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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 369
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Schlüsseljungfrau im Schloß zu Möhren

Schloß Möhren bei Treuchtlingen in Mittelfranken.

Im zwölften Jahrhundert lebte auf dem jetzigen fuggerischen Schloß zu Möhren ein sehr vornehmer und reicher Ritter, Heinz genannt, der eine einzige Tochter, Armgart, hatte, die schön und liebenswürdig war, weshalb die vornehmsten Ritter aus entfernten Gegenden sich einfanden und um ihre Hand warben. Da sie aber fest entschlossen war, nie zu heiraten, die vielen Freier aber nicht loswerden konnte, so ließ sie sich einen goldenen Schlüssel machen, den sie aber in ihrem Schlafgemach auf das sorgfältigste verwahrte und dann bestimmte, daß nur der Ritter, der ihr diesen Schlüssel bringen würde, sie zur Gattin erhalten solle.

Sie erbaute sich auch nach dem Tod ihres Vaters unweit Pappenheim nahe bei Dietfurt im Wald ein zweites Schloß und brachte ihre Reichtümer dahin. Von diesem Schloß sind aber keine Spuren mehr vorhanden.

Unter den vielen Rittern, die sich alle erdenkliche Mühe gaben, den goldenen Schlüssel zu erhalten, war aber keiner so glücklich als Ritter Kunz von Absberg bei Gunzenhausen, ein sehr wilder und ausgelassener Tyrann ohne gute Sitten und Religion. Dieser bestach das Kammermädchen, gab ihm ein betäubendes Pulver, das sich in Wein auflöste und das er in den Schlaftrunk des Fräuleins zu tun befahl. Der Trank brachte einen so festen Schlaf bei dem Fräulein hervor, daß Kunz in ihr Schlafgemach kommen und den goldenen Schlüssel rauben konnte.

Nachdem nun Fräulein Armgart aus ihrem Schlaf erwacht war, kam ein Knappe und brachte die Nachricht, daß Ritter Kunz von Absberg vor der Burg sei und eingelassen zu werden verlange, um dem Fräulein ihren goldenen Schlüssel zu überbringen. Das Fräulein lachte anfangs darüber; als sie sich aber davon überzeugte, ermordete sie sich durch einen Stich mit dem Dolch in die Brust. Ritter Kunz, der sich schon im Besitz des Fräuleins glaubte, war ganz außer sich über den mißlungenen Plan, schwor dem ganzen weiblichen Geschlecht ewige Rache und blieb unverheiratet; er war aber der größte Wüterich seiner Zeit.

Nun hatte er noch eine Burg auf dem sogenannten Schloßberg bei Heideck, die aber im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden sein soll. Dort pflegte der Ritter sich öfter aufzuhalten. Einstmals sagte ihm ein Knappe, daß eine weibliche Gestalt sich schon öfter nachts im Schloß habe sehen lassen, die die Gestalt von Fräulein Armgart habe und in der rechten Hand einen goldenen Schlüssel, in der linken einen blutigen Dolch halte. »Ha!« rief ganz verwegen Ritter Kunz. »Will mich die Dirne noch nach ihrem Tod verfolgen? Sie soll heute abend mit mir essen!« Er schwang sich auf sein Roß und ritt in den nahen Wald.

Bald aber ergriff ihn Bangigkeit, und er ritt zurück in seine Burg; als er bei der Burg anlangte, stand ihm ein großer Hund im Weg, der ihm trotz aller Anstrengung den Eingang in die Burg unmöglich machte, so daß er sich gezwungen sah, vom Pferd zu steigen, um durch eine kleine Pforte in das Schloß zu gelangen. Voll Schrecken kam er in das Schloß, wo im Speisesaal für zwei Personen gedeckt war. Sein Diener sagte, eine sehr vornehme Dame habe sich zum Abendessen ansagen lassen, aber erst mit dem ersten Hahnenschrei nach Mitternacht werde sie erscheinen.

Kunz ahnte nichts Gutes; ganz bestürzt verlangte er – in seinem Leben zum erstenmal –, den frommen Priester Hugobert aus dem benachbarten Städtchen Heideck zu holen, der wegen seiner Frömmigkeit Geister besprechen und bannen konnte. Sein Knappe mußte zwei Pferde satteln und noch in der Nacht nach Heideck reiten, um den frommen Priester Hugobert zu holen. Dieser, nicht wenig verwundert über die Sinnesänderung des Ritters, machte sich eiligst mit dem Schloßknappen auf den Weg.

Als sie den halben Weg zurückgelegt hatten, kam ihnen ein vermummter Reiter nach, der sie schnell einholte und schnell vorausritt auf einem kohlschwarzen Rappen, von einem großen schwarzen Hund begleitet, dem Feuerfunken aus Nase und Augen sprühten. Hugobert bekreuzte sich, und der Knappe sprach ein stilles Gebet.

Als sie an der Burg ankamen, wurde dem frommen Priester von dem Hund ebenfalls der Eingang verwehrt, allein er sprach einige Worte, und der Hund wich zurück. Er ging in die Burg und fand den Ritter Kunz in der größten Bestürzung. Kaum hatte der Priester sein Verlangen gehört, krähte der Hahn, und ein goldener Wagen hielt vor dem Burgtor, aus dem eine mit Gold und Edelsteinen geschmückte Dame stieg und sich zum Abendessen einlud, obwohl es schon Mitternacht war.

Kunz war bestürzt. Hugobert aber war ganz gelassen, redete sie an und beschwor sie nach seiner gewohnten Weise im Namen Gottes; sogleich entfiel ihr der ganze Schmuck, wurde zu lauter glühenden Kohlen, und so verschwand die Gestalt als leeres Totengerippe unter Ächzen und Stöhnen und ließ nichts zurück als einen goldenen Schlüssel und einen Dolch, auf dem mit Blut geschrieben der Name Armgart stand. Von dieser Stunde an ging Kunz ins Kloster und endete unter steten Bußübungen seine Tage.

Die Schlüsseljungfrau aber hatte noch keine Ruhe, obgleich Kunz beständig Seelenmessen für sie lesen ließ, denn sie spukte auf der alten Burg zwischen Pappenheim und Dietfurt. Dort zeigte sie sich einem Hirtenknaben, dem sie sagte, daß er, wenn er sie befreien würde, an einem bestimmten Ort, wo die Burg stand, einen großen Schatz, in einer eisernen Truhe verwahrt, erhalten solle; deswegen zeigte sie ihm einen goldenen Schlüssel, den sie im Mund trug, den er erhalten und damit die Truhe öffnen solle. Sie setzte dem Knaben zwei Jahre zu, bis er sich endlich bewegen ließ; sie sagte ihm aber, daß sie an dem dazu bestimmten Tag nicht in ihrer gewöhnlichen Gestalt, sondern als ein brennender Bund Stroh erscheinen werde.

So geschah es. Als der Knabe ganz beherzt – wie sie ihm befohlen hatte – auf sie zuging, um sie zu umarmen, rief dessen Mutter, die in einiger Entfernung stand: »Herr Jesus! Mein Kind!« Und unter lautem Wehklagen verschwand die Erscheinung; der Knabe aber war am ganzen Körper verbrannt und starb nach einigen Tagen.

 


 

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