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Gutenberg > Alexander Schöppner >

Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 1031
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Hexe von Staffelstein

Von A. Kaufmann.

              »Ich grüß' euch, ihr Tannen, ich grüße dich, Forst,
Wo zuerst ich die Liebste gesehen!
Ich grüße dich, steigender Adlerhorst,
Wo die Liebste den Schleier ließ wehen!

Ich grüße dich, blumiger Wiesengrund,
Darin mein Liebchen gegangen!
Ich grüße dich, Rose, daran ihr Mund
Mit zärtlichem Kusse gehangen!«

Der Bursche sang's in den Forst hinein,
Er konnt' es ja nimmer fassen,
Daß ihn die falsche Liebste sein
Um einen andern verlassen.

Der Bursche zog in die Welt hinaus
Und ward ein Holkscher Jäger,
Wie Sturm und Wetter ein Sausebraus,
Der vortrefflichste Schütz' und Schläger!

Doch als er wieder nach Haus gedacht,
Wie dünn sind die Haare, die grauen!
Er zog in lauer Sommernacht
Durch Frankens waldige Gauen;

Und als er kam in der Tannen Grün,
Unter süßem Dufte zu reiten,
Die Seele hub an so frisch zu blühn,
Er sang wie in schöneren Zeiten:

»Ich grüß' euch, ihr Tannen, ich grüße dich, Forst,
Wo zuerst ich die Liebste gesehen!
Ich grüße dich, steigender Adlerhorst,
Wo die Liebste den Schleier ließ wehen!

Ich grüße dich, blumiger Wiesengrund,
Darin mein Liebchen gegangen!
Ich grüße dich, Rose, daran ihr Mund
Mit zärtlichem Kusse gehangen!«

Doch plötzlich starrt sein mutig Roß,
So finster hat sich's umzogen,
Da sieht er auf altem, verfallenem Schloß
Ein seltsam Treiben und Wogen:

Da brauen Nebel, nur nebelgleich
Viel graue Gestalten weben:
»Hilf Gott! Das ist des Satans Reich!«
Und Flammen zucken und schweben.

Doch unter der Weiber gespenstiger Schar
Hält eine gewaltige, hohe;
Ihr reicht man den brodelnden Kessel dar,
Sie spricht in die sprudelnde Lohe:

»Das sind die Nebel, die heute nacht
Aufspringende Blumen verderben!
Das kleinste Pflänzlein, das heut' erwacht,
Soll vor dem Pesthauch sterben!

Das ist der Hagel, des wilder Schlag
Fährt in des Kornlands Wellen!
Dies tötet die Schaf' in dem grünen Hag,
Dies Kuh und Kalb in den Ställen!

Das aber, paßt auf, ist der beste Trank –
Gebt's jungem Volke zu trinken!
Der mutigste Bursche wird schwach und krank,
Wie liebliche Augen ihm winken;

Das feurigste Mägdlein siecht dahin,
Und läg's in des Liebsten Arme;
Nun fragt noch, ob ich mit mildem Sinn
Mich des jungen Volks erbarme?!«

Da hebt der Mond sich hell und grell,
Der dem Weib in die Augen brannte,
Drin schaudernd der alte Mordgesell
Sein einstiges Liebchen erkannte.

 


 

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