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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 246
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Bischof Konrads Mainfahrt

Von J. B. Goßmann. – Konrad Wilhelm von Wertnau, Bischof von Würzburg und Herzog in Franken, starb 1684.

              »Geh, Diener, und halte das Schifflein bereit!
Herr Dechant, Ihr gönnt uns Euer Geleit;
Die Frühlingssonne, der freundliche Main,
Sie locken und laden zur Lustfahrt ein.«

Kein Stündchen verschwand, da verließen das Schloß
Der Bischof und Dechant auf schmuckem Roß,
Bestiegen selbander das harrende Schiff,
Nach Höchheim zu rudern mainab im Begriff.

Wie spielte die Luft mit den Wimpeln so hold,
Wie glänzte die Burg in der Sonne Gold,
Wie trieben die Fischlein ihr munteres Spiel,
Wie rauschte die Well' um den bauchigen Kiel!

Da wurde dem Bischof im Herzen so warm,
Da fühlt' er sich ledig von Sorgen und Harm,
Da mundet' ihm wieder der köstliche Wein,
Den drüben die Sonne gewürzt hat am Stein.

Das ist ein Getränk für Dezember und Mai
Und zaubert dem Zecher all Holdes herbei;
Das kühlet im Sommer die sengende Glut,
Das wärmet im Winter das frostige Blut.

Und langsam bewegt sich das Schifflein zur Stell'
Des Frauenklosters von Unterzell,
Wo, fromm gepriesen, zu selbiger Frist
Die Schwester des Bischofs – Äbtissin ist.

Und kommen sieht sie von weitem den Zug
Und sieht – ist es Täuschung und Sinnentrug? –
Und reibt sich die Augen und starret mit Graus
Die Schwester nach ihrem Bruder hinaus.

Denn vor ihm, da Wimpel und Deck' ihn nicht barg,
Lag schwarz umhangen von Tüchern ein Sarg
Und Stola darauf und Inful und Stab,
So wie er gesenkt wird ins offene Grab.

Da ruft sie die Schwestern herbei auch in Eil',
Doch keiner ward die Erscheinung zuteil;
Sie sahn in der Helle des sonnigen Lichts
Den Bischof, den Dechant, die Diener – sonst nichts.

Die Äbtissin eilet entsetzt in den Chor
Und sendet Gebete zum Himmel empor
Und klaget: »So früh schon zum Tode bestimmt,
Da frisch noch die Lampe des Lebens ihm glimmt!«

Der Bischof reitet zur Stadt zurück:
»Ein solcher Tag ist im Leben ein Glück!«
Der Bischof reitet hinan aufs Schloß,
Steigt ab und streichelt das muntere Roß.

Das Rößlein wird in den Stall geführt,
Da hat's nicht Hafer noch Heu berührt,
Dem Bischof drückte zur ewigen Ruh'
Der Engel des Todes die Augen zu.

Dies alles geschah in derselbigen Nacht;
Des anderen Tags hat die Sonne gelacht
So freundlich als wie an dem Tag vorher,
Das Roß und den Reiter – sie freut es nicht mehr.

 


 

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