Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Else Ury >

Baumeisters Rangen

Else Ury: Baumeisters Rangen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBaumeisters Rangen
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun86. bis 88. Tausend
yearo.J.
firstpub1910
illustratorRobert Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131105
projectidaefdb506
wgs
Schließen

Navigation:

6. Kapitel. Bei Großmama.

»Jören – was seid ihr groß geworden, ich denke, zwei Kinder kommen mit dem Zuge an, und da steigt plötzlich ein junger Herr und ein junges Fräulein heraus!« Großmama, die trotz ihrer weißen Haare noch so frisch und lustig war, zog bald den einen, bald die andere ans Herz.

»Hat er denn schon einen Schnurrbart, der Musjöh?« jetzt kriegte Großvater den errötenden Norbert beim Wickel. »Und unser Prinzeßchen? Herrje, das Rattenschwänzchen ist um ganze zwei Millimeter gewachsen – na, immer noch solch Vagabund, Mädel – hier heißt's aber kuschen!« lachend verlud Großpapa sämtliches Gepäck, zu dem er auch Norbert und Liselotte rechnete, in eine bereitstehende Droschke.

Liselotte saß wie betäubt neben Großmama und hielt sich an deren Hand fest. Das sonst nie still stehende Mäulchen war heute nur von Staunen geöffnet. Das Prusten und Fauchen der Lokomotiven, das Hasten und Drängen der vielen Menschen, das Gewirr von ratternden Lastwagen, bimmelnden Elektrischen, Droschken und tutenden Autos in den Straßen, machte das sonst nur allzu lebhafte Kleinstadtkind ganz benommen. Norbert dagegen lehnte überlegen in seinem Sitz, sog in tiefen Zügen die rußdurchtränkte Bahnhofsluft ein und sagte schnuppernd: »Heimatsluft!«

Da lachten die Großeltern und zeigten dem Herrn Berliner im Vorüberfahren das Museum, das einst sein Vater gebaut hatte.

»Was ist bloß mit unserem Prinzeßchen los, ist die kleine Wilde etwa zahm geworden – Lilo, deine Artigkeit ist geradezu beängstigend,« scherzte Großvater.

Großmama aber meinte lächelnd: »Sie wird schon auftauen!«

Und sie taute auf – mehr als den guten Großeltern manchmal lieb war.

Gleich als man das Vestibül des stattlichen Mietshauses, das die Großeltern erst seit kurzer Zeit bewohnten, betrat, und sie in den selbsttätigen Fahrstuhl aus Eisendraht einstieg, der außerhalb des Hauses nach der Hofseite hin emporging.

»Herrje, das ist ja hier gerade wie eine Jahrmarktsrutschbahn – juchhu« – so rief sie selig zum Gaudium sämtlicher Küchenfeen, die an den Fenstern erschienen, indes der Fahrstuhl mit ihnen emporstieg. »Großvatchen, wir wollen gleich wieder runterfahren, bitte, bitte, ich will hier in Berlin nichts weiter tun als Fahrstuhl fahren,« bettelte sie begeistert, während Norbert sich eingehend in den Mechanismus vertiefte.

»Erst wollen wir mal Mittagbrot essen, und für später findet sich hier in Berlin vielleicht noch eine ersprießlichere Tätigkeit,« Großvater nahm sie beim Grips wie seinen kleinen Foxterrier.

Großmama, die sehr ängstlich war, aber meinte: »Allein ist euch das Fahrstuhlfahren streng verboten, da ist mir die Verantwortlichkeit zu groß. Ihr habt junge Beine und könnt die zwei Treppen schon noch herauf- und herunterspringen.«

Liselotte schnitt ein Gesicht. Verboten – hier auch etwas verboten, ganz wie zu Hause – o weh – das war der erste Wermutstropfen in dem Berliner Freudenbecher.

Flock, der niedliche weiße Terrier, mit dem schwarzen Fleck am rechten Ohrläppchen, stand wohlerzogen mit dem Stumpfschwanz wedelnd zum Empfang droben an der Eingangstür.

»Unser Jüngstes,« stellte Großpapa ihn vor und setzte den kleinen Köter ohne weiteres auf Liselottes Arm. Die herzte und streichelte ihn und zwickte ihn vor lauter Liebe in sein schwarzes Ohrläppchen.

