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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 491
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Elfen im Hochland

Vor vielen hundert Jahren lebte auf den Höhen und in den Schluchten der Berge ein wundersames Geschlecht, vom Volk Elfen genannt. Doch waren diese nicht die kleinen lustigen Wesen, die seit den Tagen der Vorzeit einsame Flußtäler, Gebirgsschluchten und tiefe Wälder bevölkerten, damit auch so ganz abgelegene, verborgene Orte nicht ohne Leben und Bewegung seien; Völklein, die Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen hatten und von Blütenstaub und Tautropfen lebten; sondern die Elfen dieses Gebirges sollen zarte Jungfrauen gewesen sein, verleugnete Kinder des ersten Menschen, die vor dem Angesicht des Herrn in die Berge fliehen mußten. Da lebten sie nun seit undenklichen Zeiten, und in den undurchdringlichen Forsten säuselten ihre Klagen, und ihre schönen sanften Lieder tönten wunderbare Weisen, wie sie sonst auf Erden nirgends gehört wurden.

Wenn ein Wanderer manchmal nachts auf selten betretenen Pfaden über die Joche aus dem einen Tal in das andere zog, und er hatte das Herz voll Gram oder barg böse Gedanken und Groll und bitteres Wesen in seiner Brust, und er hörte ihre weichen, sanften Melodien, da kehrte es ihm oft plötzlich den bösen, düsteren Sinn herum; denn die Elfen hatten die Gabe – weil sie selber rein und unschuldig waren –, die Menschen, die sie hörten, zu milderen Sitten zu bringen. Tag und Nacht schweiften sie durch die Wälder und weinten ob ihrer Verbannung und dem herben, traurigen Geschick, das Angesicht der Sonne und das Licht des Tages nicht sehen zu dürfen und rastlos wandern zu müssen bis zum Ende der Tage.

Sie nährten sich von der Milch der Herden, die auf den Almen weideten; in der Stille der Nacht kamen sie aus den schwarzen Wäldern und molken die Kühe, aber nur die, die braven Leuten gehörten oder von guten, frommen Hirten und Hirtinnen gehütet wurden, denn es war der lautere Segen in dem Besitztum der Menschen, an dem sie teilnahmen. Die Kühe gaben dann doppelt und dreifach soviel Milch, und die Landleute erlebten an ihnen keine Unfälle. Darum hatten die Sennerinnen die »Fräulein«, wie sie die Elfen auch nannten, lieb und hielten sie hoch in Ehren; und manches Körbchen mit saftigen Erdbeeren und duftenden Alpenrosen wurde den Kühen zwischen die Hörner gebunden, damit die Elfen es fänden und sich daran erfreuten.

Und manchmal, wenn die Sennerin dem scheidenden Jäger nachsah, der in der Stille der Nacht von der Jagd heimkehrend den Berg hinunterstieg, erblickte sie in der Ferne ein Fräulein und mußte weinen, wenn sie an die guten, sanften Wesen dachte, die so gern zu den Menschen gegangen wären. Sie hätte ihnen helfen mögen; aber die scheuen, armen Verbannten flohen die Gesellschaft und das Gespräch glücklicher Menschen, die das Tageslicht schauen und frei hinwandeln konnten, wohin sie wollten, und eine Heimat hatten, während sie selber von keiner anderen wußten als von den kalten rauhen Bergen.

Jetzt freilich sieht man keine Elfen mehr, und die ältesten Leute erinnern sich nur, vom Großvater erzählen gehört zu haben, daß ihm als jungem Jäger einmal, als er sich verirrt hatte, eine Elfe den Weg gewiesen hatte; oder von der Großmutter, daß die Kühe, die sie als Sennerin gehütet hatte, doppelte Milch gegeben hätten, weil die Elfen sie molken. Wie aber die Menschen in der ganzen Welt weiser und gescheiter wurden, so haben all jene wunderbaren Geschlechter, von denen die Sage erzählt, sich noch scheuer vor ihnen zurückgezogen; denn mit der alten Einfalt verloren die meisten Menschen auch die besseren Sitten und wurden ein zügelloses, böses Volk.

Da begab es sich vor etwa 150 Jahren, daß in einer mondhellen Sommernacht ein Knecht über die Berge hereinkam in das Tal, von dem ich am Anfang gesprochen habe. Eilig zog er seines Weges, denn er fürchtete die Rache der Bewohner eines entfernten Teiles, wo er eben im Zorn des Streites einen Mann getötet hatte. Noch klebte das Blut des Erschlagenen an seinen Händen, und in seiner Seele schlugen noch der Groll und die Mordlust in hellen Flammen empor.

Wie er nun so hinschritt an den Halden, stand er plötzlich bei einer Herde und gewahrte eine Elfe, die eines der Tiere molk. Er stürzte auf sie zu und traf sie mit seinem schweren Bergstock auf das zarte Haupt, daß sie seufzend zu Boden sank und das warme Blut die Erde färbte. Dann wanderte er zornig und fluchend weiter; aber am westlichen Himmel stieg ein Gewitter auf, und in seiner Seele wurde es finsterer und kälter als je. Die Blätter der Bäume zitterten mit unheimlichem Rauschen; die Vögel des Waldes, die eben vom ersten Morgenhauch geweckt worden waren, erwachten, riefen ihm seinen Mord und den frevelhaften Eingriff in das Reich der Natur vor das wild empörte Gewissen, und das schwere Röcheln der sterbenden Elfe stöhnte noch in der Ferne und hallte schauerlich in der schweigenden Waldeinsamkeit wider.

Darauf stieg die Sonne über den Felsen empor, und sie erschien ihm blutrot, aber bald brach das Gewitter los, das immer höher und drohender sich erhoben hatte; eine unnennbare Angst lagerte sich schwer auf die schuldbeladene, mordbefleckte Seele und stieg schnell zum zermalmenden Wahnsinn. Im dicksten Gebüsch des Tals versteckte er sich vor den zuckenden Blitzen, und noch, als das Gewitter längst vorüber war, lag er von Angst erschöpft, betäubt, zitternd in seinem Schlupfwinkel und heulte und tobte in schrecklicher Verzweiflung. Er gedachte mit dem Messer seine Qualen zu enden, aber die ohnmächtige Hand vermochte den Todesstoß nicht zu führen.

Am späten Abend stand wieder der Vollmond ruhig und klar über dem Tal; da begann es auf den Höhen ringsum sich zu regen, und in der Geisterstunde erscholl eine gellende Stimme und tönte in den Bergen und an den Felswänden wider: »Alle neun Reiche auf! Elfe ist tot!«

Der Mörder hörte den Ruf und stürmte auf und rannte zum See hinein, bis das Wasser ihm über dem Kopf zusammenschlug; aber die Wellen bäumten sich und schleuderten ihn hoch empor, und eine warf ihn der anderen zu, bis er sinnlos, zerschlagen wieder am Ufer lag. Er raffte sich mit letzter Kraftanstrengung auf und wankte einen Berg hinan, bis er blutend und schweißtriefend oben stand, wo eine schauerliche Tiefe heraufgähnte. Da nahm der Verzweifelnde einen gewaltigen Ansatz und sprang über den Rand hinaus in den bodenlosen Abgrund.

Von den Elfen hat man seit jener Zeit in dieser Gegend nichts mehr gehört noch gesehen, und der frühere überschwengliche Segen ist aus dem Tal gewichen; die Arbeit und Mühe der Bewohner ist dieselbe wie überall, und die Leiden und das Unglück suchen auch hier regelmäßig die Hütten der Bewohner heim.

 


 

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