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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 1207
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Heldensage von Heinrich dem Löwen

Von J. Mosen. Die altbekannte Sage von Heinrich – dem Gründer Münchens – konnte hier nicht in der Ausdehnung der alten Volksbücher, nicht einmal in Simrocks Bearb., gegeben werden. Man begnügte sich mit einer der kürzesten poetischen Darstellungen.

1.

            Meer und Windsbraut Arm in Arm
Tanzen wild den alten Reigen,
Heinrich steht im Schiff voll Harm,
Doch das Sturmlied will nicht schweigen.

Und er sprach, zum Meer gewandt:
»Gottes Gnade soll dich binden!
Ich muß in das Heil'ge Land,
Meiner Seele Heil zu finden.

Über Braunschweig halt, mein Gott,
Deine treuen Vaterhände!
Und mein Weib? Barmherz'ger Gott,
Wenn ich meinen Tod hier fände?

Tolles Meer und ohne Treu',
Heimlich, tückisch, wankelmütig,
Brich mein Schiff mir nicht entzwei
Mit den Fluten sturmeswütig!«

Doch das Meerweib totenbleich
Mit den weißgemähnten Rossen
Steigt empor so nebelgleich,
Grün vom Lockenfluß umflossen.

Und es ruft: »Treuloser Mann,
Nenne treulos nicht die Wogen,
Der du weichst vom Heeresbann,
Deinen Kaiser hast betrogen!«

Auf die Knie der Herzog fiel
Mit den Mannen in dem Schiffe,
Und mit Krachen trieb der Kiel
Mitten in die Felsenriffe.

 
2.

    Ohne Wolken steht der Himmel,
Ohne Welle ruht das Meer,
Doch viel schreckliches Gewimmel
Rührt sich um das Schifflein her.

Grimme Haie, Ungeheuer,
Leichen wittern sie an Bord,
Und die Raben wie die Geier
Suchen Atzung an dem Ort.

In dem Schiff am Felsenstrande
Liegen bleich und starr und stumm
Fern von Rettung, fern vom Lande
All die Männer ringsherum.

Unter ausgeleerten Kisten
Sucht der Steuermann nach Brot,
Will das zähe Leben fristen
Um ein Stündlein herber Not.

Heinrich wickelt ein die Leichen,
Senkt sie in des Meeres Grab,
Macht des heil'gen Kreuzes Zeichen,
Möchte stürzen mit hinab.

Seine Augen zugedrücket,
Liegt er nun im schweren Traum;
Plötzlich fühlt er sich entrücket
Hoch empor zum Himmelsraum.

Flügelschläge hört er schallen,
Rauschen langen Federschweif,
Und er ruht in Eisenkrallen,
Und ihn trägt der Vogel Greif.

Himmelhohe Felsen ragen;
Heinrich hält den Schwertknauf fest,
Hat den Greif samt Brut erschlagen
Mitten drin in seinem Nest.

Über Berge, durch die Wüste
Zog der Held zur Heil'gen Stadt,
Und er betete und büßte,
Wo der Herr geduldet hat.

 
3.

                    Harfen und Schalmeien hallen
Hell zu Braunschweig in dem Schloß,
Bunte Fähnlein müssen wallen,
Wimmeln muß ein Dienertroß;
Thronet doch beim Hochzeitsmahle
Heinrichs Witwe dort im Saale.

An der Türe gar gewaltig
Still ein hoher Pilger steht,
Dem der Mantel weit und faltig,
Dem das reiche Haupthaar weht,
Dem, zu Füßen hingeschmieget,
Zahm ein starker Löwe liegt.

Doch ein Diener kommt gegangen,
Weist den ernsten Pilger fort;
Aber der spricht ohne Bangen:
»Knabe, mir gefällt der Ort!
Hüt dich! Nebenan die Katze
Kämmt mit einer guten Tatze.«

Und der Jüngling schrickt zusammen,
Als er jetzt in grünem Licht
Sieht des Löwen Augen flammen;
Doch der Pilger freundlich spricht:
»Fürcht dich nicht! Doch gib mir Kunde
Drinnen von der Tafelrunde!«

Und der kluge Knabe flüstert:
»Unsre Herrin, zart und bleich,
Sitzt dort oben gramumdüstert,
Denn dem Grafen, stolz und reich,
Der wohl munter sitzt daneben
Muß sie endlich sich ergeben.

