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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 1348
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Der Ritter von Bogen

Von F. A. Lehner.

                      Zu Augsburg, der berühmten, der lustigen Schwabenstadt,
Wo's viele reiche Weber, viel schöne Jungfern hat,
Da ward nicht des Gewinnes, nicht süßer Lust gedacht,
Denn heute wollt' man schlagen die Magyarenschlacht.

Ein heller Sonnenmorgen war's am Sankt-Lorenz-Tag,
Als betend auf den Knien Heer und Gemeinde lag;
Sankt Ulrich sang das Hochamt und segnete das Heer
Und reichte den Leib des Herrn den frommen Kriegern umher.

Als von dem heiligen Mahle nun alles erquicket war,
Da öffnet' man die Pforte, aus rückte Schar für Schar.
Wie glänzten weiß im Lechfeld die vielen tausend Gezelt'!
Wie lagen unabsehbar der Feinde Haufen gesellt!

»Es sollen unsere Rosse all Flüsse saufen aus,
All Städte auch zerstampfen bis auf das letzte Haus.
Bricht nicht die Erde zusammen, stürzt nicht der Himmel ein,
Soll keine Macht vermögen zu Schaden uns zu sein!«

So hatten sie geprahlet in frevlem Übermut,
So hatten sie gehauset rings mit entmenschter Wut;
Wohl eine breite Straße voll Leichen und voll Brand
Lief hinter den Barbaren durchs öde Bayernland.

»Sankt Lorenz«, betet der König, Herr Otto, in frommem Mut,
»Du machtest heidnisch Dräuen zuschanden mit deinem Blut.
Ein Bistum dir zu Ehren zu Merseburg will ich weihn,
Willst du heut gegen die Heiden auch mein Mitstreiter sein!«

Jetzt stellt er getrosten Sinnes den heiligen Heerbann auf,
Voran die wackeren Bayern, die Franken und Sachsen drauf,
Zuletzt die tapfern Schwaben. Dann zieht er tausend herfür,
Des Heeres Heldenblüte zur Wache für sein Panier.

Im Lechfeld ragt ein Hügel nur wenig über den Plan,
Doch schweift von ihm das Auge bis fern zum Gebirge hinan;
Darauf mit seinen tausend Recken der König steigt,
Von wannen sein Feldherrnauge frei über das Schlachtfeld fleugt.

Da trabt auf schmuckem Rößlein ein junger Gesell herbei,
Es flattern goldene Locken ihm um den Nacken frei,
Sein offenes blaues Auge blickt heiter und kühn in die Welt,
Ihm klirrt an der Schulter ein Köcher, einen schwanken Bogen er hält.

Der König spricht im Scherze: »Was kannst denn du, du Fant?
Du führst nicht Schild noch Lanze, dich deckt kein Stahlgewand;
Und heut setzt's derbe Hiebe; dein Milchgesicht, hab acht,
Daß dir ein wilder Hunne es nicht voll Narben macht.« –

»Herr König, ich kann schießen, vergebt mein dreistes Wort;
Und stürzt' ich manche Gemse von ihrem Felsenhort,
Und holt' ich manchen Adler herab mir aus der Luft,
So träf ich, eh' er mich träfe, wohl auch einen Hunnenschuft.« –

»Nun bist du solch ein Schütze, du kannst's beweisen heut,
Du magst wohl mit mir reiten, doch schau, daß dich's nicht reut;
Du findst hier g'nug des Wildes, doch ist es nicht zum Scherz,
Sie führen selber Pfeile und treffen gut ins Herz.«

Da sprengt ein schneller Bote auf schnaubendem Hengst heran:
»Herr König, bei den Schwaben ist's schon gegangen an.
Auf flüchtigem Roß umritten die Ungarn unsere Reihn
Und fallen ins Hintertreffen wie Wetterstrahl herein!« –

»Ha! Da gilt's nicht zu säumen«, rief Otto zornentbrannt,
»Reicht mir die heilige Lanze, und folgt mir unverwandt.«
Hin brausen die jungen Recken, sprühend vor Kampfesglut,
Die goldenen Sporen triefen von der edlen Rosse Blut.

Wie jauchzen da die Schwaben beim Nahn der Heidenschar!
Wie stürzen sie ermutigt aufs neu in die Gefahr!
Wie sausen die Eisenspeere, wie dröhnet der Schwerter Schlag!
Da neigt sich wohl manchem Reiter zum Abend sein letzter Tag.

Die grimmen Feinde stutzen und weichen dem ersten Stoß,
Doch stürmen sie bald wieder mit frischer Wut drauflos;
Ein Häuptling, schwarz und häßlich, als wär' er der Höll' entstammt,
Der hatt' mit heidnischen Schwüren der Seinen Groll entflammt.

