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Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 529
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Sankt Gotthard

Von Isabella Braun

1.
            Im jungen Herzen Wissensdrang
Und Sehnsucht nach der Lehrer Worte,
Jung Gotthard schritt das Tal entlang
Jedweden Tags zur Klosterpforte.
Es war sein Herz wie Äther rein
Und klar als wie der Sonnenschein;
Und wie das Blümchen auf der Au,
Wo jedes nach dem Licht sich kehret;
Und wie der reine Tropfen Tau,
In dem der Himmel sich verkläret;
Und wie die Biene war es auch,
Die Honig sucht in Blüt' und Strauch;
Wie's Vöglein, das die Flügel hebt
Und nach den höchsten Lüften schwebt;
Und wie das grüne Waldbereich,
Drin Liedlein tönen voll und weich,
Die alle Gott im Himmel oben
Für seine Vatergüte loben.
Mit solchem frommen Kindessinn
Der Knabe zog zur Schule hin.
Doch wie er einmal durch die Auen
Die Schritte lenket wohlgemut,
Da ist, statt Wiesengrün zu schauen,
Ringsum nur öde Wasserflut.
Vom Regengusse angeschwellt,
Daß jagend treiben sich die Wogen,
Kam durch der Wiese Blumenwelt
Der rasche Donaustrom gezogen;
So weit das Auge immer schaut
Entgegen ihm das Wasser graut.
Da steht der Knabe sinnend still;
Was ist's, das er beginnen will?
Erst blickt er in die Wogen nieder,
Dann auf das ferne Kloster hin;
Nun hebt er seine Augenlider
Zum Himmel auf im Glaubenssinn.
Es strahlt sein Auge wunderbar
Wie Sternlein in der Nacht so klar;
Ein Lächeln schwebt um seinen Mund
Wie Zephyrs Hauch in heißer Stund';
Und ein Gebetlein fromm und leis
Steigt nun daraus zu Gottes Preis;
Dann aber geht er voller Mut
Getrost und fröhlich durch die Flut.
Hat ihn ein Engelein geführet?
Ward ihm der Glaubenssinn zum Boot?
Denn sieh – vom Wasser unberühret
Er schreitet durch die Wogennot
Und langt auf seiner nassen Bahn
Im Kloster trocknen Fußes an.
 
2.
Die Glocken läuten im Verein,
Daß rings die Auen widerhallen;
Sie laden zu dem Feste ein,
Und viel fromme Pilger wallen
Mit andachtsvollem Glaubenssinn
Und eil'gem Schritt zum Kloster hin.

Versammelt in der Sakristei
Sind schon die Priester und Leviten;
Jung Gotthard stehet fromm dabei
Als Ministrant in ihrer Mitten;
Der Andacht Feuer im Gemüt
Aus seinem Kinderauge glüht.

Denn oh, er darf dem höchsten Gut,
In heiliger Monstranz verborgen,
Des Rauchwerks düftereiche Glut
Darbringen heut am Festesmorgen;
Drum wallt sein Herz so froh und hehr,
Weiß nichts von dieser Erde mehr.

Nun tritt der Priester zum Altar,
Mit ihm die Ministrantenknaben.
Schon sinkt aufs Knie die gläub'ge Schar;
Und mit des Weihrauchs Opfergaben
Tritt Gotthard an der Stufen Rand
Das Rauchfaß in der kleinen Hand.

Doch sieh! Die Glut erloschen ist,
Kein Funke lebet in den Kohlen;
Da eilt er – kurz ist ja die Frist –,
Sich neue zu dem Dienst zu holen.
Doch wie er rasch die Kohle wählt,
Das Glutgefäß dem Armen fehlt.

Nur einen kurzen Augenblick
Hält Zaudern seinen Sinn umfangen;
Dann glüht im Glaubensstrahl sein Blick,
Und Freude glänzt auf seinen Wangen;
In frommen Eifers Drang und Hast
Er mit der Hand die Glut erfaßt.

Und einfaltsvoll und glaubensklar
Die Glut er in sein Chorhemd schlinget;
Und angekommen am Altar
Das Rauchfaß er nun eilig schwinget,
Auf daß, von Weihrauchduft umweht,
Zum Himmel steige das Gebet.

Und segnend blickt vom Himmelsthron
Gott Vater auf die Opfergaben;
Er spendet reichen Glaubenslohn
Dem frommen, unschuldsvollen Knaben,
Denn unversehrt vom Glutenbrand
Ist Gotthards kirchliches Gewand.

 


 

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