Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 298
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

Das Bannkraut

Im Waldesdunkel auf gewissen Berghöhen wächst ein Kraut, das allen Zauber löst. Wo ein anderer nur einen Haufen glühender Kohlen erblickt, sieht der Besitzer des Krauts blankes Gold – und was das Kraut berührt, ist der Gewalt der Erdgeister entzogen. Darum bewachen sie auch das Kraut, und obwohl sie nicht imstande sind, geradezu dessen Abbrechen zu verhindern, so wissen sie doch dem, der es sucht, so vielen Spuk in den Weg zu werfen, daß er nur selten zu seinem Ziel gelangt. Und das Kraut ist nur einmal im Jahr – in der heiligen Christnacht, während es zwölf Uhr schlägt – zu brechen, und es darf der, der es holt, auf dem Weg nicht beschrien werden, und er muß stumm bleiben, bis er wieder heimgekommen ist.

Es ist nicht gar lange her, da lebte zu Faulbach ein Mann, der war ganz erpicht auf Dinge, die man weit besser unerforscht läßt. Er suchte auf den Friedhöfen in die Geheimnisse des Jenseits einzudringen, er spürte an verrufenen Orten den unheimlichen Wesen nach, die da hausten, und kein Zaubermittel, kein bannender Spruch war ihm unbekannt. Aber sein Ziel, ein reicher Mann zu werden, hatte er noch nicht erreicht. Er war Wirt und wußte recht gut, daß es, wenn in der heiligen Christnacht um zwölf Uhr der junge Wein aus dem Faß steigt, ein gutes, wenn er aber sinkt, ein schlechtes Weinjahr bedeutet; aber er hatte nicht hinreichend Geld, um in letzterem Fall zu rechter Zeit erkleckliche Weinvorräte einzukaufen.

Er wußte auch, daß zu derselben heiligen Zeit aus gewissen Quellen Wein fließt; allein in den wenigen Augenblicken, in denen die Mitternachtsglocke schlägt, läßt sich nicht viel Wein schöpfen, und es ist eben auch damit nicht zu scherzen: war doch kurz vor jener Zeit erst ein Mann dabei sehr übel gefahren. Der hatte auch in der heiligen Christnacht eine Quelle, wo Wein fließen sollte, glücklich unbeschrien erreicht, und als es zwölf Uhr schlug, trank er und rief freudig aus:

»Alleweil trink' ich Wein!«

Aber ein Krallenfuß packte ihn, der das Gebot des Schweigens gebrochen hatte, am Genick, eine Donnerstimme rief:

»Alleweil bist du mein!« –

und der Mann wurde nicht mehr gesehen.

Dem Faulbacher Wirt war bekannt, daß auf dem Kühlberg das Kraut wuchs, das allen Zauber löst. Sosehr es ihn nach dessen Besitz gelüstete, hatte er doch lange gezögert, es zu holen, denn er sah voraus, daß er mit allen Schrecken der Unterwelt zu kämpfen haben werde, wenn er es erlangen wollte. Endlich aber überwand die Geldgier alle Bedenklichkeiten, und in der nächsten heiligen Christnacht machte er sich auf den Weg.

Der Kühlberg ist ein mäßiger Berg zwischen Faulbach und Stadtprozelten; die Aussicht ist dort prachtvoll, aber der Boden ist schlecht und nährt nur notdürftig traurige Kiefern; in ihrem Schatten wächst das Zauberkraut.

Der Mann hatte den Wald kaum betreten, da wälzte sich ihm ein Ding entgegen, das er nicht recht zu erkennen vermochte, das aber so greulich war, daß es auch einem beherzten Mann Schrecken einjagen konnte. Aber er ließ sich nicht einschüchtern, und als das Ungetüm bis zu seinen Füßen kollerte, faßte er sich schnell und sprang darüber weg. Ohne sich umzusehen eilte er weiter, aber bald trat ihm in der Enge des Weges ein schwarzer Mann entgegen, der war hoch wie ein Kirchturm. Neben vorbei war kein Raum, und an das Überspringen war ohnehin nicht zu denken; der Riese kam mit so gewaltigen Schritten auf ihn los, daß seine Beine gleichsam einen Torbogen bildeten – und schnell schlüpfte der Mann durch und kam unverletzt davon.

Schon nahte er sich der Stelle, wo das gesuchte Kraut wachsen mußte, und er glaubte sich schon am Ziel, als von allen Seiten Kriegsknechte zu Roß und zu Fuß heranrückten und drohend gegen ihn die Waffen schwangen. Er ließ auch da seinen Mut nicht sinken und schlüpfte bald an einem Ritter, bald an einem Fußknecht vorbei; aber es stellten sich ihm stets neue Scharen entgegen – und als sie endlich ihre Reihen lichteten und er eben den letzten hinter sich hatte, schlug es zwölf Uhr. – Der Spuk verschwand, aber auch die kostbare Zeit war verschwunden und unverrichteterdinge und todesmatt schlich der Mann seiner Heimat zu.

Als am anderen Morgen den Mann, der den tiefen Schlaf gänzlicher Erschöpfung schlief, seine Leute wecken wollten, bebten sie erschrocken zurück, denn die einzige Nacht hatte aus dem kräftigen Mann im besten Lebensalter einen hinfälligen Greis mit weißen Haaren gemacht. Er hat seinen Verwandten, deren Kinder zum Teil noch leben, oft die Geschichte zum warnenden Beispiel erzählt.

 


 

 << Kapitel 297  Kapitel 299 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.