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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 1057
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Sage vom Eckenbüttner

Von A. Haupt.

                    Auf der Straße nach Bamberg heult der Wind,
Da fliegen die greulichen Flocken geschwind;
Da wandert ein Weiblein dürftig und arm
Und hält den zitternden Knaben im Arm.

»O Mütterlein! 's ist doch nimmer weit!«
So ruft das Kind, von Flocken beschneit,
Und ob es am Busen der Mutter auch ruht,
Sind Füßchen und Händchen so rot wie Blut;

Das hat ihm die grimmige Kälte getan,
Und die Mutter läßt es im kindlichen Wahn.
Doch so weit sie das forschende Auge schickt,
Wird nirgends von ihr eine Hütte erblickt.

Der Knabe wimmert, die Mutter weint,
Und ob auch das Abendrot golden scheint –
Die Träne der Mutter, so brennend heiß,
Gefriert an der zuckenden Wimper zu Eis.

Da gewahrt sie in dämmernder Ferne das Tor,
Zum Danke wohl schickt sie den Blick empor,
Durchs Auge zuckt liebendes Muttergefühl:
»Bald, Armer, bald sind wir am nahenden Ziel.«

Nun schlummert das Knäblein sonder Harm
An der Mutterbrust so liebend und warm,
Ob die Sohle auch brennt wie Feuerglut –
Ein Blick auf den Knaben macht alles gut.

Das Abendrot bleichet, die Sternlein glühn,
Aus der Ferne leuchtet der Esse Sprühn,
Und Lichtlein tanzen ohne Zahl
So trüb durch den feuchten Nebel im Tal.

Wohl sitzen sie drinnen am traulichen Herd,
Genießen, was ihnen der Herr beschert;
Und draußen noch irrst du allein im Wind –
O Mutter, o Mutter, tritt auf geschwind!

Jetzt hat sie das alternde Tor erreicht,
Vom Frost durchschauert, vom Schnee so feucht;
Es tauet ihr Haar vom heißen Hauch,
Und die Tropfen fallen dem Kind aufs Aug'.

Da erwacht das Knäblein und lächelt so süß,
's ist in Sturm und Wetter ihr Paradies.
O Mutterliebe, wie bist du so groß,
Entstammest der ewigen Liebe Schoß!

Der Knabe hungert – sie drückt ihn ans Herz;
Wohl fühlet sie selber des Hungers Schmerz;
»Sei ruhig, mein Söhnchen, so Gott es will,
So sind wir sogleich an der Reise Ziel.«

Viel Lichtlein flimmern, die Straß' ist tot,
Sieht keiner der Bürger der Armen Not?
Wo bleibst du, barmherziger Samaritan,
Der wankenden Mutter hilfreich zu nahn?

Es wankt durch die dunklen Straßen ihr Schritt,
Es knarret der Schnee bei jeglichem Tritt,
Es ächzet der kalte Wind im Schlot;
O Wind, du fühlst nicht der Mutter Not!

So erreicht sie, an allen Gliedern matt,
Den Markt, die Mitte der schlummernden Stadt;
St. Martin schauet mit Wehmut und bleich
Herab auf Mutter und Kind zugleich.

Beim Eckenbüttner, da klopft sie ans Tor,
Es klaffen die Rüden und springen hervor,
Umschnobern die Ritzen und kehren um,
Drauf wird's im Haus wieder tot und stumm.

Sie pocht zum andern Male und lauscht,
Durch den Markt, den öden, der Nachtwind rauscht;
Sie steht und zittert vor grimmigem Frost –
Jetzt, Mütterlein, sei Gott dein Trost!

Da hallen gewichtige Tritte im Flur,
Ein Schlüssel hascht nach des Schlosses Spur,
Der Riegel knarrt, der Schein vom Licht
Fällt forschend auf der Mutter Gesicht.