Das hätte den deutschen Helden bald herbe Not gebracht,
War auch der Mut unbeugsam – es drängte die Übermacht.
Da ritt der junge Schütze zum König wieder heran,
Mit blitzendem Aug' und Wangen rotglühend hob er an:

»Herr König, wollt erlauben, so lös' ich nun mein Wort.
Am meisten bringt uns Schaden der schwarze Heide dort.
Ich prüfte gern den Bogen an einem würdigen Wild;
Mich deucht, der wär das rechte, so Ihr auch so gewillt.«

Kaum hatt' er das gesprochen, so flog er ins Gewühl,
Er spannte straff den Bogen und faßte scharf sein Ziel.
Der Pfeil schwirrt' von der Sehne und blitzte durch die Luft,
Und wie vom Strahl getroffen sank nieder der schwarze Schuft.

Da packte blasser Schrecken die andern allzumal,
Sie hatten flugs vernommen des Führers jähen Fall.
Sie stoben auseinander wie diebischer Dohlen Schwarm,
Hat eine der Stein getroffen von eines Knaben Arm.

Doch unter dem Heldenhaufen erhob sich Jubelgeschrei,
Sie brachten im Triumphe den Schützen zum König herbei.
Der sprach: »Es kommt euch allen der Preis der Mannheit zu,
Den rechten Fleck getroffen hast, trefflicher Junge, du.«

Er hatt' noch nicht geendet, als neu Getümmel begann,
Es schwoll zu mächtigem Brausen wie Sturmesgebrüll heran.
Die ungrischen Kolbenträger, die wogten daher gemach,
Sie hatten sich zugeschworen, zu rächen der Reiter Schmach.

»Herr Konrad; Ihr scheint zu glauben, das sei ein Stück für Euch,
Daß Ihr dem grimmen Feinde nicht gönnet den ersten Streich;
Nun Gott mit Euch, Herr Eidam, auf Eurer schweren Bahn,
Der Sieg sei Eurem Schwerte wie sonsten untertan!«

So wandt' mit scherzendem Vorwurf der König dem Herzog ein,
Der, auf Befehl nicht harrend, auf eigne Faust fuhr drein;
Drauf sprengt er zu seinem Hügel mit seiner Schar zurück,
Den Heldenlauf des Eidams begleitend mit frohem Blick.

Dort sieht er, wie in die Feinde der Franken Herzog fällt
Wie wildes Berggewässer, von Wolkenbruch geschwellt,
Das rollt wohl Felsenblöcke, bricht Eichen von tausend Jahr –
So schwemmt die Barbarenhorden die stürmische Frankenschar.

Wie schwingt der Tod die Sense, wie mäht er gräßlich drein,
Wie Weizen vor dem Schnitter, so sinken der Ungarn Reihn.
Herr Konrad, der Heldenherzog, ficht in der ersten Zahl
Bewundernswert als Feldherr, ruhmvoll als Krieger zumal.

Auf einmal sieht man mitten im Feindesschwarm ihn stehn,
Er hat der Hunnen Führer zum Ziel sich ausersehn;
Er schwingt die Eisenstange gewaltig auf ihn los,
Doch von dem guten Schilde prallt machtlos ab ihr Stoß,

Da trifft sein Roß zur Seite ein scharfer Pickenstich,
Es bäumt sich hoch, und rücklings begräbt's ihn unter sich,
Nun stürzet wie ein Tiger sein Gegner auf ihn ein
Und bohrt die eigene Lanze ihm in das Herz hinein.

Des Königs Antlitz färbte sich plötzlich leichenblaß,
Ein Schreckensruf entfuhr ihm, sein Auge wurde naß.
»Auf, meine braven Jungen, hinunter ins Gefecht!
Wer ist's, der mir den Herzog, den teuren Eidam, rächt?«

Wie Falken aus den Lüften im Stoß die Beute fahn,
So fallen die jungen Recken das Heer der Ungarn an;
Sie setzen über Leichen und Lebende hinweg,
Und jedes Waffe sucht nur nach einem Herz den Weg.

Die Ungarn hatten erspähet, wohin ihr Sinnen stand,
Und drum den Führer umzogen mit zehnfacher Mannenwand;
Der Mut war ihnen gewachsen durch Konrads jähen Tod,
Drum fiel vor ihrem Walle manch Held in Todesnot

Da kam ein Pfeil geflogen – woher, ward nicht gesehn –.
Der Heiden Führer wankte, es war um ihn geschehn;
Ein Blutstrom aus dem Munde ergoß sich auf sein Roß,
Ihm war durch die Kehle gefahren das tödliche Geschoß.

Bestürzung packt die Feinde, die Freunde Verwundrung an:
»Wer hat den Preis errungen, wer hat's uns vorgetan?«
Dieweil sich keiner zeigte, entbrannt' ein neuer Strauß,
Wer dem Gefallnen ziehe die glänzende Rüstung aus.

