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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 1081
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Das seltsame Bild

Wer heutigentags, mit Sturmeseile von Dampfrossen gezogen, das Saaletal entlangfährt, berührt auch das Städtchen Schwarzenbach an der Saale. Hier steht ein altes Schloß, dem Fürsten von Schönburg, früher denen von Stein gehörig. In einem Saal des Schlosses hing vorzeiten unter vielen anderen Bildern das Bild einer Frau von so widerwärtiger Gesichtsbildung, daß jedermann, der es sah, kaum seinen Abscheu vor diesem Gesicht verbergen konnte. Das Bild vertrug es aber nicht, wenn man sich tadelnd über so häßliche Züge aussprach, weshalb ältere Personen in diesem Schloß die jüngeren warnten, sie möchten dem Bild gegenüber ihre Zunge im Zaum halten.

Einst bügelten die Dienerinnen einer Baronesse von Kotzau, die das Schloß bewohnte, in dem Saal Wäsche und wurden dabei von einer guten Freundin besucht, die fremd war und von dem seltsamen Bild keine Kunde hatte. Diese betrachtete sich die Bilder im Saal, und als sie zu dem besagten Bild kam, entfuhren ihr die Worte: »Ach, wer ist denn das garstige Gesicht?«

Die beiden anderen Mädchen warnten und baten sie, zu schweigen, denn dieses Bild vertrüge einmal schlechterdings keinen Tadel; jene hingegen lachte laut auf und meinte, das sei wohl gleichgültig, ob sie sich lobend oder mißbilligend ausspräche – und es bliebe doch wahr, sie hätte nie ein häßlicheres Gesicht gesehen. Bei diesen Worten drehte sich das Bild mit Blitzesschnelle an der Wand um und ohrfeigte die Fremde, die das Bild getadelt hatte, so heftig, daß ihr Gesicht lange Zeit glühend war. Das Bild aber hing verkehrt an der Wand, bis eine der Bewohnerinnen es wieder umkehrte.

Seitdem hütete sich jedermann, dem Bild mit einer verletzenden Äußerung nahe zu treten.

 


 

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