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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 165
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Das Schloß der Spieler

Als noch das Einbringen der abgestorbenen Waldbäume zu den unverwehrten Geschäften der Landleute gehörte, war eine Bauersfamilie aus Obersteinach am Fuß des Ochsenkopfes in dieser Arbeit tätig. Einen zu ihr gehörigen Dienstknecht fing auf einmal heftig zu dürsten an. Er sprach daher zu einem jüngeren Mägdlein. »Geh und hol mir Wasser, sonst verschmachte ich!«

Da nahm das Kind ein Trinkgefäß, um diesem Wunsch nachzukommen. Lange suchte es nach einer Quelle, bis es sich verirrt hatte. Als die Kleine dieses bemerkte, weinte sie heftig und rief alle Namen der Ihrigen. Niemand wollte hören. Schon neigte sich die Sonne zum Untergang, und noch hatte sie nicht aus dem Wald gefunden. Es war bereits völlige Nacht geworden, der Himmel blickte das verirrte Mädchen mit seinen zahllosen flimmernden Augen an, und sie machte sich bereit, in der Wildnis zu übernachten.

Da gewahrte sie in geringer Entfernung ein herrlich beleuchtetes Schloß, das sie noch niemals gesehen hatte. Wie freudig schlug der Geängsteten das Herz, denn es lächelte ihr ein wirtliches Obdach! Sie eilte dieser schönen Hoffnung entgegen. Als sie näher an das Schloß kam, verkündete kein Laut lebende Bewohner. Sie klopfte – niemand kam zu öffnen. Zum zweiten Mal schlug sie an die hallende Tür – nur das Echo antwortete, um sie zu äffen. Zum dritten Mal und stärker gebot ihr ängstliches Pochen Einlaß.

Da wurden die Riegel zurückgeschoben, und vor dem Mädchen stand ein Mann mit einer brennenden Kerze, der ihren Gruß nicht erwiderte und sie ernst und schweigend in einen weiten Saal führte. Sie setzte sich bescheiden auf ein Bänklein am Kamin. An einer langen Tafel saßen zwölf Männergestalten, die mit Kartenspiel beschäftigt waren. Aber kein Laut bewegte sich von den bleichen Lippen. Schweigend legte der Verlierende die Münze hin, und ohne ein Wort wurde der Gewinst eingezogen.

Da erfaßte allmählich das arme Mädchen jener Schauer, wie ihn der Sterbliche bei Ahnung des Ungeheuren zu empfinden pflegt. Mit ängstlichen Blicken betrachtete sie die rätselhaften Gestalten, und mit Entsetzen bemerkte sie jetzt, daß die Hände jedes Spielers eine andere Farbe trugen. Sie bemerkte goldgelbe, silberweiße, blutrote Hände. Ihrer Besinnung kaum mächtig, rief die Kleine wie in Todesangst: »Assi möcht' i!« Und schweigend nahm der, der sie eingelassen hatte, die Kerze und ließ sie hinaus aus der Wohnung des Grauens. Sie setzte sich unweit des Schlosses nieder und schlief bald ein.

Als sie erwachte, vergoldete schon die Morgensonne die Wipfel der Bäume, die Lerche wirbelte ihr Lied, und das Schloß war verschwunden. Ein Haufen Schutt und Steine an dessen Stelle ließ vermuten, daß wohl ehemals ein Gebäude dort gewesen sein möge.

Froh, das Abenteuer glücklich überstanden zu haben, setzte das Mägdlein sein Suchen nach dem Weg fort und fand ihn wieder.

 


 

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