Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 479
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

Ursprung der Welfen

Warin war ein Graf zu Altorf und Ravensburg in Schwaben, sein Sohn hieß Isenbart und Irmentrut dessen Gemahlin. Es geschah, daß ein armes Weib unweit Altorf drei Kindlein auf einmal zur Welt brachte; als das die Gräfin Irmentrut hörte, rief sie aus: »Es ist unmöglich, daß dieses Weib drei Kinder von einem Mann haben kann ohne Ehebruch.« Dies redete sie öffentlich vor Graf Isenbart, ihrem Herrn, und allem Hofgesinde. »Und diese Ehebrecherin verdient nichts anderes, als in einen Sack gesteckt und ertränkt zu werden.«

Das nächste Jahr wurde die Gräfin selbst schwanger und gebar, als der Graf eben ausgezogen war, zwölf Kindlein, alle Knaben. Zitternd und zagend, daß man sie nun gewiß, ihren eigenen Reden nach, des Ehebruchs zeihen würde, befahl sie der Kellnerin, die anderen elf (denn das zwölfte behielt sie) in den nächsten Bach zu tragen und zu ersäufen.

Als nun die Alte diese elf unschuldigen Knäblein, in ein großes Becken gefaßt, in den vorbeifließenden Bach, die Scherz genannt, tragen wollte, schickte es Gott, daß Isenbart selber heimkam und die Alte fragte, was sie da trüge. Diese antwortete, es wären Welfen oder junge Hündlein.

»Laß schauen«, sprach der Graf, »ob mir einige zur Zucht gefallen, die ich zu meinem Bedarf hernach gebrauchen will.«

»Ei, Ihr habt Hunde genug«, sagte die Alte und weigerte sich; »Ihr möchtet ein Grauen nehmen, wenn Ihr einen solchen Wust von Hunden sehen würdet.«

Allein der Graf ließ nicht ab und zwang sie, die Kinder zu zeigen. Als er nun die elf Kindlein erblickte, die wohl klein, doch von adeliger, schöner Gestalt und Art waren, fragte er heftig und geschwind, wessen Kinder dies wären. Und als das die alte Frau bekannte und ihm den ganzen Handel erzählte, daß nämlich die Kindlein seiner Gemahlin gehörten, und auch, aus welcher Ursache sie hätten umgebracht werden sollen, befahl der Graf, diese Welfen einem reichen Müller der Gegend zu bringen, der sie aufziehen sollte, und er gebot der Alten ernstlich, daß sie wieder ohne Furcht und Scheu zu ihrer Frau gehen und nichts anderes sagen sollte als ihr Befehl sei ausgerichtet und vollzogen worden.

Sechs Jahre danach ließ der Graf die elf Knaben, adelig geputzt und geziert, in sein Schloß, wo jetzt das Kloster Weingarten steht, bringen, lud seine Freunde zu Gast und gab sich sehr fröhlich. Als das Mahl fast vollendet war, hieß er aber die elf Kinder, alle rot gekleidet, einzutreten, und alle waren dem zwölften, das die Gräfin behalten hatte, an Farbe, Gliedern, Gestalt und Größe so gleich, daß man eigentlich sehen konnte, wie sie von einem Vater gezeugt und unter einer Mutter Herzen gelegen wären.

Unterdessen stand der Graf auf und fragte feierlich seine gesamten Freunde, welchen Tod ein Weib, das elf so herrliche Knaben umbringen lassen wollte, verdiene. Machtlos und ohnmächtig sank die Gräfin bei diesen Worten hin; denn das Herz sagte ihr, daß ihr Fleisch und Blut zugegen waren; als sie wieder zu sich gebracht worden war, fiel sie dem Grafen mit Weinen zu Füßen und flehte jämmerlich um Gnade. Da nun alle Freunde Bitten für sie einlegten, so verzieh der Graf ihrer Einfalt und kindlichen Unschuld, aus der sie das Verbrechen begangen hatte. »Gottlob, daß die Kinder am Leben sind«, sprach er.

Zum ewigen Gedächtnis der wunderbaren Geschichte begehrte und verordnete der Graf in Gegenwart seiner Freunde, daß seine Nachkommen nicht mehr Grafen zu Altorf, sondern Welfen, und sein Stamm der Welfenstamm heißen sollten.

Andere berichten des Namens Entstehung auf folgende verschiedene Art:

Der Vorfahre dieses Geschlechts habe sich an des Kaisers Hof aufgehalten, als er von seiner eines Sohnes entbundenen Gemahlin zurückgerufen wurde. Der Kaiser sagte scherzweise: »Was eilst du um eines Welfen willen, der dir geboren ist?«

Der Ritter antwortete: »Weil nun der Kaiser dem Kind den Namen gegeben hat, soll das gelten«; und er bat ihn, dieses Kind zur Taufe zu halten, was auch geschah.

 


 

 << Kapitel 478  Kapitel 480 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.