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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 194
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Das Irrglöcklein von Seßlach

Von Fr. Rückert

        Der Tag verlischt, es senket grausend
Die Nacht vom schwarzen Himmel sich,
Und Nebelwinde streichen sausend
Durch Waldesgründe schauerlich;
Das Fräulein irrt mit bangem Schweigen
Allein auf ungebahnten Steigen.

Sie schreckt das Rauschen jedes Blattes,
Sie schreckt des eignen Fußes Tritt;
Es leuchtet aus der Luft kein mattes,
Kein bleiches Sternlein ihrem Schritt;
Sie irrt mit jedem neuen Schritte
Nur tiefer nach des Waldes Mitte.

Da drehet sich vor ihren Blicken
Im leichten Tanz am schwarzen Moor,
Sie mit Verderben zu bestricken,
Der Waldesgeister reger Chor;
Sie lassen düstre Flammen glühen,
Um täuschend sie hinabzuziehen.

Sie scheinen Lichter niedrer Hütten,
Sie scheinen fern und sind ihr nah;
Sie treibt sich an mit schnellem Schritten,
Sie fliegt hinzu, schon ist sie da;
Schon ist sie da – und freudig sehen
Die Argen sie am Abgrund stehen.

Schon will sie in die Tiefe gleiten,
Da ruft sie's an aus tiefem Wald;
Ihr ist, als wenn ein feines Läuten
Ihr rückwärts in die Ohren schallt;
Sie wendet sich halb froh, halb bange
Und horcht dem wunderbaren Klange.

Und vor dem Klang in Luft zerflogen
Sind alle Flämmlein fort im Nu;
Sie wandelt mächtig angezogen,
Dem wunderbaren Klange zu;
Er führt sie weit auf Weg und Stegen
Und endlich aus des Walds Gehegen.

Und dämmern siehet sie die Häuser
Des Weilers aus der Ferne schon;
Da klingt es leis' und immer leiser,
Und gar verklungen ist der Ton;
Schnell, mit andächtiger Gebärde,
Senkt betend sie das Knie zur Erde.

Sie weinet frommes Dankes Tränen,
Ihr Haupt verhüllend ins Gewand,
Den Rettern, die mit leisen Tönen
Sie riefen von des Todes Rand;
Dann will sie freudig aufwärts schauen
Und sieht den Tag im Osten grauen.

Und sieht mit rotbestrahlten Zinnen
Auf fernem Berg ihr hohes Schloß;
Sie rafft sich auf und eilt von hinnen,
In ihres bangen Vaters Schoß.
Mit Staunen aus der Tochter Munde
Hört er die wundervolle Kunde.

Dann baut er auf derselben Stelle,
Allwo sein Kind sich wiederfand,
Ein kleines Türmlein und Kapelle,
Mit Schieferdach und Mörtelwand.
Und in des Turmes höchstem Stocke
Hängt hellen Klanges eine Glocke.

Und bei des Abends ersten Sternen
Schlägt hoch im Turm das Glöcklein an,
Durchhallt des Waldes weite Fernen
Und ruft den irren Wandersmann;
Er folgt getrost mit sichern Schritten
Dem Rufe zu des Weilers Hütten.

Das Glöcklein hängt in der Kapelle
Dreihundert Jahr und drüber schon,
Und immer klingt es klar und helle,
Und immer heller wird sein Ton.
Es heißt, zu seiner Stiftung Kunde,
Irrglöcklein bis auf diese Stunde.

 


 

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