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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 1287
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Schlange der Büßerin

Vor ungefähr hundert Jahren lebte in der Gegend von Brennberg im Bayerischen Wald eine Dirne, die einen so lasterhaften Wandel hatte, daß sie ledigen Standes nacheinander sieben Kinder gebar, die sie aber sogleich nach der Geburt ermordete und im Wald vergrub. Mit der Zeit erwachte aber doch das Gewissen in ihr und trieb sie an, ihre Verbrechen im Beichtstuhl zu bekennen. Zu diesem Zweck suchte sie einen im Ruf der Heiligkeit stehenden Priester auf, der fern von den bewohnten Ortschaften in abgelegener Bergschlucht sich eine Klause erbaut hatte.

Der fromme Gottesmann schlug die Hände zusammen, als er aus dem Mund seines Beichtkindes dieses Übermaß von Greueltaten vernahm, und er verweigerte der Sünderin die Lossprechung. Als aber diese eine wahrhaft aufrichtige Reue zu erkennen gab und nicht nachließ, mit Bitten und Tränen in ihn zu dringen, wurde er anderen Sinnes und sagte ihr die Absolution zu, sofern sie sich bei ihrem Seelenheil verpflichte, die Buße zu verrichten, die er ihr auflegen werde. Die Dirne versetzte, daß sie bereit sei, jede Strafe zu erleiden, auch die härteste, worauf der Priester sie lossprach und die Worte hinzufügte: »Nun gehe hin, und zum Zeichen, daß du im Innersten deines Herzens demütigst erkennst, wie du durch deine beispiellosen Missetaten nicht nur Gott und die Menschen, sondern selbst auch die unvernünftige Natur beleidigt hast, sollst du das erstbeste Tier küssen, dessen du auf dem Heimweg ansichtig wirst; sei es klein oder groß, schön oder häßlich, zahm oder wild.« Die Dirne war bereits eine ziemliche Strecke gegangen, ohne in der Wildnis einem lebendigen Wesen zu begegnen, als sie mit einem Mal eine Natter erblickte, die zusammengeringelt auf einem von der Sonne durchwärmten Felsblock lag und zu schlafen schien. Zitternd betrachtete die Sünderin das greuliche Tier; indes der angeborene Abscheu gegen dieses wurde bald durch die Furcht vor der ewigen Pein überwunden, und sie schickte sich an, die schwere Buße zu vollziehen.

Kaum aber fühlte sich die Natter von den Lippen der Dirne berührt, als sie zischend auffuhr, der Unglücklichen an den Hals sprang und sich mit ihren Zähnen derart im Nacken festbiß, daß weder Rütteln noch Reißen sie je wieder entfernen konnten. Sieben volle Jahre lang blieb sie da hängen bei Nacht wie bei Tag, bis endlich der Lebenssaft bis zum letzten Tropfen ausgezogen war und die Büßerin durch den Tod von ihrer furchtbaren Buße erlöst wurde.

 


 

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