»Prachtmädel,« knurrte der Großvater in seinen eisgrauen Schnauzbart. Die war aus anderem Schrot und Korn wie die Kinder seiner jüngeren Tochter! Wenn die kleinen Dresdener Stadtdämchen mal zu Besuch kamen, dann gab das jedesmal ein Angstgebrüll, als ob der harmlose Flock ein junger Tiger wäre.

Auch die Begrüßung mit der alten Emilie, die schon so lange im Hause war, daß sie die Mutter der Kinder noch auf den Armen gewiegt, vollzog sich aufs herzlichste.

War das gemütlich bei Großmama! Alles so alt, und dabei doch so freundlich und blitzblank, wie die Großmama selber. Die blühenden Primeln am Fenster in den weißen Porzellantöpfchen, Großvaters Goldfische, das lustig in seinem Bauer schmetternde Hänschen, die alte geschweifte Glasservante mit den merkwürdigen Nippsachen und Goldtäßchen, die man nicht anfassen durfte, und dann der Spion. Norbert und Liselotte waren einfach futsch von demselben. Die ganze Straße konnte man in dem Spion, dem kleinen runden Spiegelglas, das schräg am Fenster angebracht war, überblicken. All die durcheinander krabbelnden Menschen und Wagen.

Liselotte begann den langen Bruder, der sich vor dem Spion aufgepflanzt hatte und nicht fortzukriegen war, bereits ganz heimatlich in den Rücken zu knuffen, denn für dankbare Gefühle war kaum vierundzwanzig Stunden in ihrer rauflustigen Seele Platz. Und wahrscheinlich wäre es mitten in dem traulichen Frieden des großelterlichen Heims sofort zu einer kleinen Keilerei gekommen, wenn nicht Emilie mit dem Mittagessen erschienen wäre.

»Jott, Lilochen,« sagte die alte, treue Seele, »ick hab' dich ja noch ein Kinderlätzchen hinjelecht, dafier haste dir denn doch schon 'n bisken zu ville ausjewachsen, ick muß dich man 'ne richtig jehende Salvjette jeben.«

Liselotte strahlte. Diesmal wurde sie doch wenigstens nicht mehr wie ein Baby in Berlin behandelt. Daß sie dadurch auch die Verpflichtung hatte, sich wie ein großes Mädel zu benehmen, das kam für sie erst in zweiter Linie.

»Seid ihr denn auch gern hergekommen?« erkundigte sich Großpapa.

»Na und ob!« erscholl es aus dem Munde beider kauenden Enkelkinder.

»Was hat's denn für Zensuren gegeben, gute, hm?« Die Frage kam ungelegen. Während Norbert stolz bejahte, hinkte Liselottes »Ja« ziemlich kleinlaut hinterher. Sie neigte sich, um die verräterische Röte zu verbergen, zu Flock herab, der jeden Bissen verfolgte, den sein Herr in den Mund schob und sehnlichst auf milde Gaben wartete. Eins – zwei – drei – hatte Liselotte ihm das verschmähte Kinderlätzchen vorgebunden.

»Teufelsmädel« – lachte der Großvater, und die eingehendere Behandlung der Zensurenfrage ging dadurch gefahrlos vorüber.

»Ach, wie schön, wieder eine kleine Haustochter zu haben,« meinte Großmama mit glücklichem Lächeln, nachdem sie sich genugsam an der Eßlust ihrer jungen Gäste erbaut hatte. »Nun kannst du den Tisch abfegen, Kind, das tust du doch zu Hause wohl auch?«

Schon wieder jagte eine Blutwelle über Liselottes frisches Gesichtchen. Aber bloß, weil der Norbert so dämlich und höhnisch grinste.

»Och ne–ee,« sagte sie ziemlich langgedehnt, »dafür ist ja unser Hausmädchen da!« Sie war doch nicht Suse Bertram.

»Sieh an, das wundert mich, Lilo, als deine Mutter so groß war wie du, da hat sie sich das nicht nehmen lassen. Unsere Emilie, die hat alte Beine, von der darf man nicht allzu viel mehr verlangen,« Großmama stand auf und schritt zu der Ecke, in der das Tischbesenzeug seinen Platz hatte.

