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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 492
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Das Ehrenmännlein

Wenn man von Lindau in nordöstlicher Richtung über Reutin, die Staig und das Wannental geht, so kommt man in eine enge Talschlucht, durch die ein Wasser rinnt, das weiter unten in Rickenbach ein Mühlrad in Bewegung setzt. Im Munde des Volkes heißt diese Talschlucht das »Beseriiter Tobel«, weil weiter oben und außerhalb des Waldes das Pfarrdorf Bösenreutin liegt. Von jenem Bächlein bis auf die Höhe hinauf führt ein gar freundlicher Weg durch das Waldesdunkel über hundertundetliche Stufen.

In jenem Tobel nun soll vorzeiten das Ehrenmändle, eine Art von Wichtelmännchen oder Kobold, sein Wesen getrieben haben. An schönen Sommertagen pflegte es all seine Schätze und Reichtümer – worunter besonders sehr schöne silberne Löffel und Teller waren – vor seine Behausung herauszutragen, sie da zu putzen und förmlich zur Schau auszustellen, ohne sich dabei eine Ruhe zu gönnen; immer gab es wieder hier oder dort was zu wischen und abzustauben. Wollte man sich ihm nähern, so war im Nu die ganze Bescherung verschwunden. Die Geschäftigkeit dieses Gnoms soll immer lang anhaltendes schönes Wetter angezeigt haben; deshalb pflegte man abends nach dem »Heuen« ein Stücklein Brot auf die Türschwelle zu legen, um ihm dadurch seinen Dank auszusprechen.

Man sah das Ehrenmändle auch zur Winterszeit nach eingetretener Dunkelheit nicht ungern in Häusern und Stallungen, da sein Erscheinen immer Glück gebracht hat. Seit dem Schwedenkrieg soll es nicht mehr gesehen worden sein.

Auch geht die Sage, daß einige junge Burschen, in der Absicht, das gute Männlein zu necken und herauszulocken, eine lebendige Ente in seine Höhle hineingeworfen haben, die eine halbe Stunde weiter östlich im Lettenbach fludernd wieder gesehen worden sei.

Das kann aber nicht wohl sein. Der Erzähler gab sich selbst die Mühe, hineinzukriechen, fand aber keine Fortsetzung dieser Höhle oder einen anderen Ausgang. In einer alten, im Jahre 1626 von dem Maler Rauh zu Wangen verfertigten, sehr genauen Karte der Umgegend heißt es ganz deutlich »Erzmannloch«, was den Erzähler auf den Gedanken brachte, diese Höhle möchte vielleicht der Eingang zu einem aufgegebenen, nun ganz verlassenen und eingestürzten Schacht sein. Das Ganze hat von außen mehr das Ansehen eines Dachsbaus und wird zur Stunde noch Ehrenmändles Loch genannt.

Sollte irgend jemand es aufsuchen wollen, so müßte er sich an die Insassen des zunächst gelegenen Bauernhofes wenden, wo man es beim »Wagner« im Tobel heißt.

 


 

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