»Wer reitet dort so eilig zurück aus dem Gefecht?
Er scheint hierherzulenken; der kommt mir eben recht.
Ha! Ihr seid's, junger Schütze! Wo ist der Kampfmut? Sprecht!« –
»Herr König, wollt verzeihen, der Herzog ist gerächt.«

Der König reicht dem Schützen gerührt die Rechte hin:
»Vergib, du braver Knabe, trägst wahrlich hohen Sinn.
Ich will's dir treu gedenken, will Gott uns Sieg verleihn,
Doch wohl ein gut Stück Arbeit muß noch vollendet sein.«

»Herr König, schaut, sie fliehen! Wie schlagen die Franken drein,
Die wollen ihrem Herzog ein Totenopfer weihn.
Doch dort vom Lech her woget ein neues Meer herauf,
Es möcht' mich schier bedünken, sie stünden vom Tode auf.« –

»So reite fort im Fluge hin, wo die Bayern stehn,
Sie sollen gen mein Banner der Speere Spitzen drehn
Und mit der einen Flanke hart streifen des Leches Rand;
So dürft' wohl bald kein Heide mehr auferstehn vom Sand.«

Als wie vom Sturm entführet fliegt nun der Schütze fort,
Er trifft wie eine Mauer die Bayern an ihrem Ort.
»Ihr Bayern, auf! Die Reihe der Ehre ist an euch!
Vernehmt des Königs Willen, und wendet euch sogleich.

Das Blut der Weiber und Kinder, das schreit zu unsrem Ohr,
Die Flamme unsrer Häuser, die lodert klagend empor.
Sie hat uns gräßlich geleuchtet zu unsrer herben Not,
Euch schein' sie zur Leichenfeier noch mal so blutigrot.«

Wie man beim lustigen Jagen den grünen Wald umstellt,
Damit kein Hirsch entwische den Jägern froh gesellt,
So pflanzen flugs die Bayern wohl einen dichten Hag,
Daß von dem Ungarwilde kein Stück entrinnen mag.

Es brüllen laut die Hörner, es braust die wilde Jagd,
Die Heiden sehn sich plötzlich von allen Seiten gepackt;
Vom roten Feindesblute der grüne Lech schwillt an,
Das ward von den edlen Bayern zur Wiedervergeltung getan.

Schon weichen sie allerorten und schaun sich um nach Flucht,
Durchs dichte Waffengehege wird die umsonst versucht;
Es will sie Verzweiflung fassen, so ratlos stehn sie da,
Derweil beim Christenheere schon schallet Victoria!

»Gepriesen sei der Herre«, rief König Otto aus,
»Nun dürft' uns kaum mehr welken des Sieges Ehrenstrauß;
Doch schau dort! Wie ein Knäuel ballt sich der flüchtige Feind
Inmitten des Streitergeheges, womit wir ihn umzäunt.«

Des Schützen Falkenauge, das hatt' es schon erspäht:
»Ein grauer Heidenpriester, Herr König, drinnen steht;
Ein greulich Götzenbildnis er hoch in der Rechten hat,
Mich deucht, er will sie spornen zu Wahnsinns mutiger Tat.« –

»Du hast nicht falsch gesehen; sie schließen feste Reihn!
Sie stürmen durchs Gehege, sie brechen gen mich herein.
Das war, mein Götzenpfäfflein, nicht schlecht von dir erdacht,
Du meinst mit meinem Blute am End' noch zu wenden die Schlacht.«

Noch war mit seiner Rede der König nicht zu End',
So war auf Windesflügeln der Schütze schon fortgerennt:
»Wär' durch noch dichtern Speerwald dein Anblick mir geraubt,
Mein Pfeil würd' dennoch finden den Pfad zu deinem Haupt.«

Es traf voll stummen Entsetzens ein Schlag die Stürmer sofort:
Da lag in seinem Blute der Hoffnung letzter Hort;
Nun bannt tatlose Verzweiflung sie fest an ihrem Ort,
Sie bieten sonder Sträuben die Brust entgegen dem Mord.

Wohl sechzigtausend sanken am Lech in ewigen Schlaf,
Die andern ohn' Erbarmen Verfolgers Waffe traf;
Nur sieben sind entkommen zum fernen Donaustrand,
Den Untergang der Ihren zu melden im Heimatland.

Was strömt nach einem Punkte wohl alle Welt heran?
Was hemmt das Siegsfrohlocken in seiner freudigen Bahn?
Das Schwert in seiner Rechten der deutsche König steht
Inmitten auf dem Schlachtfeld, darüber sein Banner weht,

Und vor ihm kniet, bescheiden den Blick zur Erde gewandt,
Der junge, lockige Schütze, den Bogen in der Hand;
Ob ihm hält segnend die Hände Ulrich, der heilige Greis,
Und um ihn stehn die Helden in feierlichem Kreis.

Ihm rührt das Schwert des Königs den Nacken mit leichtem Schlag:
»Empfang den Lohn des Bravsten an diesem Ehrentag!
Dreimal hast du den Bogen zu herrlichem Schuß gespannt,
Drum sei von dieser Stunde der Ritter von Bogen genannt!

Drei Bogen führ im Schilde zum ewigen Ehrenmal,
Von deinen Meisterschüssen verkünden sie die Zahl;
Sie sollen den späten Enkeln erzählen die Mär dabei,
Welch herrlicher Schütz ihr Ahnherr dereinst gewesen sei.«

Da sprach der Bischof Ulrich, der heilige Gottesknecht:
»Es segne Gott der Herre so dich als dein Geschlecht,
Daß nie eu'r Auge ziele nach einem schlechten Zweck,
Daß eurer Pfeile Spitze stets treffe den rechten Fleck.«

 


 

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