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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 303
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die verlorenen Heiligenbilder

Vor dem Haupttor des Schlosses Johannisberg zu Aschaffenburg stand ursprünglich jenseits des Grabens ein Portal, und darauf standen die steinernen Bildsäulen des heiligen Martin, des Patrons des Erzstiftes Mainz, und des heiligen Johannes des Täufers in kunstreicher Arbeit. Der Kurfürst Emmerich Joseph ließ einst das Portal der freieren Aussicht wegen abbrechen, die Bildsäulen wurden beseitigt, und im Laufe der Zeit hatte man sie vergessen.

In einer der schönen Spätsommernächte des Jahres 1811 ging ein alter Fischer aus der Weinschenke heim, in der er täglich seinen Schoppen zu trinken pflegte. Die Weinschenke befand sich in dem Eckhaus zwischen der Karlsstraße und dem Viehberg, und der Fischer wohnte in der Fischergasse; er nahm seinen Weg aber nicht den Viehberg hinunter am Main hin, sondern am Bauhof und am Schloß vorbei durch die neue Anlage. Vom Bauhof zieht sich eine Mauer gegen das Schloß, und darin ist ein zugemauerter Torbogen.

Als der alte Fischer dahin kam, stand vor dem Torbogen ein Bischof in vollem Ornat mit Inful und Stab; der erhob die Hand und sprach: »In diesem Gewölbe liegen die Bildsäulen des heiligen Martin und des heiligen Johannes, die vom Schloßtor abgebrochen worden sind. Sie sollen nicht länger gleich altem Gerümpel im Moder liegen, sondern wieder hervor ans Tageslicht – und du sollst dieses mein Gebot verkünden!« Darauf war er verschwunden.

Am folgenden Morgen überlegte sich der Fischer die Geschichte. Die Nacht war hell gewesen, und der Fischer hatte den Bischof deutlich gesehen und seine Worte wohl vernommen, allein die Erscheinung war so schnell vorüber – und gerade an diesem Abend hatte der Fischer mehr als einen Schoppen getrunken. Die Sache ging ihm indessen den ganzen Tag im Kopf herum, und erst am Abend in dem bekannten Weinhäuschen vergaß er sie.

Zur gewöhnlichen Stunde – es war nicht die früheste – ging er heim. Er dachte an nichts als an den guten, wohlfeilen Wein, den er getrunken hatte. Der Elfer war zwar damals noch nicht im Faß, aber der voraussichtlich reiche Herbst zwang zum Fortschaffen der Weinvorräte. Als der Fischer am Bauhof vorbei war, blickte er doch scheu nach dem zugemauerten Torbogen – und der Bischof stand wieder dort und sprach dieselben Worte.

Jetzt konnte der Fischer nicht mehr zweifeln, daß er wirklich eine Erscheinung aus einer anderen Welt gesehen hatte. Wäre es nicht späte Nacht gewesen, er hätte gleich die Anzeige gemacht; so mußte er sich schon bis zum anderen Tag gedulden. Im Strahl der Morgensonne sehen indessen alle Dinge anders aus als beim Sternenlicht. Der Fischer bekam am anderen Tag wieder Zweifel, und er trug sie so lange herum, bis es wieder Nacht war.

Und zum dritten Mal ging der Fischer am Torbogen vorüber, und zum dritten Mal stand der Bischof davor, jetzt aber zürnenden Antlitzes. Er sprach: »Wenn du mein Gebot wieder nicht verkündest, so ist dieser Tag dein letzter!«

Da hatte alles Zögern ein Ende. Der Fischer machte augenblicklich die Anzeige. Das vermauerte Gewölbe, das früher zu einem Kohlenbehälter gedient hatte, wurde aufgebrochen, und es fanden sich darin die Bildsäulen des heiligen Martin und des heiligen Johannes in unversehrtem Zustand. Sie wurden im schönen Tal unfern der Kirchenruine aufgestellt, und dort stehen sie noch – freilich jetzt sehr verstümmelt.

 


 

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