Was – Großmama wollte selbst – nein, das konnte sie unmöglich zugeben – Liselotte sprang so ungestüm vom Stuhl auf, daß derselbe umkippte. Knacks – ein Stuhlbein war ab. Erschreckt blickte Liselotte auf die Trümmer.

»Er war schon etwas wackelig, unser altes Mobiliar ist nicht mehr für solchen jungen Springinsfeld berechnet,« begütigte Großpapa, während Großmama sich die Brille aufsetzte, um den Schaden näher zu besehen.

Kleinlaut fegte Liselotte inzwischen das Tischtuch ab. Norbert, der Neckpeter, aber hatte sich in Positur gesetzt. Die Schultern hochgezogen, so saß er da, machte ernste Augen und nickte unaufhörlich vorwurfsvoll mit dem Kopf wie ein Teechinese. Das konnte Liselotte rasend machen.

»Oller Droschkengaul!« stieß sie hervor, als sie mit ihrer Krümelschaufel dicht neben ihm angelangt war, und ehe er sich dessen versah, hatte sie ihm temperamentvoll eins mit dem Tischbesen auf die Nase gegeben.

Norbert, der zur Vollblütigkeit neigte, begann sofort zu bluten. Großmama hatte das Intermezzo nicht beobachtet, sie stürzte besorgt herbei, brachte Wasser, Watte und Essig und wollte in ihrer übergroßen Ängstlichkeit sofort zum Arzt schicken.

Aber Großvater lachte sie aus.

»Hier steht der Missetäter, so ein kleiner Rowdy – du wirst uns noch das ganze Haus auf den Kopf stellen, Mädel. Na, nachmittags, während wir ein Stündchen schlafen, wird sie wie Flock festgebunden.«

Ja, Großvater sollte Recht behalten – das Haus, in dem es sonst so still, friedlich und gleichmäßig herging, stellten Baumeisters Rangen den Großeltern so ziemlich auf den Kopf.

Selbst des Nachts gaben sie keine Ruhe.

Großvater, der nicht gut schlief, war gerade endlich eingeschlafen, da fuhr er von einem lauten Knall wieder empor.

Bums – Norbert, der auf der Chaiselongue schlief, war aus dem Bett geplumst!

Liselotte aber erzählte Mordsgeschichten im Traum. Von Kränzchenblumen, Rutschbahn und Fahrstuhl, von Suse Bertram, dem Spion und Flock. Wohl ein halbes Dutzend mal mußte Großmama, der es keine Ruhe ließ, aufstehen und nachschauen, ob dem Kinde auch nichts sei. Am andern Tage lachte sie wie ein Kobold darüber, was sie alles für Reden im Schlafe gehalten. Auch Norbert hatte keine blasse Ahnung mehr von seinem nächtlichen Ausflug.

Am ersten Morgen entwickelte das Enkeltöchterchen einen lobenswerten Eifer, Großmama in ihren Funktionen als Hausfrau behilflich zu sein. Es war merkwürdig, Großmama sagte alles so lieb und gütig, und doch traf ein leiser Tadel von ihr viel tiefer, als daheim eine ganze Strafpredigt von Mutter. Liselotte schämte sich, daß ihre Mutter, als sie so alt war wie sie, schon fleißig ihre kleinen häuslichen Obliegenheiten erfüllt hatte, während sie eigentlich für nichts zu gebrauchen war.

Erst Staub wischen. Das war ganz amüsant, denn Großmama wußte fast bei jedem Stück etwas aus früheren Tagen zu erzählen. Dies hatte nur das schlechte, daß Liselotte mehr auf die Geschichte als auf die Dingelchen in ihrer Hand achtete. Und als das erste Goldtäßchen daran glauben mußte, weil Liselotte den dünnen Henkel gar zu herzlich gedrückt, meinte Großmama schnell: »Laß nur, Kind, ich mach's schon selbst!« Da schlich sich Liselotte zu Flock.

Aber als Großmama darauf die Goldfischchen fütterte, dem Piepmatz frisches Wasser gab, und die Primeltöpfchen begoß, stellte sich Liselotte wieder ein.

