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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 405
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die verzauberte Kanne

Es war im Winter eines der letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts, als ein Holzhacker in dem sogenannten Unteren Holz beim Ausgraben des Wurzelstockes einer Eiche mit der Haue auf einen harten Gegenstand hieb, der sich bei näherer Untersuchung als eine große zinnerne Kanne erwies. Sie war ungewöhnlich schwer, und der Finder war hoch erfreut, denn er meinte, sie müsse voll Gold und Silber sein.

Er machte so bald als möglich Feierabend und begab sich mit seinem vermeintlichen Schatz nach Hause. Dort konnte er kaum erwarten, bis man Licht herbeibrachte, denn schon war es Nacht geworden, und man läutete eben den englischen Gruß. Er versuchte nun den Deckel der Kanne zu öffnen, doch ging dies nicht so leicht vonstatten, denn dieser war sorgfältig mit Draht umwunden, und darüber befand sich noch ein wunderliches Siegel. Da holte der Holzhacker ein Stemmeisen herbei, und bald sprang der Deckel ab. Wer beschreibt aber den Schrecken des guten Mannes, als aus der Kanne dickes Gewölk aufstieg, dieses sich endlich nebelartig zusammenballte und in Form eines menschlichen Wesens an das Tischeck setzte.

Der Holzhacker betete, was ihm nur einfiel; dies schien jedoch auf das gespenstartige Wesen keinen Eindruck zu machen, und vor Entsetzen fast außer sich, eilte der Mann zu einem hiesigen Geistlichen und erzählte diesem die rätselhafte Begebenheit. Der Geistliche nahm zwei geweihte Kerzen und zündete diese auf dem Tisch, wo das Wesen noch immer weilte, an, gürtete die Stola um und las aus dem Benedictionale dreimal die Beschwörung. Das drittemal löste sich die Gestalt wieder in Nebel auf und ging in die Kanne zurück, die man sogleich wieder verschloß und versiegelte.

Anderen Tags mußte der Mann sie an demselben Ort, wo er sie gefunden hatte, wieder vergraben, und oft erzählte er noch, daß ihm nie ein Weg so viele Schweißtropfen ausgepreßt hätte, als jener, den er, mit der Kanne beladen, zum Holz einschlug.

Was es mit der Kanne für eine Bewandtnis hatte, ist nie bekanntgeworden. Der Holzhacker mußte jedoch so viel Spott und Hohn wegen dieser Geschichte ausstehen, daß er sich am Ende beharrlich weigerte, fernerhin Fragen über das Ereignis zu beantworten.

 


 

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