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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 511
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Turmaffe zu München

Mit den alten Häusern schwindet so manches steinerne oder gemalte Wahrzeichen, daran sich eine uralte Geschichte oder eine sagenhafte Überlieferung knüpfte. So befand sich im alten Hofgebäude zu München vormals ein Turm, auf dessen Spitze sah man einen aus Stein gehauenen Affen. Das gedenken freilich die jetzigen Münchener nicht mehr; kaum die ältesten Leute erinnern sich daran. Wie aber der Affe aus Stein auf den Turm gekommen ist, davon erzählte man folgende Geschichte.

Vor alters war der Brauch, daß sich die großen Herren nicht nur Hofnarren, sondern auch Leibaffen zu ihrer Kurzweil und Belustigung hielten. Da hatte denn auch ein Herzog von Bayern einen solchen Affen bei Hofe. Der Affe mußte einer von den guten und leutseligen gewesen sein, denn er durfte nach Belieben im ganzen Schloß herumwandern und war überall, wo er sich aufhielt, wohl gelitten.

Nun eines Tages geschah es, daß der Affe sich zufällig ganz allein in dem Zimmer befand, in dem ein Söhnlein des Herzogs in der Wiege lag. Den Affen, der schon mehrmals die Wärterin beobachtet hatte, wie sie das Kind in die Arme nahm, wiegte und schaukelte, kam eine Lust an, die Rolle der Wärterin zu spielen. Also hob er den Prinzen aus der Wiege, schloß ihn fest in seine Arme und fing an, voller Freude mit dem Kindlein hin und her zu rennen. In diesem Augenblick sieht ihn die Wärterin und stößt einen Schrei des Entsetzens aus, wie sie das teure Wesen in den Armen des rauhen Tieres erblickt. Darüber erschrickt der Affe, rennt mit dem Kind davon, die Wärterin hinter ihm her, durch die Gänge des Schlosses, die Treppen auf und nieder, bis endlich der verfolgte Affe am Dach anlangt, zu einem Loch hinausschlüpft und sich auf die Spitze des Erkerturms setzt.

Da war nun guter Rat teuer; die herzogliche Familie im Hof war in Todesangst, niemand getraute sich, den Affen weiter zu verfolgen, weil das Leben des Prinzen dabei in Gefahr schwebte. So ließ man ihn denn ruhig eine Zeitlang mit dem Prinzen im Arm auf dem Turm sitzen.

Als das Tier sah, daß es wieder ruhig geworden war und seine Verfolger verschwunden seien, kam es mit dem Prinzen im Arm wieder vom Dach herab und brachte das Kind unversehrt in die Wiege zurück. So groß nun die Freude der herzoglichen Familie darüber war, so durfte sich doch der Affe nicht mehr in den fürstlichen Zimmern sehen lassen, und zum Angedenken wurde sein Bild in Stein gehauen auf die Zinne des Turms gesetzt.

 


 

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