Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 399
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

Wie Albertus Magnus gelehrt und wieder dumm geworden ist

Albertus Magnus war schon früh in den Orden des heiligen Dominikus getreten, aber es dauerte nicht lange, da gefiel ihm das geistliche Leben nicht mehr, denn er meinte, daß es ihm an Kopf mangle, um die Tiefen der Gottesgelehrtheit zu ergründen, und darum beschloß er, aus dem Kloster zu entfliehen. Er setzte also eines Abends eine Leiter an die Gartenmauer, um da hinüberzusteigen und fortzulaufen; da aber sah er urplötzlich vier Frauen von gar ehrwürdigem Wesen vor sich stehen, davon stießen zwei ihn zu wiederholten Malen von der Leiter.

Er hatte aber das Klosterleben so satt, daß er trotzdem zum dritten Mal versuchte, die Leiter hinaufzusteigen; da fragte ihn die dritte der Frauen, warum er denn so schändlich weglaufen wollte. Albert sagte ihr, daß er zu dumm wäre, um zu studieren, und des Klosters darum überdrüssig wäre. Da sagte die dritte, dann tue er doch besser, statt zu fliehen, den Schutz und Beistand der Mutter Maria sich zu erflehen, die die vierte Frau wäre; und sie anderen drei wollten ihm bitten helfen.

Als Albert das hörte, war er wie herumgedreht, und er warf sich alsbald vor Maria nieder und klagte ihr sein Leid und bat sie, daß sie doch seine Dummheit von ihm nehmen möchte. Da fragte ihn Maria, welche Wissenschaften er denn am liebsten studieren wolle und ob er lieber die Weltweisheit oder die Gottesgelehrtheit hätte. Albert bedachte sich nicht lange und bat die Muttergottes, ihn zu einem tüchtigen Weltweisen zu machen.

Darauf sprach Maria: »Das soll dir geschehen; aber weil du Weltweisheit der Gottesgelehrtheit, die dich meinen Sohn hätte besser erkennen lassen, vorgezogen hast, so sollst du am Ende deines Lebens all deine Wissenschaft verlieren und wieder so dumm werden, wie du warst, und das soll sein drei Jahre vor deinem Tod.«

Nachdem die Muttergottes das gesprochen hatte, verschwand sie mit den anderen Frauen, und Albert kehrte zum Kloster zurück, studierte und wurde bald der gelehrteste Mann der Welt, so daß man ihn den Großen hieß und der Papst ihn endlich gar zum Bischof machte. Er war so kunsterfahren, daß er eine Bildsäule machte, die sprechen konnte und sich bewegte wie ein lebendiger Mensch; Thomas von Aquin, sein Schüler, hat diese zerstört.

Als Albert endlich fühlte, daß die Jahre seiner Dummheit heranrückten, da erzählte er all seinen Schülern von der Erscheinung, die er gehabt hatte. Er wurde auch dümmer und einfältiger als ein Kind, trug das aber mit Geduld und Ergebenheit und verharrte getreulich in seinen religiösen Übungen bis zu seinem Tod. – Zu Köln in der Andreaskirche liegt er begraben.

 


 

 << Kapitel 398  Kapitel 400 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.