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Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 513
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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St. Kastels Heiligtum

Von Adalbert Müller. – Die Geschichte vom Esel ist am Chor der Kirche abgebildet.

                Einst kam ein welsches Mönchlein ins Land
Und pilgerte aufwärts am Isarstrand;
Der Schwarzrock ging müd und gekrümmt einher,
Denn auf dem Rücken trug er schwer
Ein Särglein in Gold und Steine gefaßt.
Und wie er so langsam fürbaß zieht,
Er tief im Tal eine Mühle sieht;
Daneben im Garten ein Eslein grast,
Ein feines Tier, gar feist und rund.
Das Mönchlein besinnet sich zur Stund'
Und geht hinab und ruft ins Haus:
»Freund Müller, erheb dich, und komm heraus!« –
Der drinnen fragt: »Was begehrst du mein?« –
Der Mönch versetzt: »Dein Eselein
Gib mir; denn sieh, ich trage schwer
Und komme fern von den Bergen her,
Und fern noch ist meiner Reise Ziel.«
Der Müller staunt und sträubt sich viel:
»Ei«, spricht er, »gäb' ich den Esel dir,
Wer trüge Korn und Gemalm hinfür?«
Drauf sagt das Mönchlein seinen Spruch:
»Wir lesen im heiligen Bibelbuch:
Als Jesus gen Jerusalem fuhr,
Er fand eine Eselin auf der Flur,
Die hat er zu einem Ritt begehrt,
Der Bauer – ein Heide nur – gewährt'
Alsbald dem Herrn; und du widersinnst –
Ein Christ – meinem Heiligen den Dienst?
Denn wisse, in diesem Särglein ruht
Sankt Kastels Heiltum – sein Leib und Blut.«
Der Müller hört's, und aufs Angesicht
Er fällt und frommen Glaubens spricht:
»Gelobt ist Gott, der solcher Gnad'
Mich armen Sünder gewürdigt hat!
Nimm hin, deine Fahrt sei benedeit!«
Drob ist der Mönch gar hoch erfreut;
Er setzt das Särglein hin ungesäumt
Und spricht, indes er den Esel zäumt
Und packt, ein segnend Scheidewort
Und macht sich auf und wandert fort.

Und unverdrossen bergauf, bergab
Geht's Eselein seinen raschen Trab,
Daneben der Mönch mit lautem Sang,
So pilgern sie den Strom entlang
Den ganzen Tag und kommen spät,
Da schon die Sonne niedergeht,
Am Fuße eines Hügels an.
Und sieh! Jetzt führet sie die Bahn
In eines Hohlwegs Schacht hinein;
Bald stoßen sie auf einen Stein –
Er lag breit über den Engpaß her –
Und können nicht vor, nicht rückwärts mehr.
Das Eselein steht und spitzt das Ohr
Und schnaubt; der Mönch springt hurtig vor
Und hilft dem Tier, lenkt's kunstgerecht,
Daß er's zum Sprunge reizen möcht':
Umsonst – wie er sich quält und müht,
Der Esel steht und regt kein Glied.
Drob zürnt das Mönchlein und schwingt den Stab
Und prügelt den armen Langohr ab;
Und sieh, das Tier ächzt, schwankt und fällt
Zu Boden, zuckt – und liegt entseelt.

Der Pater steht fast betroffen da
Und wundert sich höchlich, wie's geschah,
Daß also plötzlich dem schwachen Schlag
Das flinke, rüstige Tier erlag.
Und trauernd nimmt er des Packwerks Last
Dem Toten ab; und als er faßt
Und stellt auf den nahen Stein hinum
Den Sarg mit Sankt Kastels Heiligtum,
Da fängt's – o Wunder! – hoch in der Luft
Und wieder tief in des Berges Kluft
Mit hundert Glocken zu läuten an;
Die Sterne verlassen ihre Bahn
Und schweben funkelnd herab und reihn
Sich um den Sarg zum Heiligenschein;
Und reg' und laut wird's rings im Wald,
Ein tausendstimmiger Chor erschallt,
Als säße auf jedem Zweig und Blatt
Ein Engel und säng' das Glorifikat.

Den Lobgesang, das Festgeläut
Vernimmt man im Lande weit und breit.
Die Gläubigen folgen treu dem Schall
Und kommen und sehn die Wunder all;
Und jeder des Himmels Gnade preist,
Und jedem offenbart der Geist,
Daß, wo das Eselein verschied am Stein,
Der Heilige wolle begraben sein.
Und von des Glaubens Begeisterung
Ergriffen regt sich alt und jung,
Karrt, zimmert, gräbt, trägt Steine bei
Und rührt geschäftig des Mörtels Brei,
Und alsbald steigt's mit Turm und Chor
Hoch über Sankt Kastels Grab empor;
Und dicht daneben, demütig klein,
Baun sie für Mönche ein Klösterlein,
Auf daß sie hier durch alle Zeit
Lobsängen Gott Sabaoths Herrlichkeit.

 


 

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