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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 1007
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Legende von der heiligen Hostie zu Röttingen

In der Stadtpfarrkirche zu Röttingen hängt ein großes, noch ziemlich wohl erhaltenes Ölbild, das in sechs kleineren Bildern eine uralte Sage veranschaulicht. Das erste Bild stellt dar, wie der Kirchner die heilige Hostie stiehlt; das zweite, wie der Kirchner diese den Juden verkauft; das dritte, wie die Juden die heilige Hostie durchstechen, diese blutet und das Dach des Judenhauses in Flammen steht. Auflauf des Volkes. Das vierte: Die Juden wissen in der Angst nicht, wohin mit der Hostie, und werfen sie in die Tauber. Das fünfte: Die Nonnen zu Schäftersheim sehen im Traumgesicht die daherschwimmende heilige Hostie und fangen sie auf. Das sechste: Der Kirchner und die zwei Juden werden auf der alten Burg verbrannt.

Unter den Bildern steht geschrieben: »Geschichte der siegenden Wahrheit, der gestraften Bosheit. Dieses geschah hier in Röttingen im Jahre 1288.«

Hier folgt nun zunächst die Sage treu nach dem Bericht einer handschriftlichen Erzählung. Diese stimmt mit den Angaben des Bildes nicht ganz überein, weshalb die mündliche Sage zur Vervollständigung folgen soll.

»Im Jahre 1299 haben die meineidige Juden den heiligen Leichnam Christi in der heiligen Osternacht von dem Kirchenhüter in einer Stadt in Franken Röttingen genannt gekaufet und davon durch verschiedene städt und flecken andern Juden mitgetheilt.

Als einige gottesfürchtige Frauen, welche wie in Franken gebräuchlich bei dem Grab des Gekreuzigten wachten zur Mettenstund aus der Kirchen gingen, um den Priester erwähnter Kirchen zu erwecken, damit er den gekreuzigten nach Gewohnheit vor der Metten vom Grab erheben mögte, erblickten sie ober dem Tach des Juden, welcher das Sacrament gekaufft hatte, zwei Lichter schimmern, und als sie voll des Erstaunens still stunden, und sich deshalb untereinander befragten, kam der Priester dazu, er fragte, was sie miteinander berathschlagten, und erblickte mit ihnen die Lichter, und nachdem er erfahren, daß der Jud mit dem Hüter in der Kirche nahe beim altare gewesen, rufte er behutsam den Stadtrichter nebst einigen aus den Bürgern, welche sogleich in das Judenhaus eindrangen, ihn sammt dem Kirchenhüter ergriffen, die auch gleich durch angewandte Zwangsmittel die verübte That gestanden haben.

Nun aber ware der nemliche Leib Christi, wie erwähnt durch verschiedene Wohnungen der Juden zerstreut, welche oft erwähnten Leib Christi mit Nadeln und Alen gestochen, in Mörselein zerstoßen, endlich als sie durch jenes stechen und stoßen das Blut herausfließen gesehen, haben sie ihn an verschiedenen Orten der Erden vergraben. Allein Gott hat das Sakrament des Heyls durch viele scheinbare Wundern einem rechtgläubigen Volk bekannt gemacht. Dahero haben sich die Christen wider die Juden empöret und solche in verschiedenen städten und örtern hauffenweis umgebracht.

Es hat sich ereignet, daß viele Juden einem Schloß zugeeilt, um sich alldorten zu retten, und als die Christen sich mit gewaffneter Hand versammelten, um solches zu bestürmen, auch selbiges schon umringt hatten, rufte ein Judenmägdlein mit umgestümmen schreyen vom schloß herab, bittend die Christen mögten es herausnehmen und tauffen. Und als die Juden unter harten Verweisen selbiges zurückgezogen, ist es aus ihren Händen entwichen, und hat sich von der Höhe des Schlosses herabgestürzt, aber sehet, es ist auf eine wunderbare Weis, als würde es von denen Händen der Englen getragen, herabgestiegen, und hat sogleich zum Glauben Christi und Tauf seine Zuflucht genommen.«

Die mündliche Sage berichtet teilweise abweichend: Juden in Röttingen beredeten den Kirchner der Stadtkirche, ihnen gegen gutes Geld eine heilige Hostie zu geben; diese durchstachen die Juden, worauf sie zu ihrem größten Schrecken Blut daraus fließen sahen. In ihrer Angst wußten sie nicht, was sie damit anfangen sollten, liefen zur Tauber und warfen sie in den Fluß. Langsam schwamm die Hostie hinab; da hatten Nonnen im Frauenkloster Schäftersheim, eine Stunde von Röttingen, ein Traumgesicht, es käme eine von Juden durchstochene Hostie die Tauber herab, die sollten sie aufnehmen und der Verehrung weihen. Da erhoben sich die Nonnen, gingen zum Fluß und sahen hier wirklich die heilige Hostie im Wasser schwimmen, hell strahlend und von zwei brennenden Lichtern geleitet. Sie knieten nieder und beteten inbrünstig, worauf sich die heilige Hostie näherte und sie diese mit einem weißen Tuch auffingen und in ihr Kloster trugen.

Tags darauf wurde hiervon Anzeige beim Pfarrer in Röttingen gemacht, der sogleich die Gemeinde zusammenrufen ließ und den Vorfall mitteilte, worauf beschlossen wurde, die heilige Hostie in feierlicher Prozession von Schäftersheim abzuholen. Der Kirchner aber und die Juden wurden sogleich festgenommen, und es entstand ein großer Haß gegen diese, der indessen noch nicht zum Ausbruch kam.

Als aber gegen Abend die heilige Hostie in Prozession zur Stadt getragen wurde, da sah man plötzlich das Dach des Judenhauses in Flammen stehen; jetzt ob des sichtbaren Zeichens der Rache Gottes konnte sich das Volk nicht mehr enthalten, stürmte das Haus, zerstörte es von Grund aus und vertrieb die Juden noch am selben Abend aus Röttingen. Die beiden Juden aber und der Küster sollen verbrannt worden sein.

Die heilige Hostie hat der damalige Pfarrer – man weiß nicht, warum – nach Rom geschickt; was dann weiter damit geschehen ist, ist unbekanntGeschichtlich wird bestätigt, daß in Röttingen früher Juden wohnten und eine eigene Gasse hatten; desgleichen, daß diese gewaltsam vertrieben wurden, so daß heute noch kein Jude in Röttingen wohnt und da übernachten darf. Noch vor Jahrzehnten durfte kein Jude ohne Gefahr arger Beleidigung sich am Sonntag im Weichbild der Stadt blicken lassen..

 


 

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