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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 139
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Henricus Rumel

Von J. N. Vogl. – Henricus Rumel, der erste Buchdrucker in Nürnberg, erhielt dort Bürgerrecht im Jahre 1463.

                  Zu Mainz am grünen Ufer, im Sonntagsmorgenschein,
Da geht ein züchtig Mädchen, die schönste Blum' am Rhein.
Und ihm zur Seite wandelt ein Mann in Bürgertracht,
Umwallt den Spitzenkragen von dunkler Lockennacht.

Der spricht: »Es prangt die Erde in ihrem schönsten Glanz,
Doch kann ein Wort sie wandeln zum Paradies mir ganz;
O sprich das Wort, Brigitte, das kleine Wörtchen sprich,
Du, die mein Glück und Hoffen, o sag: ›Ich liebe dich!‹«

Wohl zögert noch die Jungfrau mit holdverwirrtem Sinn,
Dann sinkt mit heißen Tränen an seine Brust sie hin.
»Henricus«, spricht sie leise, »was Gott will, mag geschehn;
Doch sprecht erst mit dem Vater, bis wir uns wiedersehn.«

Drauf ist die Magd entschwunden; erfüllt von seinem Glück,
Bleibt lang auf selber Stelle Henricus noch zurück.
Doch schon am nächsten Morgen zum reichen Pankraz tritt
Er hin mit seiner Bitte, allein mit festem Schritt.

»Seid mir nicht ungehalten, dem ungerufnen Gast,
Dieweil mich mein Geschäfte antreibt zu solcher Hast.
Ich liebe Eure Tochter als rechtlich frommer Mann
Und wünschte zur Gefährtin durchs Leben sie fortan.

Auch, denk' ich, fühlt ein Gleiches für mich die fromme Magd;
Es hat mir's eine Träne in ihrem Aug' gesagt.
Henricus Rumel heiß' ich, bei Sorgloch einst zur Lehr',
Und drucke selbst nun Bücher und Schriften so wie er.«

Da blickt der greise Pankraz den Werber lange an
Und spricht: »Henricus Rumel, Ihr seid sehr wohlgetan,
Von unbescholt'nen Sitten, einnehmend von Gestalt,
Auch, sagt man, wohl erfahren in Künsten mannigfalt.

Drum will ich nicht verweigern Euch meines Kindes Hand,
Obgleich es mir ein Kleinod, dagegen alles Tand.
Und setze Euch nur eines vorerst noch als Geding',
Und liebt Ihr meine Tochter, so deucht's Euch wohl gering.«

»O redet«, spricht Henricus. »Was könnte das wohl sein,
Das ich nicht froh erfüllte, damit Brigitte mein?« –
»Wohlan«, erwidert jener, »so laßt von Eurer Kunst,
Um die Ihr eitel Sorge erwerbt statt Lohn und Gunst.

Zerschlagt die Druckertafeln, vernichtet Eure Schrift,
Die allem Volk verdächtig, als wär's ein tötend Gift.
Ergreift ein ander Handwerk, und gebt das Drucken auf,
Dann sind wir handelseinig – hier meine Hand darauf.«

Lang steht Henricus Rumel, die Wang' wie Schnee so bleich,
Das war aus heit'rem Himmel ein unheilschwangrer Streich.
Lang steht er dort, dann rollt es ihm heiß vom Angesicht:
»Herr Pankraz, dieses eine kann ich erfüllen nicht.

Wohl lieb' ich Eure Tochter, wie sie kein zweiter liebt,
Doch kann ich ab nicht lassen von dem, was ich geübt;
Und mag mein Herz verbluten in namenlosem Gram –
Der Weisung muß ich folgen, die mir von oben kam.

Buchdrucker muß ich bleiben, so will es meine Pflicht,
An der nun Lieb' und Hoffen und all mein Glück zerbricht.
Doch schuld' ich dies dem Meister, der mich die Kunst gelehrt,
Dem Volk, dem ich entsprossen, dem väterlichen Herd.

Buchdrucker muß ich bleiben, auf daß im deutschen Reich
Das Schöne nun gedeihe so wie in keinem gleich;
Daß durch das Wort entfesselt und frei von langer Haft
Ausgeh' nach allen Zonen des Geistes ew'ge Kraft.

Drum bringt nun Eurer Tochter mein letztes Lebewohl,
So wie ich's Euch jetzt sage, des innern Kummers voll;
Und zürnet nicht der Träne, die mir noch etwa fließt,
Und sorgt, daß sie vergesse den, der sie nie vergißt.«

Erstickt von heißen Tränen Herr Rumel spricht dies Wort
Und eilt zerriss'nen Herzens vom reichen Pankraz fort.
Allein wohin er eilet, mit noch so flücht'gem Schritt –
Der Harm ist sein Begleiter; den Gram, den nimmt er mit,

Der folgt ihm allerwegen, der geht mit ihm ins Haus,
Aus seinem Druckerkasten schaut der auf ihn heraus.
Er geht mit ihm nach Nürnberg, wo er von nun an weilt,
Jetzt nur der Kunst noch lebend, die nicht sein Sehnen heilt.

So schwinden Monde, Jahre; der Gram bleibt ihm getreu,
Doch wirkt und schafft der Wackre, ganz sonder Furcht und Scheu,
Wie sehr auch Neid und Mißgunst nach ihm die Krallen kehrt,
Er druckt so, wie Johannes von Sorgloch ihn gelehrt.

Schon hat sich grau gefärbet sein Haupt im Lauf der Zeit,
Doch hat sich auch verbreitet sein Ruhm im Lande weit.
Geehret und geachtet ist er von alt und jung,
Doch ist sein Glück, sein einz'ges, nur die Erinnerung.

Längst schon ist sie begraben, für die sein Herz erglüht,
Doch denkt er oft noch ihrer mit Trauer im Gemüt.
Und als nach vielen Jahren der Herr auch ihn berief,
Da lispelte »Brigitte« er nochmals – und entschlief.

 


 

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