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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 304
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Riesenpflug im Schloß zu Aschaffenburg

              Karol, der Kaiser, reitet von Salzburg an der Saale,
Sein Weg geht durch den Spessart nach dem Main zu Tale;
Turpin ist ihm zur Rechten, zur Linken prangt Roland,
Welch wunderbares Schallen in dem Wald entstand?
»Das ist Urgand, der Riese«, Roland zum Kaiser sprach,
»So treibt er Euer Wild und geht der Jagdlust nach;
Doch morgen zu der Stunde bekommt ein Jagen er –
Gewährt Ihr's –, daß er Bären und Hirsche fängt nicht mehr.«
»Das möge Gott verhüten«, Karol im Ernste spricht,
»Wer kämpft mit Egolanden, wenn mir dein Arm gebricht?
Darum versagt den Kampf dir mein kaiserlich Gebot
Bis uns der Maurenkönig nicht mehr mit Krieg bedroht.«
Indessen drangen Türme die Eichenwipfel durch,
»Was liegt dort in dem Tale, Turpinus?« – »Asciburg.
Seht dort die hohe Zinne, das ist der Heidenturm,
Er trotzet, von den Römern erbaut, dem Zeitensturm.«
Am Hügel rechts vorüber, auf dem die Zelle steht,
Der Schritt der müden Rosse zu dem Kastelle geht.
Die Brücke rasselt nieder, die Gäste kommen an,
Und an dem Tor empfängt sie des Schlosses Kastellan.
»Beschütze Gott den Kaiser, ihm Lob, daß nicht Urgand
Euch reiten sah – Karolus: War denn nicht da Roland?«
Die Abendsonne purpurn das weite Land beschien,
Vom Söller schaun der Kaiser, sein Held und auch Turpin.
»Was sind das für Gebirge dort, wo der Tag sich neigt?« –
»Dort zwischen Main und Lahn empor der Taunus steigt,
Auf jenem Gipfel träumte der Königin Brunhild,
Daß sie geschleift einst werde von einem Rosse wild .« –
»Turpin, und jener Turm, den dort mein Auge schaut?« –
»Bartholomäi Kirche, die Ihr habt aufgebaut.« –
»Und dort zu meiner Linken die Mauern in Ruin'?« –
»Das war vordem ein Landsitz, die Römer bauten ihn.
Seht rechts die Klausnerhütte, sie heißt Zum Guten Mann,
In Armut ward des Guten schon reichlich dort getan.«–
Karol beschaut noch lange die Lande weit und breit,
Erstaunt und hingerissen von soviel Herrlichkeit;
Doch wie er so betrachtet im Abendgold den Main,
Schleicht leisen Trittes Schwermut in sein Entzücken ein.
»Ja, prachtvoll auf dem Hügel steht diese Burg, Turpin,
Von hier zeigt mir dein Finger nach wertem Orte hin.
Nur eines fehlt: das Auge, das eine Gegend schmückt;
Von hier ist allzu ferne der Fluß hinweggerückt,
Denn von der Römervilla bis zu dem Guten Mann
In seinem graden Laufe man kaum ihn sehen kann.« –
»Da schaff' ich Rat, Herr Kaiser. Laßt schmieden einen Pflug,
Ein neues Bett zu pflügen, schwer und auch groß genug,
Dran spannet unsre Rosse, die sind der Arbeit wert;
Was zieht allein nicht Bajard, des Rolands starkes Pferd?« –
»Wohl hast du mir geraten, das soll geschehn sogleich.« –
Bald schallet durch das Schweigen des Hammers lauter Streich,
Die Esse sprühet Funken durch manchen schweren Schlag,
So viele, daß das Dunkel verwandelt wird in Tag.
Und wie die Morgensonne glänzt von der Berge Wand,
Ist schon der Pflug geschmiedet und Bajard angespannt.
Er wiehert, laut dröhnen seine Hufe von Metall,
Und auf den hohen Erwig Urganden lockt der Schall;
Im Tal die Männlein, Pferdlein er heftig zappeln sieht
Und lacht mit Macht, weil keiner den Pflug von dannen zieht
Darob der Kaiser trauert; Roland wagt den Versuch,
Rückt eine Handbreit weiter den schweren Riesenpflug.
Sie rasten nicht, bis purpurn die Abendröte glüht,
Da waren sie voll Hunger, mit Schweiß bedeckt und müd.
»Laßt, Kaiser, Eure Sorgen. Herr Roland, kehrt nach Haus.
Ich führe diesen Handel allein, so denk' ich, aus.« –
Heim kehrten nun die beiden, Turpinus blieb allein
Und läßt zwei Zicklein kommen, spannt in den Pflug sie ein;
