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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 1311
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Hexenkirchweih

Ein Bauernmädel wollte zu seiner Base auf die Kirchweih gehen. Der Weg führte durch einen Wald. Weil es schon dämmerte, ging es irre und konnte sich gar nicht mehr zurechtfinden. Der Mond schien so hell, daß man eine Nähnadel hätte auflesen können; auch war es so still und schaurig, daß sich die Dirne fürchtete und seelenfroh war, als eine Weibsperson auf sie zukam, in der sie des Schulzen alte Mutter erkannte. Die fragte: »Bärbele, wohin gehst denn?«

»Zu mein Bäsla auf Kirwa«, antwortete die Dirne.

»Ei, da gehn wir mitsammen«, sagte die Alte und trippelte stillschweigend nebenher.

Nicht lange, so begegnet ihnen wieder eine Frau, die fragte wieder: »Wohin denn Bärbele?«

Und Bärbele antwortet wiederum: »Zu mein Bäsla auf Kirwa.«

Kaum sind sie etliche Schritte weitergegangen, kommt wieder eine und noch eine und endlich gar viele, und alle fragen: »Bärbele, wohin denn?«

Und Bärbele antwortet allen: »Zu mein Bäsla auf Kirwa«, und alle sagen zum Bärbele, sie wollten auch mitgehn.

Endlich waren ihrer so viele, daß der Weg zu eng wurde, und rechts und links zwischen den Bäumen, so weit man sehen konnte, wimmelte es von Kirchweihgästen. Man hörte aber von keiner ein Sterbenswörtlein. Wie der Mond unterging, tanzten Flämmlein und Lichtlein auf dem Weg, auch gesellten sich zwei feurige Männer zu ihnen und leuchteten dem Zug. So kamen sie auf einen freien Platz, da erblickte das Bauernmädel sogleich die Base, die ihm auch freundlich entgegenkam. »Bäsla«, sagte das Bärbele, »ist denn die Kirwa an dem Platz und um die Zeit?«

»Ja freilich«, nickte die Base, »sei nur kreuzlustig und laß dir's wohl sein!«

Anfangs wollte es aber dem Mädel gar nicht von Herzen gehen, bis es gegessen und getrunken hatte, da wurde ihr's auf einmal ganz anders zumute, so daß alle Angst und Beklemmung weg war und das Bärbele die ganze Nacht hindurch recht ausgelassen tanzte und tobte, bis es endlich in lauter Lust und Trunkenheit einschlief.

Als die Dirne des Morgens erwachte – o Schrecken! –, lag sie auf einer Wiese bei dem Dorf, in dem die Base wohnte und noch dazu auf einem Misthaufen mit zerrissenen Kleidern und in dem liederlichsten Zustand. Die Wiese, auf der sie lag, war die Schinderwiese, wo das Aas eingescharrt wurde. Zu Tode müde an allen Gliedern wankte sie ins Dorf, ihre Base zu suchen. Als sie nach dieser fragte, wurde sie ausgelacht, »denn die habe der Teufel geholt vor etlichen Monaten«.

Die Bärbel wollte es aber nicht glauben, denn die Base hatte ihr ja gestern eigenhändig die Kirchweihnudeln und das Dörrfleisch in den Korb getan. »Schaut nur her«, sagte sie, den Korb öffnend – aber da war statt Nudeln und Dörrfleisch stinkendes Luder und Pferdemist zu sehen, das hatte sie gestern auf der Wiese genossen. Da fuhr die Bärbel vor Schrecken zusammen und wurde leichenblaß, denn jetzt konnte sie die ganze Geschichte begreifen. Man sagt, sie sei tiefsinnig geworden und in ein Kloster gegangen.

 


 

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