»Weißt du, Großmuttchen, das könntest du eigentlich jeden Tag mir überlassen, dann habe ich doch meine richtige regelmäßige Beschäftigung bei dir. Bloß immer nichts tun ist mopsig!«

»Schön, Kind,« auch Großmama war dafür, einem kleinen Mädchen so früh als möglich einen bestimmten Pflichtenkreis aufzuerlegen, »aber ich bitte dich herzlich, vergiß mir meine Lieblinge nicht!«

Wie würde Liselotte denn bloß so etwas tun!

Einen Tag dachte sie auch noch höchst eifrig an die übernommenen Pflichten, auch am zweiten Tage fütterte sie noch die Goldfische, denn das machte ihr Spaß, wenn die Fischlein so gierig die rotblinkenden Köpfchen aus dem Wasser hoben und schnappten. Aber als Norbert sie jetzt ans Küchenfenster rief, weil ein Leierkastenmann im Hof so schön spielte, und die Portierkinder danach tanzten, da konnte Hänschen sehen, wo er heute frisches Trinkwasser herbekam, und Großmamas Primeln ließen traurig die bunten Köpfchen hängen.

Am nächsten Tage aber dachte Liselotte auch nicht einmal mehr an die Goldfische. Denn heute wollten die Großeltern mit ihnen in den Zoologischen Garten gehen. Das nahm all ihre Gedanken in Anspruch.

»Norbert, wir fahren Untergrundbahn – himmlisch – Großmuttel, darf ich meinen guten Hut aufsetzen – gibt's im Zoologischen Garten auch Fliegen, Großpapa?« nicht einen Augenblick stand das kleine Mundwerk still.

»Lilo, hast du den Blumen und dem Vogel Wasser gegeben?« fragte Großmama noch, als man endlich in den Fahrstuhl stieg.

Liselotte bekam einen Heidenschreck. Aber sollte sie jetzt eingestehen, daß sie die übernommenen Pflichten vernachlässigt – dann mußt sie am Ende noch zu Hause bleiben, wo sie sich doch schon den ganzen Morgen über auf den Zoologischen Garten gefreut hatte. Oder Großmama blieb am Ende selbst zurück, das war ebenso peinlich – sie konnte das Versäumte ja auch gleich nachholen, wenn sie wiederkam – blitzschnell schossen diese Gedanken durch Liselottes Kopf. Lieber schwindelte sie, lieber belog sie ihre Großmama, die immer so gut zu ihr war – und dabei hatte sie sich doch so fest vorgenommen, stets bei der Wahrheit zu bleiben. Aber das »Ja – natürlich« kam gar nicht natürlich heraus, sondern recht zögernd.

Ach – warum hat eine Großmama auch gerade so klare, bis in die Kinderseele dringende Augen wie eine Mutter! Liselotte wußte nicht, wo sie hingucken sollte, um den lieben alten Augen nicht zu begegnen.

In der Untergrundbahn war es wenigstens nicht tageshell, da konnte Großmama nicht so gut sehen, daß Liselotte bald blaß, bald rot wurde und gar nicht so fröhlich auf Großvaters Späße einging wie sonst. Die Fahrt unter der Erde, von der Norbert begeistert war, wirkte beklemmend auf das kleine Mädchen. Und als jetzt die Bahn plötzlich mitten in der schwarzen Erde anhielt, und die Passagiere aus den Fenstern zu spähen versuchten, was wohl der Grund davon sei, klopfte Liselottes Herz zum Zerspringen. Und sie war doch sonst durchaus kein Hasenfuß.

Sicher ein Untergrundbahnunglück – so früh sollte sie schon sterben – war das am Ende die Strafe für ihre Lüge – nein, sie wollte vorher noch schnell alles eingestehen – aber da gab es einen Ruck – die Bahn fuhr sicher weiter, dem Tageslicht entgegen – und Liselotte mußte mit schwer auf dem Herzen lastender Schuld in den Zoologischen Garten wandern.