Da wurde voller Neugier Urgand, der große Mann,
Stieg von des Berges Gipfel herab zu dem Gespann.
»Was willst du, Pfäfflein, sage, mit diesem Ziegenpaar?« –
»Sowenig wie die Zicklein rückst du die Pflugesschar.« –
Vor Zorn ward rot der Riese, streckt' nach Turpin die Hand;
Doch wollt' er ganz ihn lassen, weil er so schön ihn fand.
»Schad wär' es um dein Röckchen, dein Hütlein von Karmin.
Lauf hin, du nettes Töckchen!« – und los ließ er Turpin.
Und dieser spannt die Zicklein vom Riesenpfluge aus,
Treibt sie vor seinen Tritten zu dem Kastell nach Haus.
Er fand Roland im Schlafe und schlafend auch Karol
Bei ihren goldnen Bechern – das tat der Kummer wohl.
Das ganze Junggesinde schlief tief in dieser Nacht,
Den Kaiser hütend hatte Turpin allein gewacht.
Und als der Klosterwächter die neunte Stunde rief,
Pflügt schon der Riesenpflug im Tale breit und tief.
Und eh' sich noch der Frühhahn in dem Kastelle regt,
Schon an das Fundament der Burg die Welle schlägt.
Das Bett ist bald gepflüget bis zu dem Guten Mann,
In einem Ellenbogen krümmt sich der Main fortan.
Die Arbeit ist vollendet – was will des Riesen Droh'n?
Turpin vernimmt es zagend und tritt auf den Balkon.
»Klein Pfäfflein, hörst du rauschen im Tale nicht den Fluß?
Des Maines Flut bespület nun des Kastelles Fuß,
So war mir denn zu ziehen der Pflug nicht allzuschwer;
Doch morgen noch des Tages zeig' ich der Stärke mehr.
Ein Stündchen will ich rasten und dann mit dieser Hand
Erproben, ob dies Schloß mir leistet Widerstand,
Ob ich in einem Tage zerstöre diesen Bau;
Mich höhnend steht zu lang schon die Burg in meinem Gau.« –
Turpinus war erschrocken. »Das wäre jammerschad;
Nein, nie darfst du verüben so schwere Missetat,
Bedauern müßte fühlen das Raubtier in dem Wald!«
Und horch – mit lautem Brüllen der Bären Wut erschallt.
Der Riese kehrt zur Wildnis, und aus dem Osten lacht
Das Morgenrot; Karolus und auch sein Held erwacht.
»Was hör' ich für ein frohes Rauschen in dem Tal?«
Der Kaiser tritt zum Söller, sieht in dem Morgenstrahl
Den Fluß zu seinen Füßen. »Mein Auge doch nicht trügt?
Wie hast du mit zwei Zicklein den Main herbeigepflügt?
Wo gestern Flut gewesen, da sprossen Blumen auf,
Wo gestern Blumen blühten, geht nun der Fische Lauf.
Das Wild seht, das zur Tränke sich herdenweis' gewandt,
Rohrdommeln, Störche flattern an des Flusses Rand?« –
Turpin sieht, daß dem Kaiser die Arbeit wohl behagt,
Darum er eine Bitte ihm vorzutragen wagt:
»Urgand hat dem Kastelle den Untergang gedroht;
So ziehet an den Mantel von Gold und purpurrot,
Die Krone nehmt, das Szepter führt mit Eurer Hand;
Auch ich will mich bekleiden mit meinem Festgewand,
Und Roland soll von ferne, so daß er uns kann sehn,
Zu Eurem Schutz in voller Rüstung mit uns gehn.
Ich flehe, Ihr befehlet Urgand den Frieden an!«
Sie lenkten ihre Rosse zum Wald auf wilder Bahn.
Der Grund war vor der Riesenhöhle aufgewühlt,
Als ob ein Heer von Rittern die Kampflust drauf gekühlt;
Da riefen sie Urganden, doch keine Antwort scholl.
Turpin trat in die Höhle, Blut ihm entgegenquoll,
Den Riesen fand er nicht in der Höhle Schoß,
Nur eine abgenagte Rippe, die war groß.
»Weil er nicht hören wollte, als ich Erbarmen rief,
Ward er von wilden Tieren zerrissen, als er schlief.«
Karol war freudig, aber Held Roland war betrübt,
Weil er mit seiner Stärke die Tat nicht ausgeübt.
Drauf zogen sie gen Spanien, wo in den Krieg es ging,
Wo Roland Egolanden, den Maurenkönig, fing;
Zuvor doch ließ Karol im Kastelle weis' und klug
Die Rippe aufbewahren und auch den RiesenpfIug.
Im Schlosse, das Suikardus aufs neu hat aufgebaut,
Man heutzutag die Rippe, den Riesenpflug noch schaut.

 


 

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