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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 406
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Jungfer Kümmernis

Aus alter Heidenzeit hatte sich in Deutschland die Verehrung einer Heiligen eingeschlichen, deren Namen weder ein Kalender nennt noch die ein Papst je heiligsprach. Ein sehr gelehrtes Buch könnte über diese Mythe geschrieben werden – hier nur die Sage.

Ein heidnischer König hatte eine wunderschöne Tochter, zu der viele ihrer Schönheit wegen hingerissen wurden. Dies betrübte jedoch das gute Prinzeßchen in hohem Grad, und als heimliche Christin bat sie Christus, ihre Schönheit zu verderben, und sie hörte gleich eine Stimme schallen: »Wohlan, du sollst mir gleichen!« – Und von Stund an verwandelte sich ihr weibliches Angesicht in ein männliches, das mit stattlichem Bart geschmückt war.

Ihr Vater war furchtbar zornig, als sie ihm alles gestand, und sprach: »Du sollst noch mehr deinem gekreuzigten Gott ähnlich werden«, und nach seinem Befehle kleidete man sein Kind mit einer groben Kutte und ließ ihr von der vorigen Herrlichkeit nur die goldene Krone und die goldenen Schuhe und nagelte sie mit den Händen an ein Kreuz, wo sie bald starb.

Nach mehreren Tagen zog ein armer Geiger des Weges, dessen Weib und Kinder zu Hause fast verhungerten. Da dachte er, wenn die gute Prinzessin noch lebte, gäbe sie mir gewiß, um meine Not zu lindern, einen ihrer goldenen Schuhe, und er fing unbewußt zu geigen an, und siehe – ein goldener Schuh löste sich vom Fuß der Prinzessin, den der Geiger in die Stadt trug und verkaufen wollte. Doch hier ergriff man ihn und führte ihn zum König, der ihn als Dieb des Schuhs zum Galgen verurteilte; doch sprach der König: »Wenn auf abermaliges Geigen die Prinzessin auch den anderen Schuh fallen läßt, sei dir nicht nur verziehen, sondern ich selber will Christ werden.«

Da fiel wieder beim Saitenklang ein Schuh, und König und Volk wurden Christen, und die bärtige Prinzessin wurde ehrbar begraben.

Unter dem Volk ging schon Jahrhunderte die Mär, wer in große Not komme und sich mit einem Bild der Prinzessin Kümmernis verlobe, dem werde geholfen wie jenem armen Geiger. In vielen Kirchen findet man daher auch der Prinzessin gekreuzigtes Bild – so in Lauingen zweimal, wovon das eine die Jahrzahl 1675 trägt. Auch in den Dörfern der Gegend findet man viele, die jedoch einen anderen Ursprung haben.

Am Weg von Dillingen nach Steinheim steht einsam das St.-Leonhards-Kirchlein. Aber man schien vor hundert Jahren in ihr nicht St. Leonhard, sondern die Jungfrau Kümmernis zu verehren, denn alle Wände waren mit obenerwähnten Bildern bedeckt. Zufällig erfuhr dies ein eifriger Bischof (Umgeltner?), und er erteilte den Befehl, sämtliche Bilder binnen kurzem zu verbrennen. Schnell war diese Nachricht in der Gegend verbreitet, und die Bauern eilten, die Bilder, die sie oder ihre Ahnen aufgehängt hatten, vor den Flammen zu retten, so daß die bischöfliche Kommission gar wenig zu zerstören fand.

Als später diese Kapelle in ein Pulvermagazin verwandelt wurde, sagten die Bauern kurzweg: »Da sieht man, wie's kommt, zu St.-Kümmernis-Zeiten hätte man der Kapelle nichts tun dürfen, aber St. Leonhard hat's nicht verhindern können.«

Die Tradition ist fast verklungen, doch wurde sie einigen Soldaten bekannt, die mit einem schlechten Weibsbilde, dessen sie längst müde waren, nächtlicherweile von Steinheim nach Dillingen gingen. Sie verabredeten sich, aus ihr eine »Kümmernis« zu machen und nagelten sie wirklich durch die Kleider so geschickt an die Kapellentür, daß sie, ohne anderen Schaden als die Angst, hängenbleiben mußte, bis Leute kamen, die die neue Märtyrerin erlösten.

 


 

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