vergessen hast du sicher zu beten gestern für mich
Die heiligen Vaterunser, doch speis' ich täglich dich.«
Der Bettler sprach: »O Vater, ich betete gestern nicht,
Denn euer Küchenmeister der machte ein finster Gesicht,
Als ich erschien, und murrte und wies mich von der Tür:
›Such heut' dein Brot woanders, heut' findest du nichts hier.‹«
Und zornig kehrt der Bischof zurück in den Palast,
Beschied vor sich zur Strafe den Küchenmeister in Hast
Und sprach: »Sieh an, welch Elend und welches schwere Kreuz
Du über mich gehäufet durch deinen bösen Geiz!«
Der Küchenmeister trotzig und allzudreist fragt frei,
Ob an einem Vaterunser soviel gelegen sei.
»Was?« ruft entrüstet der Bischof. »Du fragst noch also kühn?
Wohlan, du sollst mir nach Roma zum Heiligen Vater ziehn,
Den sollst du fragen, wieviel wohl ein Vaterunser sei wert.
Und seine Antwort bringst du, dann sei dir Verzeihung gewährt.« –
Und als er kommt nach Roma in vieler Pilger Chor,
Geht er zum Heiligen Vater und legt die Frag ihm vor:
Wieviel ein Vaterunser an Gelde wohl sei wert?
Der spricht: »Ein Vaterunser – einen güldnen Pfennig ist's wert.« –
Der Küchenmeister brachte Sankt Ulrich den Bescheid,
Der fragt: »Der gülden Pfennig, wie breit ist er, wie breit?«
So muß nach Roma wieder der Küchenmeister zurück
Und geht zum Heil'gen Vater und fragt mit trübem Blick:
»Wie breit ist der güldne Pfennig, der ein Vaterunser wert?«
Der Papst versetzt: »Er ist wohl so breit wie die ganze Erd'.« –
Als das Sankt Ulrich hörte, sprach er mit ernstem Blick:
»Doch kannst du mir auch sagen, der güldne Pfennig wie dick?«
Da murrte der Küchenmeister; doch weil er es nicht wußt',
Hat er zum dritten Male gen Roma wandern gemußt.
Und als den Papst er fraget: Der Pfennig, von Golde rein,
An Wert ein Vaterunser, wie dick der müsse sein?
Da tönt's: »So weit der Himmel entfernt ist von der Erd',
So dick sei der goldne Pfennig, der ein Vaterunser wert.
Denn was der Mensch gewinnt, woran er labet den Mut –
Ein andächtig Vaterunser ist besser als alles Gut.«
Beschämet kehrt zum Bischof der Küchenmeister zurück
Und bringt ihm diese Antwort mit niedergeschlagenem Blick.
Da sprach der heilige Ulrich und hob zu reden an:
»Nun siehe, solchen Schaden hast du mir angetan;
Drum geh und schätze künftig ein Vaterunser mehr
Und gib dem Bettler wieder die Gabe zu Gottes Ehr,
Daß er andächtig bete, sooft er das Geschenk
Genießt, drei Vaterunser, des Gebers eingedenk.«

 


 

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