Über die plumpen Bewegungen der Riesenelefanten, den lustigen Sprüngen des Känguruhs und den drolligen Kletteräffchen vergaß Liselotte nach und nach alles Quälende. Sie erlangte wieder ihren harmlosen Frohsinn, und als sie zu einem kleinen Affen, der die ihm gebotene Nuß fallen ließ, freundschaftlichst »Schafskopp« sagte, lachte alles. Ein Herr aber meinte: »Das kleine Fräulein scheint in der Zoologie nicht gerade bewandert zu sein.«

Doch bei den Fischteichen, an denen Großpapa stehen blieb, gab es ihr plötzlich einen Stich durchs Herz, und auch bei dem Geflatter, Gekreisch und Gepiepse in den großen Vogelhäusern mochte sie nicht verweilen. Sie hatte wohl ihre Gründe dafür.

Das Schönste im ganzen Zoologischen Garten war Missy, die große Schimpansin. Ihr Käfig stand dicht umdrängt von Kindern. Sie saß an einem Tisch, hatte eine Serviette vorgebunden und aß mit einem Löffel wie ein richtiger Mensch. Als sie fertig war, schmiß sie dem Wärter Holzlöffel und Holzteller zum Jubel des kleinen Publikums an den Kopf. Dann kroch sie in ihr Bett, deckte sich zu und schnarchte wie ein alter Herr.

Liselotte war nicht fortzubekommen von Missy.

»Nächsten Sonntag laden wir sie zur Kindergesellschaft ein, dann könnt ihr miteinander Busenfreundschaft schließen,« schmunzelte Großpapa.

»Kannst sie ja in eurem Kränzchen aufnehmen, dann ist eben ein Affe mehr darin,« bemerkte Norbert höchst ungalant.

»Wir können doch nicht alle zur Gattung der Trampeltiere gehören, wie die Herren Tertianer,« erwiderte Liselotte schlagfertig. Norbert aber, noch schlagfertiger, gab ihr einen brüderlichen Klaps auf das boshafte Mündchen. Das ließ sich natürlich Liselotte nicht gefallen, sie stürzte zur Verwunderung von Missy und deren kleinen und großen Verehrern auf den langen Norbert los, um die Schmach an ihm zu rächen.

»Kinder – aber Kinder,« Großmama ergriff Norberts Arm und Großpapa nahm mit festem Griff und kopfschüttelndem »Kleiner Raufbold!« das junge Fräulein in sicheren Gewahrsam.

»Nun geht's nach Hause, sonst steckt man euch am Ende noch zu den wilden Bestien in den Käfig,« sagte Großmama ernst.

Nach Hause – wie ein Zentner lag es plötzlich wieder auf Liselottes junger Brust. Wenn sie bloß noch vor Tisch Zeit dazu fand, Großmamas Lieblinge zu versorgen!

»Großvater, dürfen hier im Zoologischen Garten denn auch Autos fahren?« ein gellendes Getute ließ sie zusammenschrecken.

»Irgendein kleiner Dreikäsehoch, der sich verlaufen hat und von einem Aufseher austrompetet wird,« belehrte sie der Großvater.

»Das müßte man daheim beim Jahrmarkt auch einführen,« dachte Liselotte, »dann könnten Edchen und Kurtchen so oft verloren gehen, wie sie Lust haben,« Norbert aber hatte auf Wichtigeres zu achten.

»Lilo – das Luftschiff!« brüllte er plötzlich und schwenkte seine Mütze wie ein Wilder, so daß die Vorübergehenden lächelnd mehr auf den begeisternden Jungen blickten, als auf das Luftschiff, das man ja über den Dächern Berlins öfter mal kreuzen sah.

»Wo – wo« – Liselotte stürzte nach vorn und suchte in entgegengesetzter Richtung.

»Da – na da: du Schafsnäse,« Norbert drehte sie wie ein Kreisel um ihre Achse. Aber diesmal nahm Liselotte seine Zärtlichkeiten nicht übel, alle beide hatten sie ihren handgreiflichen Streit über das Luftschiff vergessen.

Da schwebte es heran, wie ein Riesenvogel, es flog so tief, daß man deutlich die Gondel mit Menschen erkennen konnte, selbst das Arbeiten der Propeller zeigte Großpapa seinen Enkeln.

»Wie 'ne Zigarre,« sagte Norbert bewundernd – »nee – wie 'ne große Leberwurst,« überschrie ihn Liselotte – »Großmuttel, jetzt fliegt's gegen den Schornstein – Heil – all Heil!« brüllte das kleine Mädel aus Leibeskräften, als der Luftkreuzer jetzt gerade über ihren Kopf dahinschoß, und schwenkte ihr rotgerändertes Taschentuch.

