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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 485
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Heinrich von Kempten (1)

Kaiser Otto der Große wurde in allen Landen gefürchtet, er war streng und ohne Milde, trug einen schönen, roten Bart; was er bei diesem Bart schwor, machte er wahr und unabänderlich. Nun geschah es, daß er zu Babenberg (Bamberg) eine prächtige Hofhaltung hielt, zu der geistliche und weltliche Fürsten des Reiches in großer Zahl kommen mußten. Am Ostermorgen zog der Kaiser mit allen diesen Fürsten in das Münster, um die feierliche Messe zu hören. Unterdessen wurden in der Burg zu dem Gastmahl die Tische bereitet; man legte Brot und setzte schöne Trinkgefäße darauf.

An des Kaisers Hof diente damals auch ein edler und wonnesamer Knabe; sein Vater war Herzog in Schwaben, und er hatte nur diesen einzigen Erben. Dieser schöne Jüngling kam von ungefähr vor die Tische gegangen, griff nach einem linden Brot mit seinen zarten, weißen Händen, nahm es auf und wollte essen, wie alle Kinder sind, die gern in hübsche Sachen beißen, wonach ihnen der Wille steht. Wie er nun ein Teil des weißen Brotes abbrach, ging da mit seinem Stab des Kaisers Truchseß, der die Aufsicht über die Tafel haben sollte; der schlug zornig dem Knaben aufs Haupt, so hart und ungefüge, daß ihm Haar und Haupt blutig wurden. Das Kind fiel nieder und weinte heiße Tränen, weil es der Truchseß so geschlagen hatte.

Das sah ein auserwählter Held, genannt Heinrich von Kempten, der war mit dem Kind aus Schwaben gekommen und dessen Zuchtmeister; heftig verdroß es ihn, daß man das zarte Kind so unbarmherzig geschlagen hatte, und er fuhr den Truchseß wegen seiner Unzucht mit harten Worten an. Der Truchseß sagte, daß er kraft seines Amtes alle ungefügen Schalke am Hof mit seinem Stab abwehren dürfe. Da nahm Herr Heinrich einen großen Knüttel und spaltete des Truchsessen Schädel, daß dieser wie ein Ei zerbrach und der Mann tot zu Boden sank.

Unterdessen hatten die Herren Gott gedient und gesungen und kehrten zurück; da sah der Kaiser den blutigen Estrich, fragte und vernahm, was sich zugetragen hatte. Heinrich von Kempten wurde auf der Stelle vorgeführt, und Otto, von tobendem Zorn entbrannt, rief: »Daß mein Truchseß hier erschlagen liegt, schwöre ich an Euch zu rächen, bei meinem Bart!«

Als Heinrich von Kempten diesen teuren Eid ausgesprochen hörte und sah, daß es sein Leben galt, faßte er sich, sprang schnell auf den Kaiser los und ergriff ihn bei dem langen roten Bart. Damit schwang er ihn plötzlich auf die Tafel, daß die kaiserliche Krone von Ottos Haupt in den Saal fiel, und zückte – als die Fürsten herzusprangen, den Kaiser von diesem wütenden Menschen zu befreien – sein Messer, indem er laut ausrief: »Keiner rühre mich an, oder der Kaiser liegt tot hier!« Alle traten zurück – Otto winkte es ihnen zu –, der unverzagte Heinrich aber sprach: »Kaiser, wollt Ihr das Leben haben, so gebt mir Sicherheit, daß ich unbehelligt bleibe.«

Der Kaiser, der das Messer an seiner Kehle fühlte, hob die Finger in die Höhe und gelobte dem edlen Ritter bei kaiserlichen Ehren, daß ihm das Leben geschenkt sein solle.

Heinrich ließ, sobald er diese Gewißheit hatte, den roten Bart aus seiner Hand und den Kaiser aufstehen. Dieser setzte sich aber ungezögert auf den königlichen Stuhl, strich sich den Bart und redete in diesen Worten: »Ritter, Leib und Leben habe ich Euch zugesagt, damit fahrt Eurer Wege; hütet Euch aber vor meinen Augen, daß sie Euch nimmer wiedersehen, und verlaßt Hof und Land! Ihr seid mir zu schwer zum Hofgesinde, und mein Bart müßte immer Euer Schermesser meiden!«

Da nahm Heinrich von allen Rittern und Bekannten Abschied und zog gen Schwaben auf sein Land und Feld, das er vom Stift zu Lehen trug, und lebte einsam und in Ehren. –

Nach etwa zehn Jahren begab es sich, daß Kaiser Otto einen schweren Krieg führte jenseits des Gebirges und vor einer festen Stadt lag. Da benötigte er dringend Leute und Mannen und sandte heraus in deutsche Länder: Wer ein Lehen vom Reich hätte, der solle ihm schnell zu Hilfe eilen, bei sonstigem Verlust des Lebens und seines Dienstes.