»Erbarmt Euch, Herr, des Knaben hier,
Er vergeht vor Frost und Hunger schier;
Ein wenig Stroh, ein Stückchen Brot
Entreißet Mutter und Kind dem Tod.« –

»Was, Bettelvolk, hast mich in später Nacht
Um süße Ruh' und Schlummer gebracht;
Hinweg, Gesindel, diebisch und schlecht,
Sonst schaffe dich weiter von hier mein Knecht.«

Es knarrt das Schloß, der Riegel fällt,
Stehst, Mütterlein, wieder allein in der Welt,
Stehst zitternd und frierend im mächtigen Wind;
O Vater der Witwen, erbarm dich geschwind!

Da weilt auf St. Martin ihr trüber Blick,
Gleich irrt er zum wimmernden Knaben zurück:
»Verschließen sich Menschentüren zu Hauf,
Nimm du uns, o heilige Stätte, auf!«

Da wandeln die beiden den Tempel entlang,
Die Nacht ist schaurig, der Mutter wird bang.
Geh, Mutter, voll Liebe nur immerzu,
Im stillen Beinhaus findest du Ruh'.

Es krachen die Knochen so hart wie Stein,
Es rollet der Schädel, es klappert das Bein.
Aus Knochen und Schädel, so hart und schlecht,
Macht Mütterlein sich ihr Bette zurecht.

Da liegen nun Leben und Tod versöhnt;
Der Knabe schlummert, die Mutter stöhnt;
Bald regt sich's noch schwach auf dem schaurigen Pfühl,
Dann schweigt's. Im Beinhaus wird's totenstill.

Da schwebte auf Wolken mit goldenem Schein
St. Otto ins Dunkel des Grabes herein
Und bog mit Milde und feierlich
Zum kleinen, unschuldigen Schläfer sich.

»Steh auf«, so sprach er mild und weich,
»Und geh zum Eckenbüttner gleich.
Sei guten Muts, mein Sohn, und sprich:
St. Otto, der Kinderfreund, schicke dich.«

Das Knäblein erwacht aus dem süßen Traum,
Es hascht nach der Mutter im dunklen Raum.
Es streichelt ihr kosend das feuchte Gesicht:
»O Mütterlein, Mütterlein, hörst du denn nicht?

Sahst auch St. Ottos schöne Gestalt?
O Mutter, rede! Wie bist du so kalt!«
Er rüttelt; wohl klappert's am dunklen Ort,
»O Mütterlein, sprich nur ein einzig Wort!«

Da entfleucht das Kind, von Furcht gejagt,
Es tritt auf den Kirchhof. Der Morgen tagt.
Es klopft beim Eckenbüttner ans Tor:
»O harter Mann, komm und tritt hervor.« –

»Sprich, Knabe, was ist so früh dein Begehr?« –
»St. Otto, der Heilige, schickt mich her.
Wir schliefen im Beinhaus die vorige Nacht,
Da Ihr uns das winzige Lager versagt.«

Da durchfährt es wie Blitz den harten Mann:
»O gnädiger Himmel, was hab ich getan!
Bleib hier, mein Kind, in süßer Ruh',
Ich führ' dir, o Armer, die Mutter zu.«

Zum Beinhaus wankt er mit zitterndem Schritt;
Und wie er die Höhle der Toten betritt –
Da schaut er bei dämmerndem Morgenrot
Verzweifelt die Mutter – die Mutter war – tot.

Der Eckenbüttner hat drauf sich gewandt
Und nimmt das weinende Kind an der Hand:
»Sei ruhig, mein Sohn, bist nicht allein,
Ich will dir Mutter und Vater sein.«

Und wie er's versprach, so hielt er es auch
Und wahrt' den Sohn wie sein rechtes Aug';
Und hat er dem Knaben je wehe getan,
Gleich schaut ihn die Mutter im Beinhaus an.

Und weicher und weicher wird's ihm ums Herz,
Wohl fühlt' er jetzt innig der Witwen Schmerz,
Fühlt' doppelt, es stehe das Alter allein,
Drum wollt er ein Retter der Alten sein

Und gab mit frommem und reuigem Sinn
Wohl Haufen von Gold zur Sühne hin
Für sieche Weiber. Das wird, wie bekannt,
Die Eckenbüttnersche Stiftung genannt.

 


 

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