Da hielten die Großeltern es doch für geraten, schnell eine Elektrische zu besteigen, denn das bildhübsche Dingelchen, das da tat, als ob es ganz allein in der Millionenstadt sei, erregte mehr Aufsehen, als angenehm war.

Das Luftschiff hatte Liselotte in solche Begeisterung versetzt, daß sie mit hellem Blick heimkehrte, ohne auch nur im geringsten an die vergessenen Pfleglinge zu denken.

Sie hatte sich sofort, noch vor dem Mittagessen, hingesetzt, um Hanni Diefenbach einen ausführlichen Bericht des ereignisreichen Tages zu geben, den sollte sie dann im nächsten Kränzchen vorlesen. Was würden die Kränzchenblümchen nur dazu sagen, daß sie das Luftschiff leibhaftig gesehen! An Großmamas Blümchen dachte sie nicht eher, als bis ein eigentümlicher Laut des Bedauerns aus dem Nebenzimmer, der »guten Stube«, zu ihr drang.

»Meine Goldfische – was ist denn mit meinen Fischchen passiert,« rief Großvater klagend, »sie liegen ja alle wie tot –« Großpapas Schmerz schnitt der lauschenden Liselotte wie ein scharfes Messer ins Herz.

Jetzt hörte man auch Großmama.

»Und meine Primelchen, schau nur, meine hübschen Primelchen ganz vertrocknet, ach, und Hänschen sitzt so matt auf seiner Stange, aber ich begreife nicht. Liselotte sagte mir doch –«

»Unser Kind lügt nicht!« unterbrach Großvater sie mit Bestimmtheit.

Da hielt es Liselotte nicht länger im Nebenzimmer aus.

»Doch, sie lügt – sie hat gelogen – sie ist so – so schlecht, so undankbar für all eure Liebe!« schluchzend klagte Liselotte sich an.

»Kind – das hätte ich nicht von dir gedacht!« sagte Großpapa, der die Gradheit und Wahrheitsliebe in Person war, sehr ernst. Dann wandte er sich den Wiederbelebungsversuchen seiner Goldfischchen zu.

Großmama aber ging, ohne ein Wort zu sagen, ohne das schluchzende Enkeltöchterchen auch nur anzusehen, aus dem Zimmer. Liselotte hinterher. Im dunklen Korridor hatte sie die Großmama erreicht. Dort schlang sie beide Arme um Großmamas Rücken.

»Großmuttel, ich kauf' dir neue Primeltöpfchen – Großpapa hat uns gestern jedem einen Taler geschenkt, dafür sollten wir uns kaufen, was uns am besten in Berlin gefällt – aber ich will nichts – ich besorge nur Primeln für dich – und Goldfischchen für Großvatel – aber verachte mich nicht so schrecklich!«

»Du weißt sehr wohl, Kind, daß, wenn es mich auch betrübt, meine Blumen, die ich wie lebende Kinder gehegt habe, aus Unachtsamkeit vernichtet zu sehen, mich etwas anderes noch viel trauriger macht,« sagte Großmama so streng, wie Liselotte nie gedacht hatte, daß Großmütter überhaupt sprechen könnten.

»Ich will nicht wieder lügen!« Liselotte senkte tief den braunen Lockenkopf.

»Du hast mich nicht lieb, wenn du deine Großmutter lieb hättest, würdest du ihr nicht diesen Schmerz angetan haben!« Großmama schritt weiter. Aber Liselotte hielt sie an dem Band ihrer schwarzseidenen Schürze fest.

»Schickt – schickt ihr mich nun nach Haus?« schluchzte sie.

»Wir werden es uns noch überlegen!« da gab Liselotte endlich die Großmama frei und kauerte sich in verzweifelter Stimmung in der dunklen Ecke neben dem Gasometer nieder. Dort fand sie Emilie, als sie das Essen auftrug. Ihrem treuherzig liebevollen Zureden gelang es endlich, sie zum Mittagstisch zu führen.

