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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 384
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Ehrensache und Satisfaktion zu Günzburg

Altes Volkslied. – v. Arnim u. Brentano

                  Zu Günzburg in der werten Stadt,
Als ihre Zunft den Jahrtag hatt',
Die Schneider alle kamen,
Die Meister sämtlich, jung und alt,
Die Gesellen auch in schiefer Gestalt,
Da in der Kirch zusammen.

Der Teufel aber hat keine Ruh',
Baut seine Kapelle auch dazu;
Als sie zum Opfer gehen,
Da hat man mitten in der Schar
Ein'n großen Geißbock offenbar
In ihrer Mitt' gesehen.

Der ging ganz sittsam nebenher
Dem Opfer zu in aller Ehr,
Und tät' sich doch nit bücken;
Ein alter Meister hochgeschorn,
Der faßt da einen grimmen Zorn
Und wollt' darüber zücken.

»Wo führt der Teufel den Bock daher,
Potz Elle, Fingerhut und Scher',
Er kömmt mir recht und eben;
Ging er nur besser her zu mir,
Ich wüßte schon ein Kunst dafür,
Wollt ihm ein Maultasch' geben.«

Der Geißbock hatt' sehr feine Ohrn,
Bemerkte bald des Schneiders Zorn,
Hätt' doch nichts zu bedeuten.
Er machet sich zugleich unnutz
Und biet' dem Schneider einen Trutz:
Ging frisch ihm an die Seiten.

Der Schneider aber hielt sein Wort –
Es war grad an der Stiege dort –,
Er griff den Bock beim Boschen;
Er stieß denselben hin und her,
Als wenn's des Bocks sein Mutter wär',
Gab ihm eins an die Goschen.

Der Geißbock fiel die Stiegen ein,
Da mußt' er also lassen sein
Und durft sich nicht wohl rächen.
Ging bald davon in aller Still',
Gedacht: »Der Schneider sind zuviel,
Sie dürften mich verstechen.«

Frau Bürgermeisterin alldort
Stand in dem Stuhl an ihrem Ort,
Die hat der Bock ersehen.
Er ging ganz traurig zu ihr hin
Und klagte ihr in seinem Sinn,
Wie hart ihm wär' geschehen.

Er sprach: »Ich hab's nit bös gemeint.
Dieweil die Schneider meine Freund,
Hab' ich für Recht ermessen,
Daß ich mit Meister und Gesell,
Mich bei dem Jahrstag auch einstell',
Bin grob doch eingesessen.

Die Maultasch' hab' ich nit erwart',
Hätt' sonst mein Fell so rauh und hart
Gar wohl verschonen können.
Jetzt habe ich die Stöß' davon,
Die hängen mir mein Lebtag an,
Das fühl' ich an dem Brennen.

Wenn ich aufs Jahr noch hier verbleib',
Bleib' ich daheim und schick mein Weib,
Kann's leichter übertragen.
Die ist zumal eine reine Geiß,
Wie sie und jedermann wohl weiß,
Die dürften sie nit schlagen.«

Die Frau sagt ihm auf sein Begehrn:
»Geh nur, mein Schatz, klag's meinem Herrn,
Dem Schneider bringt's nicht Rosen.«
Der Geißbock neiget sich vor ihr,
Bedankt sich auch auf sein' Manier
Mit Stutzen, Meckern, Stoßen.

Der Schneider schaut von ferne zu,
Des Bocks Anklag' gab ihm Unruh',
Wollt schier darum verzagen,
Daß er den Bock – es war ihm leid –
Aus Zorn und Unbescheidenheit
Im Gotteshaus geschlagen.

Wie's endlich ablief noch zur Lust,
Das ist den Schneidern wohl bewußt,
Hab's weiter nit beschrieben.
Soviel ich hab' gehört davon,
Hat er dem Bock Abbitt' getan,
Dabei ist es geblieben.

Ein guter Herr, der sprach mich an,
Dem hab' ich es zulieb getan..
Sein Bitt' nit abgeschlagen
Und diese schöne Aktion
Ins guten Kerles Weis' und Ton,
Also zusammgetragen.

 


 

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