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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 412
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die heilige Afra zu Augsburg

Von Schöppner.

 
1.

            Nicht die Heiligen zu suchen,
Die gerechten Gotteskinder,
Stieg der Sohn vom Himmel nieder –
Sondern die verlornen Sünder.

Denn ob einem, der verirret,
Wieder zu dem Hirt gekommen,
Größer ist des Himmels Freude
Als ob neunundneunzig Frommen.

Da noch Romas Imperator
Herrschte über deutsche Gauen,
Blühte in Augustas Mauern
Afra, schön und hold zu schauen.

Doch im Heidentum erwachsen,
Ungeweiht an Herz und Sinne
Frönte sie, der Venus Sklavin,
Unerlaubter Fleischesminne.

Also ging die arme Heidin
Auf des Lasters breitem Pfade,
Doch der Hirt sucht seine Schafe
Mit dem lauten Ruf der Gnade.

Eines Tages klopft ein Fremdling
Hehren Anblicks an die Pforte
Und begehret von der Heidin
Gastfreundschaft mit sanftem Worte.

»Sei willkommen, teurer Fremdling,
In dem Hause süßer Minne;
Wolle Venus mich erhören,
Daß ich deine Huld gewinne!« –

»Nimmermehr«, versetzt Narzissus,
»Komm' ich, Liebeslust zu suchen;
Deine Werke muß ich hassen,
Deiner Venus muß ich fluchen.

Eines andern keusche Minne
Läutre deines Herzens Triebe:
Christi Minne, der am Kreuze
Blutend starb den Tod der Liebe.

Der dem wahnbetörten Sünder
Licht und Gnade hat gegeben,
Der von Toten auferstanden,
Ist die Wahrheit und das Leben.

Der als Richter einst die Bösen
Von sich stößt zu ew'gem Leide
Und die Seelen der Gerechten
Lohnet mit des Himmels Freude.«

Also mahnet ernsten Wortes
Sankt Narzissus die Betörte,
Daß sie von dem Heidenwahne
Sich zum wahren Gott bekehrte. –

Wie der frische Hauch des Morgens
Leben taut auf welke Blüten,
Also sank in Afras Seele
Glaubenslicht und Gottesfrieden.

Von der Gnade Kraft gestählet
Brach sie alter Sünden Bande,
Sühnte durch des Wandels Sitte
Ihres Götzendienstes Schande.

 
2.

            Da hört der Prätor Gajus
Von Afras neuem Sinn
Und sendet zornerglühend
Die Häscher zu ihr hin.

Und schmäht die Gottgeweihte
Ob ihrer Tat und droht,
Wo sie nicht Christus fluche,
Ihr mit dem Feuertod.

Des lacht die Heldengleiche
Mit frohem Mut und spricht:
»Du kannst den Leib besiegen,
Doch meine Seele nicht!

Du quälst die morsche Hülle
In kurzer Flammenpein:
So wird der Leib von Schlacken
Der alten Sünde rein!« –

Ob solcher Rede funkelt
Des Römers Blick vor Wut,
Er winkt – die Schergen zünden
Des Scheiterhaufens Glut.

Dort stand die Heldenjungfrau,
Im Blick der Glorie Glanz,
Um ihre Stirne blühte
Der ew'ge Siegeskranz.

 


 

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