Nun kam auch ein Bote zum Abt nach Kempten, ihn auf die Fahrt zu mahnen. Der Abt sandte wiederum seine Dienstleute und forderte Herrn Heinrich an, den er am meisten benötigte. »Ach, edler Herr, was wollt Ihr tun?« antwortete der Ritter. »Ihr wißt doch, daß ich des Kaisers Huld verwirkt habe; lieber gebe ich Euch meine zwei Söhne und lasse sie mit Euch ziehen.«

»Ihr aber seid mir nötiger als sie beide zusammen«, sprach der Abt. »Ich darf Euch nicht von diesem Zug entbinden, oder ich leihe Euer Land anderen, die es besser zu verdienen wissen!«

»Wenn dem so ist«, antwortete der edle Ritter, »daß Land und Ehre auf dem Spiel stehen, so will ich Euer Gebot leisten, es komme was da wolle, und des Kaisers Drohung möge über mich ergehen.«

Hiermit rüstete sich Heinrich zu dem Heerzug und kam bald nach Welschland zu der Stadt, wo die Deutschen lagen; jedoch verbarg er sich vor des Kaisers Antlitz und mied ihn. Sein Zelt ließ er ein wenig seitwärts vom Heer aufschlagen.

Eines Tages lag er da und badete in einem Zuber und konnte aus dem Bad in die Gegend schauen. Da sah er einen Haufen Bürger aus der belagerten Stadt kommen und den Kaiser ihnen zu einem Gespräch, das zwischen beiden Teilen verabredet worden war, entgegenreiten. Die treulosen Bürger hatten aber diese List ersonnen; denn als der Kaiser ohne Waffen und arglos zu ihnen ritt, hielten sie gerüstete Mannschaft im Hinterhalt und überfielen den Herrn mit frechen Händen, daß sie ihn fingen und erschlügen. Als Herr Heinrich diesen Treubruch geschehen sah, ließ er Baden und Waschen, sprang aus dem Zuber, nahm den Schild mit der einen und sein Schwert mit der anderen Hand und lief bloß und nackt dem Gemenge zu. Kühn schlug er unter die Feinde, tötete und verwundete eine große Menge und machte sie alle flüchtig. Darauf befreite er den Kaiser von seinen Banden und lief schnell zurück, legte sich in den Zuber und badete nach wie vor.

Als Otto wieder zu seinem Heer gelangte, wollte er erkunden, wer sein unbekannter Retter gewesen wäre; zornig saß er im Zelt auf seinem Stuhl und sprach: »Ich wäre verloren gewesen, wenn mir nicht zwei ritterliche Hände geholfen hätten; wer aber den nackten Mann erkennt, der führe ihn zu mir, daß er reichen Lohn und meine Huld empfange; ein kühnerer Held lebt weder hier noch anderswo.«

Nun wußten wohl einige, daß es Heinrich von Kempten gewesen war, doch fürchteten sie den Namen dessen auszusprechen, dem der Kaiser den Tod geschworen hatte. »Mit dem Ritter«, antworteten sie, »steht es so, daß schwere Ungnade auf ihm lastet; möchte er Eure Huld wiedergewinnen, so ließen wir ihn vor Euch sehen.«

Da nun der Kaiser sprach, und wenn er ihm gleich seinen Vater erschlagen hätte, so solle ihm vergeben sein, nannten sie ihm Heinrich von Kempten. Otto befahl, daß er sogleich herbeigebracht würde; er wollte ihn aber erschrecken und übel empfangen.

Als Heinrich von Kempten hereingeführt wurde, gebärdete sich der Kaiser zornig und sprach: »Wie getraut Ihr Euch, mir unter die Augen zu treten? Ihr wißt doch wohl, warum ich Euer Feind bin, der Ihr meinen Bart gerauft und ohne Schermesser geschoren habt, daß er noch ohne Locke steht. Welch hoffärtiger Übermut hat Euch jetzt hergeführt?«

»Gnade, Herr«, sprach der kühne Degen. »Ich kam gezwungen hierher; und mein Fürst, der hier steht, gebot es bei seinen Hulden. Gott sei mein Zeuge, wie ungern ich diese Fahrt getan habe, aber meinen Diensteid mußte ich lösen; wer mir das übelnimmt, dem lohne ich es so, daß er sein letztes Wort gesprochen hat.«

Da begann Otto zu lachen: »Seid mir tausendmal willkommen, Ihr auserwählter Held! Mein Leben habt Ihr gerettet, das ich ohne Eure Hilfe verloren hätte, seliger Mann.« Dann sprang er auf und küßte ihm Augen und Wangen.

Ihre Feindschaft war nun dahin, und eine lautere Sühne wurde gemacht; der hochgeborene Kaiser lieh und gab ihm großen Reichtum und brachte ihn zu Ehren, deren man heute noch gedenkt.

 


 

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