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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 223
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Auferstandene Frau

Auf dem Schweinfurter Gottesacker ist ein alter Grabstein mit dem lebensgroßen Bildnis einer vornehmen Frau zu sehen, die ein eingewickeltes Kind zu ihren Füßen liegen hat. Diese war die Frau eines Syndikus Albert. Man sagt von ihr, daß sie sehr schnell und plötzlich gestorben sei, und als ihr Tod erfolgt war, wurde sie unter einem Schwibbogen, in dem sich ihr Familiengrab befand, beigesetzt. Ihr zurückgelassener Gatte betrauerte sie sehr aufrichtig.

Der Totengräber, ein habgieriger Mann, hatte jedoch am Finger der Leiche einen kostbaren Ring bemerkt, den er der Toten nicht lassen wollte; er machte sich daher nachts heimlich auf, hob den Sargdeckel ab und wollte der Leiche den Ring vom Finger ziehen; da richtete sich diese plötzlich auf. Entsetzt lief der Totengräber davon; die Frau im Totengewand entstieg ihrem Sarg, wandelte ihm nach und kam ruhigen Ganges vor ihr Haus, wo sie anläutete. Eine Magd sieht zum Fenster hinaus: »Wer da?«

»Ich bin's, die Frau! Öffne!«

Schreiend stürzt die Dienerin zu ihrem Herrn: »Die Frau ist unten an der Tür, ich habe sie an der Stimme erkannt!«

Der Herr schüttelt den Kopf und läßt seinen Diener hinausgehen.

»Öffne mir um Gottes willen! Ich komme um vor Kälte!«

Da eilt auch der Diener rasch zum Herrn: »Es ist die Frau, ich erkenne sie an ihrer Stimme.«

Der Herr aber sagte: »Ihr seid Toren und dümmer wie das Vieh! Wenn meine Pferde zum Fenster hinaussähen, würden sie gescheiter antworten als ihr!«

Kaum ist das Wort gesprochen, so kommt es mit Gelärm und mit Gepolter die Treppe herauf und stampft und trappt und wiehert – die Pferde sind's – zur Stube herein, und sie stecken die Köpfe durch die Fenster, daß die Scheiben klirren und die Flügelbänder brechen, und beide sehen den Vorsaal hinab zum Fenster hinaus und wiehern.

Nun läßt der Herr, erschrocken, schleunig öffnen, und die halberstarrte Frau wird zu Bett gebracht und gebärt bald darauf ein Töchterlein. Doch Mutter und Kind lebten nicht mehr lange, und die erste wurde zum zweiten Mal begraben, und beiden wurde dieser Grabstein zum Andenken gesetzt.

Alle Jahre am ersten Ostertag ist eine wahre Wallfahrt nach dem Gottesacker, der dann prächtig mit herrlichen Blumen geschmückt ist; aber das erste, was man den Kindern zeigt und was sie alle gerne sehen wollen, ist die wiedererstandene Frau mit ihrem Kind.

 


 

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