Seit der Welfe fern gestorben
Auf dem Zug zum Heil'gen Land,
Wurde mild und hart geworben
Um der edlen Witwe Hand;
Endlich vor dem Drohn der Degen
Scheint ihr stolzer Sinn erlegen.«

Doch der Pilger forschet wieder:
»Wer ist jenes Frauenbild?
Traurig sieht sie vor sich nieder –
Bei der Braut so schön und müd!
Ihr schien einst der Graf treueigen.«
Sprach der Knabe: »Laßt mich schweigen!« –

»Eile«, spricht der Pilger weiter,
»Flugs zur Grafenbraut hinein!
Sage ihr: Ein Gottesstreiter
Heischet einen Becher Wein –
Heischet ihn um Christi willen,
Seines Durstes Qual zu stillen.«

Und der Diener geht in Eile,
Kündet seiner Frau die Mär,
Bringt dem Mann nach einer Weile
Einen Kelch, vom Golde schwer.
Und der Pilger leert die Schale,
Und der Knabe kehrt zum Mahle.

Doch die schöne Braut erschricket,
Wie sie in den Becher sieht,
Drinnen Heinrichs Ring erblicket,
Der in Gold und Steinen glüht;
Hat ihn bald herausgenommen
Heimlich bebend, herzbeklommen.

Ach, sie schluchzet und sie weinet,
Und sie stürzet nach dem Tor,
Wo der Pilger jetzt erscheinet,
Mit dem Löwen tritt hervor;
Und schon hält er voll Erbarmen
Seine Gattin in den Armen.

Heinrich ruft im Zorn, im Grimme
Den erschrocknen Grafen an:
»Kennst du noch des Löwen Stimme,
Der du schlimm an mir getan?
Graf, inmitten deiner Sünden
Muß dich so der Welfe finden?«

Und ein Fräulein rang die Hände,
Das zu seinen Füßen lag,
Und der Herzog gar behende
Zu der frommen Jungfrau sprach:
»Dir stell' heim ich seine Sache,
Nimm nur nicht zu schwer die Rache!«

Rings ein Danken, Jauchzen, Schreien
Und des Volkes Freudendrang,
Geigen tönten und Schalmeien,
Jubelnd die Trompete klang,
Und des Löwen dumpfes Brüllen
Wollte Stadt und Land erfüllen.

 
4.

        Im Dom zu Braunschweig ruhet
Der alte Welfe aus,
Heinrich der Löwe ruhet
Nach manchem harten Strauß.

Es liegt auf Heinrichs Grabe
Gleichwie auf einem Schild
Ein treuer Totenwächter –
Des Löwen eh'rnes Bild.

Der Löwe konnt' nicht weichen
Von seines Herzogs Seit',
Von ihm, der aus den Krallen
Des Lindwurms ihn befreit.

Sie zogen miteinander
Durch Syriens öden Sand,
Sie zogen miteinander
Nach Braunschweig in das Land.

Wo auch der Welfe wandelt –
Der Löwe ziehet mit,
Zieht mit ihm wie sein Schatten
Auf jedem Tritt und Schritt.

Doch als des Herzogs Auge
In Todesnöten brach,
Der Löwe still und traurig
Bei seinem Freunde lag.

Vergebens fing den Löwen
Man in den Käfig ein,
Er brach die Eisenstäbe –
Beim Herren mußt' er sein!

Beim Herzog ruht der Löwe,
Hält jeden andern fern,
Doch nach drei Tagen fand man
Tot ihn beim toten Herrn.

Drum mit des Herzogs Namen
Geht stolz jahrhundertlang
Der Löwe wie beim Leben
Noch immer seinen Gang.

 


 

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