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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 11
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die wilden Frauen

Von Friedrich Beck

            Sie kommen hervor aus den felsigen Höh'n,
Vom Berge die Frauen, die wilden;
Da hütet die Ziegen ein Knabe so schön;
»O hüt' uns die Schäflein, die milden!«
Sie flehen und locken mit schmeichelndem Wort,
Sie haschen ihn eilig, sie ziehen ihn fort
Am ringsum bebüschten, am schattigen Ort;
Das Kind ist hinweg und entschwunden,
Noch hat es kein Auge gefunden.

Es forschte der Vater; wie schmerzlich dringt
Zum Mutterherzen die Wunde.
Ein Jahr ist vergangen; kein Hirte bringt,
Kein Jäger den Eltern noch Kunde.
Da gingen sie einstmals im Walde hinan:
»Wer sitzet so säuberlich angetan
Mit dem grünen Röcklein auf schattigem Plan?
Der Knabe – er ist es! O Wonne,
Heut schien uns die glücklichste Sonne!«

Sie rufen ihm freudig, sie rufen ihm laut:
»O eil in die Arme der Deinen!
Wir haben gesund dich und blühend erschaut,
Den längst wir als Toten beweinen.
Wer gab dir Gewande so zierlich und neu?
Wer pflegte wohl deiner so lieb und treu?
Bekenne nur alles, verkünd es uns frei;
Wer immer uns schützte den Knaben,
Wir wollen's ihm danken mit Gaben!«

Sie traten ihm näher, sie priesen ihr Glück.
Das Kind, das betrachtet sie lange,
Es heftet mit Schweigen den staunenden Blick
Auf beide gar furchtsam und bange;
Und als sie ihm reichen zum Gruße die Hand,
Da hat es sich eilend zum Fliehen gewandt,
Hat Vater und Mutter nicht wiedererkannt;
Schon ist es im Dickicht entschwunden,
Kein Aug' hat es wieder gefunden.

Und abermals stiegen von felsigen Höh'n
Die Frauen des Berges, die wilden;
Ein Brüderlein hatte der Knabe so schön,
Er war es, auf den sie nun zielten.
Er saß auf dem Rosse, das zog vor dem Pflug,
Den jubelnden Reiter es willig ertrug,
Da gab es wohl Scherze und Lust genug.
Der Vater, er weilte von ferne;
Wie hatt' er sein Söhnlein so gerne!

Und als er die wilden Frauen ersah,
Da kam er zur Rettung geflogen;
Bald war er dem Kinde, dem sträubenden, nah,
Sie hatten's vom Pferde gezogen!
Doch furchtlos schalt er die Frechen aus:
»Gebt meinen Knaben mir schnell heraus!
Was treibt euch so kühn aus dem Felsenhaus?
Schon habt ihr geraubt mir den einen;
Nicht will ich den zweiten beweinen!«

Da sahen die wilden Frauen sich um,
Ihr Haar flog nieder im Winde,
Sie standen mit Tränen, sie standen stumm,
Sie ließen die Hand von dem Kinde:
»O wehe, wie wehe ist uns doch gescheh'n!
Wir dürfen dich, Kindlein, nicht wiedersehn!«
So hörte man klagend zum Walde sie gehn;
Sie schwanden wie Nebelgedüfte
Auf immer dahin ins Geklüfte.

 


 

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