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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 23
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Wie Karl der Große geboren wurde auf der Reismühle am Würmsee

Pippin wohnte eine Zeitlang auf der Burg zu Weihenstephan bei Freising. Nun gedachte er sich zu vermählen und schickte seinen Hofmeister, einen bösen Ritter, die Braut abzuholen. Da wurden der und sein ruchloses Weib miteinander eins, die fremde Prinzessin zu töten und statt dieser ihre eigene Tochter unterzuschieben, die jener sehr ähnlich sah. Der Hofmeister führte die fremde Königstochter von ihres Vaters Hof im prächtigen Zug fort. Der Abschied war unendlich traurig, als hätte die Ärmste geahnt, welch Unglück sie erwarte.

Nach dem letzten Nachtlager vor Weihenstephan nahm der Hofmeister einen starken Umweg in die tiefe Wildnis zwischen dem Würm- und dem Ammersee. Dort harrten seiner verborgen Weib und Tochter. Er nahm in der Nacht der Prinzessin königliche Gewänder und ihren Fingerring, legte ihr dafür den Anzug seiner Tochter vor ihr Lager und befahl zweien seiner treuesten Knechte, wenn er in aller Stille abgezogen sei, die Königstochter ungestüm aufzuwecken mit dem Begehren, sie sollte ihnen ohne Widerrede folgen. Das tat sie, obgleich mit großem Schrecken. Ihr geliebtes Hündlein folgte ihr. Auch vergaß sie nicht ihr Werkzeug und Gold und Seide, denn sie konnte gar herrlich wirken.

Als sie nun mitten im finstersten Dickicht waren, sagten ihr die Knechte, sie hätten geschworen, sie zu töten, ließen sich aber doch erbarmen an soviel Schönheit und Jugend und brachten als Wahrzeichen, daß sie getan hätten, wie ihnen befohlen war, dem bösen Hofmeister ihr blutiges Oberkleid und ihres Hündleins Zunge. Der war dessen froh, und die Hochzeit seiner Tochter mit Pippin wurde vollzogen. Die arme Königstochter in der Wildnis trieb aber der Hunger wieder zu den Leuten. Ein häßlicher Köhler, über den sie anfangs gar sehr erschrak, weil sie ihn für den leibhaften bösen Feind hielt, der ihrer Seele nachstelle, führte sie zum Müller in der Reismühle bei dem alten Heidenort Gauting. Für den Müller war nun des edlen Königs Tochter eine Magd, nur sagte sie nicht, wer sie sei und was mit ihr geschehen sei. Sie machte wunderschönes Kunstwerk in Gold und Seide, das trug der Müller auf ihr Bitten gen Augsburg und verkaufte es dort fränkischen Handelsleuten.

So schwanden Jahre und Tage dahin. Da verirrte sich einst Pippin in dem weiten Wald mit seinem Knecht, seinem Arzt und seinem Sterndeuter. Der Abend brach herein. Von den Hörnern der Gefährten hatten sie schon seit vielen Stunden keines mehr erschallen gehört. Der Knecht war auf eine Tanne gestiegen und sah ganz in der Nähe Rauch. Sie ritten rasch darauflos, fanden den Köhler und verlangten zu essen. Er konnte ihnen nichts geben, denn er hatte selbst nichts, aber er führte sie auf die Reismühle gen Gauting, da erquickten sie sich. Der Sterndeuter trat vor die Hütte, blickte zum Himmel und kam hocherstaunt wieder herein und sprach zu Pippin: »Herr, Ihr sollt diese Nacht von Eurer Hausfrau einen Sohn bekommen, vor dem die Christenkönige und die Heidenkönige sich neigen.«

Da sprach Pippin: »Wie kann das sein? Es ist halb Mitternacht und noch weit auf Weihenstephan.«

Der Sterndeuter ging noch einmal hinaus und sprach: »Dennoch ist es so; Ihr werdet bei der sein, die Eure Hausfrau ist und schon lange war.«

Da stürmte Pippin auf den Müller, er solle sagen, ob nicht jene Frau bei ihm verborgen sei. Der König hätte ihn getötet, als er gestand, es sei wohl schon sieben Jahre eine engelschöne Jungfrau bei ihm, die keines Menschen Auge gesehen habe. Da mußte die Jungfrau herauskommen, und Pippin schmeichelte ihr; es stehe in den Sternen, sie sei sein eheliches Weib.

Da war zwischen ihnen viel Frage und Antwort, obgleich die Jungfrau ihr Geschick lange nicht offenbaren wollte, wegen des schweren Eides, bis der König ihr erklärte, er sei durch Todesfurcht erzwungen und ungültig. Die edle Bertha zeigte ihm nun seinen eigenen Brautring, den er ihr durch den verräterischen Hofmeister gesandt hatte, und Pippin war außer sich vor Freude, gebot den Seinigen Schweigen, so lieb ihnen ihr Leben sei, nahm zärtlich Abschied und erreichte des Abends noch die Burg, die jetzt Pael heißt, und kam am anderen Tag gen Weihenstephan. Dort erzwang er das Geständnis der Knechte, die Bertha verschont hatten, ließ seine Weisesten rufen, den Hofmeister dazu, erzählte seine Falschheit und Missetat, als wäre sie einem anderen geschehen, und fragte darauf mit schrecklichem Blick und Ton den Hofmeister: »Was gebührt einem für solche Missetat?«

Blaß und zitternd sprach dieser: »Ich will kein Urteil fällen über mich selbst.«

Da verdammte ihn der gemeine Rat zum Tod. Die Hofmeisterin, die den verdammenswerten Rat gegeben hatte, wurde eingemauert und ihre Tochter, die unterschobene Königin, in einem besonderen Gemach verwahrt, doch starb sie bald aus Gram.

Als Pippin heimkam aus dem langen Feldzug wider die Sachsen, eilte er auf die Reismühle am Würmsee. Der Müller trat ihm entgegen und reichte ihm einen Pfeil zum Wahrzeichen, in der Mühle sei ihm ein Sohn geboren von der schönen Bertha. Das war der Große Karl.

Pippin führte seine Fürsten und Ritter zu seiner Frau, zeigte ihnen ihr armes Kämmerlein und ihr Lager bloß von weichem Moos und zog dann mit ihr ab unter lautem Schall und Ruf und Waffenklang; nach Weihenstephan zuerst und dann ins Frankenreich, wo sie als Königin des Landes gegrüßt und ihr schöner, kühner Knabe getauft wurde. Es war Carolus Magnus, dessen Ruf durch alle Welt ging.

 


 

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