Liselotte hob die Augen nicht. Erstens traute sie sich nicht, die Großeltern, die sie so gekränkt, anzusehen, zweitens fürchtete sie Norberts neckende Blicke. Das Essen auf ihrem Teller blieb unberührt. Das war etwas noch nie Dagewesenes bei Liselotte, besonders wenn es Milchreis mit Zucker und Zimt gab. So tief war ihr zu Hause noch kein Kummer gegangen, daß es bis auf den Magen wirkte.

»Iß doch,« Norbert versetzte ihr gutmütig einen kleinen Rippenstoß, »schmeckt fein – oder willst du dich dem langsamen Hungertode preisgeben?«

Liselotte rührte sich nicht.

Großvater warf unbehagliche Blicke auf sie, es tat ihm in der Seele weh, sein Herzblatt leiden zu sehen.

»Die Goldfische haben sich erholt, sie lassen es sich schon wieder schmecken,« begann er. Aber seine junge Enkelin ließ es sich noch immer nicht schmecken.

»Auch die Primeln heben langsam die Blätter, Großmama hat sie ganz und gar gebadet,« berichtete Großpapa weiter. »Und hör' nur, wie lustig Hänschen wieder tiriliert!«

Liselotte saß da wie aus Stein.

»Durch Eigensinn machst du's nicht gut, also iß jetzt, Kind,« nahm nun Großmama das Wort.

»Ich bin nicht eigensinnig,« Liselotte griff gehorsam zur Gabel. Aber nach einigen Bissen legte sie dieselbe wieder hin.

»Ich kann nicht,« stieß sie hervor.

»Wieso nicht, bist du krank?« Großmama begann sich schon wieder zu ängstigen.

»Nein – aber – aber wenn ihr mich nach – nach Hause schickt – kann ich – kann ich keinen Milchreis essen,« jammerte Liselotte plötzlich los.

Der innige Zusammenhang zwischen dem Zurückgeschicktwerden und dem Milchreis war zwar nicht ganz klar, doch den guten Großeltern griff der tiefe Schmerz ihres Enkelchens ans Herz.

»Aber wer wird dich denn nach Hause schicken, mein Seelchen, du bleibst bis zum letzten Ferientag bei uns, und Weihnachten kommst du wieder,« tröstete Großpapa.

Großmama wischte sich sogar ganz heimlich die Augen.

»Wenn du uns in der nächsten Woche nur noch Freude machen willst, Lilo, soll der heutige Tag in unserem Gedächtnis ausgestrichen sein,« sagte sie weich.

Ach – so viel Freude wie Liselotte von nun an ihren Großeltern bereiten wollte, gab es in der ganzen Welt nicht. Sie wanderte von einem Arm in den andern – und die gute Emilie wärmte inzwischen den Milchreis auf.

Ja, Liselotte gab sich redlich Mühe, die Großeltern in der letzten Ferienwoche nur noch zu erfreuen.

Sie zankte und prügelte sich des Nachmittags, wenn Großmama und Großpapa schliefen, fast nie mit Norbert, oder doch nur ganz lautlos. Bloß einmal, als Liselotte heimlich des Bruders Tuschkasten genommen, kam es zu etwas geräuschvoller Auseinandersetzung, daß die Großeltern von jeder Seite hereingestürzt kamen, ob sich die beiden auch nicht totschlügen.

Die Haare, die Großmama, die sehr penibel war, ihr stets so glatt kämmte, daß Liselotte versicherte, sie sähe wie ein abgeknabberter Kalbsknochen aus – am liebsten hätte Großmama ihr die widerspenstigen Locken mit Pomade festgeklebt – zog sie sich heimlich nur ganz wenig wieder heraus, weil sie die Großmama doch erfreuen wollte.

Und Flock setzte sie nicht, wie sie zuerst beabsichtigte, als Überraschung Großmamas neue Morgenhaube auf und gab ihm das gute Spitzentuch um, sondern er bekam die alte Haube und die wollene gestrickte Weste, die er denn auch mit seinen spitzen Zähnen in tausend Fetzen zerriß.

Liselottes Fehler war es nicht, wenn sie ihre Vornahme, Großmama nur Freude zu machen, nicht bis zuletzt durchführte, bloß der Fahrstuhl war dran schuld.

