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Bayrische Sagen

Alexander Schöppner: Bayrische Sagen - Kapitel 1005
Quellenangabe
typelegend
titleBayrische Sagen
authorAlexander Schöppner
year1979
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
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Die Schönsteinsage

Etwa ein halbes Stündlein von Röttingen an der Tauber gegen Stalldorf zu liegt ein Waldbezirk ausgebreitet, der den Namen Schönstheim oder auch Schönstein führt. Dieser Wald bildete vorzeiten die Markung eines hier gestandenen Dorfes, und noch heutzutage findet man im Gestrüpp Spuren von Mauerwerk, namentlich von Gewölben eines ehemaligen Schlosses. Wie das Dorf zugrunde gegangen ist und die Gemeinde sich aufgelöst hat, ist nicht ermittelt. Ein großer Teil der Bewohner ist nach Röttingen gezogen, wo bis auf diesen Tag die Gemeinde Schönstein in den Gemeindebüchern als eigene Gemeinde aufgeführt wird, wie denn auch die Besitzer besagten Waldbezirkes als Glieder dieser Gemeinde besonders berechtigt sind. Von jenem Schloß Schönstein nun geht die folgende Sage im Munde des Volkes.

Es sind wohl über vierhundert Jahre, da war einmal ein schöner, junger Schäfer, der weidete oft seine Herde in der Nähe des schon damals verfallenen Schlosses. Eines Abends hörte er einen traurigen Gesang wie von einer zarten Frauenstimme aus dem Inneren der Burg erschallen; aber vergebens spähte er nach allen Seiten hin, die Sängerin dieser schönen Lieder zu entdecken. Dies wiederholte sich mehrere Abende nacheinander, bis einmal der Hirt aus seinem Versteck das holde Fräulein, von dem der Gesang herkam, auf dem Gemäuer des Schlosses wandeln sah. Anstatt aber beherzt daraufloszugehen, ergriff der gute Schäfer, von heimlicher Furcht überfallen, die Flucht, eilte geradewegs nach Hause und verkündete dem Pfarrer seines Ortes, was er soeben gehört und gesehen habe. Dieser sprach ihm indessen Mut zu und gab ihm den Rat, sollte er noch einmal die Erscheinung sehen, sogleich daraufloszugehen und sie im Namen Gottes anzurufen, was ihr Begehr sei und wie ihr zu helfen wäre.

So tat der Jüngling; er betete inbrünstig zu Gott und allen seinen Heiligen um Beistand, das gute Werk zu vollbringen, und zog dann guten Mutes wie alle Tage mit seiner Herde in die Nähe des Schlosses. Es währte auch nicht lange, da ließ sich der traurige Sang von neuem hören, und bald zeigte sich auch die holde Frauengestalt, in weißes Gewand und weißen Schleier gehüllt. Da faßte sich der Jüngling ein Herz, schritt keck auf sie zu und fragte sie im Namen Gottes, was ihr Begehr sei und wie er ihr helfen könnte.

Das Fräulein antwortete, es sei hierher verbannt und müsse einen großen Schatz so lange hüten, bis ein unschuldiger Jüngling käme und es erlöste. Zu diesem Werk habe es ihn auserkoren, nur solle er den Mut nicht verlieren und sich gefaßt machen, einen harten Kampf zu bestehen. Am Walpurgistag solle er wiederkommen, jedoch seine Herde daheim lassen; dann solle er, ohne umzusehen, keck nach der Burg eilen, sich durch keine Trugbilder und Erscheinungen abschrecken lassen und vom Hals des Fräuleins einen Schlüssel nehmen, wodurch es erlöst und für ihn der Schatz gehoben werde.

Der Jüngling versprach diesen Worten genaue Folge zu leisten. Darauf verschwand das Fräulein, der gute Schäfer aber machte sich nachdenklich auf den Rückweg und erzählte abermals seinem Pfarrherrn, was vorgegangen war. Dieser ermunterte ihn aufs neue, Mut zu fassen, da er ein gutes Werk vollbringen und noch dazu für sich und seine armen Eltern einen reichlichen Lohn davontragen werde.

Als nun der festgesetzte Tag herangekommen war, machte sich der Schäfer, nachdem er sich noch durch Beichte und Abendmahl vorbereitet hatte, beherzt auf den Weg, dem Schönsteiner Schloß zu. Kaum näherte er sich aber dem Wald, da stieg plötzlich vor ihm ein mächtiger Geier auf und umkreiste sein Haupt unter wildem Gekreisch und Flügelschlag. Das kümmerte aber den Schäfer wenig; still und vertrauend ging er seines Weges weiter. Gleich darauf sprang ein greulicher Wolf die Zähne fletschend vor ihn auf den Weg, während sich eine grüne Schlange auf dem Boden hinwand und in den Lüften das Wilde Heer mit einem Höllenlärm vorüberbrauste. Dazu rollte der Donner schrecklich und zuckten die Blitze neben und über ihm, und wildes Gewürm umkroch seine Füße, so daß er keinen Schritt weiter tun zu können glaubte. Doch all das hatte seinen Mut nicht erschüttert; mutig schritt er vorwärts auf die Jungfrau zu, die er auf dem Gemäuer stehen sah.

Aber welch ein Anblick! Um ihren Hals waren zwei greuliche Schlangen gewunden, die sich zischend hin und her bewegten und den goldenen Schlüssel in ihren Ringen festhielten. Aus diesem Knäuel giftigen Gewürms sollte der Jüngling den Schlüssel nehmen; dazu gehörte wohl mehr als menschliche Herzhaftigkeit. Schon war er willens, wieder umzukehren, als ihn ein Blick auf die arme, still duldende Jungfrau noch einmal mit frischem Mut entzündete!

Also wagte er's, die letzten Schritte zu tun, und schon streckte er seine Hand aus, den Schlüssel vom Hals zu nehmen – da fährt die eine Schlange zischend und feuersprühend auf ihn los, der Jüngling taumelt zurück – und in demselben Augenblick sind Schlangen und Schlüssel verschwunden, und die Jungfrau steht allein und wehklagend vor dem betäubten Jüngling. Darauf nahm sie eine Eichel vom Boden, stampfte sie mit dem Fuß in die Erde und sprach: »Ich pflanze diese Eiche, aus dieser wird ein gewaltiger Baum, dieser Baum wird gefällt, und aus seinen Brettern wird eine Wiege, und in dieser Wiege liegt ein Knäblein, und dieses Knäblein reift zum Jüngling, und dieser Jüngling erst kann mich erlösen.«

Nach diesen Worten verschwand die Jungfrau, der arme Schäfer aber stand wie vernichtet im Wald und dachte an die unglückliche Jungfrau und an sein verschwundenes Glück. Oft hat er später die Herde am Schönstein geweidet, aber die Jungfrau hat er sein Lebtag nicht wiedergesehen.

 


 

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