Am letzten Ferientag war's, da schickte sie Großpapa zur Post hinüber. Als sie zurückkehrte, war ihr Verlangen nach dem Fahrstuhl stärker als Großmamas Verbot. Sie wußte selbst nicht, wie sie plötzlich hineingekommen. Aber schon drückte ihr Fingerchen den elektrischen Knopf.

Langsam schwebte sie empor. »Wie im Luftschiff,« dachte sie selig, als die Müllkasten auf dem Hof kleiner und kleiner wurden.

Aber plötzlich gab's einen Ruck. War sie schon angelangt?

Sie wollte die Tür öffnen, aber die Tür ging nicht auf. Sie drückte auf den Knopf – stärker – jetzt voller Angst – der Fahrstuhl rückte und rührte sich nicht.

Sie saß fest zwischen der ersten und zweiten Etage!

Als ihr diese furchtbare Gewißheit kam, begann sie aus voller Kehle zu schreien.

»Hilfe – Hilfe –« hörte denn kein Mensch?

Doch – an den Küchenfenstern belebte es sich zuerst, rote, dralle Köchinnengesichter erschienen lachend. Man hielt die Sache nur für einen Spaß des kleinen Besuchs.

Liselotte brüllte weiter wie am Spieß.

Jetzt steckten die Portierkinder ihre Flachsköpfe aus der Tür und zeigten grinsend auf die gefangene Liselotte.

Und nun – Gott sei Dank – Norbert öffnete oben ein Fenster.

»Was blökst du denn das ganze Haus zusammen?« rief er ärgerlich.

»Norbert, liebster, bester Norbert, ich sitze fest, hol' doch den Portier,« bat die kleine Gefangene.

Aber Norbert kam die Sache vorläufig noch zu komisch vor.

»Du siehst aus wie Missy im Zoologischen Garten,« rief er herab.

Der schmeichelhafte Vergleich war Liselotte ganz gleichgültig, wenn sie nur aus ihrem Käfig erlöst wurde.

»Sag es den Großeltern, bitte – bitte,« flehte sie – auch das war ihr augenblicklich egal, daß dann das Zuwiderhandeln gegen Großmamas Verbot offenbar wurde. Wenn man sie nicht erlöste – grundgütiger Himmel – übermorgen fing ja die Schule an!

Die Portierkinder hatten inzwischen den Vater geholt. Der machte gerade kein schlaues Gesicht. Er versuchte hier – er versuchte da – er nahm die Zange, er nahm den Hammer – umsonst.

Und ob er auch noch so tröstlich rief: »Nu man bloß noch eenen Momang Jeduld, kleines Freilein, jleich haben wir det Nickel« – das Nickel von Fahrstuhl wollte und wollte nicht von der Stelle.

Großmama rang die Hände – Großvater schickte zum Mechaniker.

Der kam erst nach zwei Stunden – zwei langen, bangen Stunden – inzwischen blieb Liselotte in ihrem luftigen Gewahrsam.

Sie stand Folterqualen aus. Nicht nur die Angst, daß sie vielleicht hier ihr Leben lang, wie Johann von Leyden im Käfig zu Münster, hängen müsse, auch die Blamage war eine unglaubliche. Denn jetzt blickten nicht nur die dienstbaren Geister aus allen Fenstern, nein, auch deren Herrschaften schauten sogar durch Operngläser auf den seltsamen Vogel, der sich da in dem Eisengitterhaus gefangen hatte. Den Kindern wurde sie als warnendes Beispiel gezeigt.

Endlich kam der Mechaniker, und Liselotte wurde aus ihrer Haft erlöst. Großmama hatte kein Wort des Vorwurfs für sie, trotzdem sie um das ihr anvertraute Kind gezittert und gebangt hatte. Liselotte war durch die ausgestandene Angst genugsam bestraft worden.

Aber als der Zug am nächsten Morgen die Enkelkinder entführte, und Liselottes wehendes Tüchlein und Norberts rote Gymnasiastenmütze vor den schwimmenden Blicken der Großeltern verschwanden, da sagte Großpapa seufzend: »Nun sind wir wieder allein, Alte!«

Und Großmama trocknete sich die Augen und meinte: »Es war doch eine wunderschöne Zeit!«

Und dann sahen sie sich beide an und lächelten wehmütig – so, wie es eben nur Großeltern können.

* * *

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.