Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Eris Busse >

Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

8
Stoffel wird Vogt

Es sprach sich herum, wie schön die Michelshofer Bilder geworden, und in den milderen Wintertagen – dieser Winter verlief gar nicht hart – stiegen die Bauern zu Tal, mit denen die Fallers und die Götzens und die Kirners verwandt waren, traten in die Stube ein mit freundlichem »Grüßgott, 118 beisammen!« und beschauten die Bildnisse. Auch mußten sie Blicke in die Ställe werfen, Äcker und Waldbestand von weitem betrachten, um dann über Berg und Tal hinaus den Bericht zu tragen, wie sich der Michelshof gemacht habe, wie ordentlich es dort zugehe, daß Glück und freundliches Wesen in allen Stuben und Kammern wohlständig daheim seien.

So schwand der Winter, man wußte nicht wie rasch, weil er kurzweilig schien, und es geschah fast unerwartet für Stoffel und Agathe, daß der Schnee wegschmolz und das Frühjahr über die Berge kam.

Agathe zeigte sich wieder hohen Leibes, aber sie gab ihrer Schwerfälligkeit nicht nach und schaffte wie sonst. Doch mußte sie sich irgendwie vertan haben; als sie zu liegen kam, litt sie sehr viele Stunden lang, und brachte ein Mädchen zur Welt, das nicht schrie, so sehr die Hebamme ihm den Rücken tatschte. Sie mußte ihm die Nottaufe geben und hieß es, gerade als ein kurzes Todeskrämpflein den kleinen Körper rüttelte, Anna Maria Götz. Stoffel schritt wehmütig zum zweitenmal hinter einem Totenbrett her, und viele Nachbarn gaben dem Seelchen, das nicht einmal das Licht der Welt erblickt hatte, das Geleite. Unterm Arm trug Stoffel das Brett heim, kerbte Name und Zahl ein und legte es nicht weit von dem Martinssteg über den Mühlenbach.

*

Wieder geschah ein Saatenwurf, eine Reute wurde Ackerland, Klee brach in runden, roten Blüten auf, die Sensen wurden gedengelt. Gras und Frucht fielen nieder, die Heubühnen füllten sich und die Mehlkammern der Mühle. Alles geschah in Segen und Fülle. Stoffels Reichtum mehrte sich, und sein Ansehen wuchs auf dem Walde. Man kam schon, seinen Rat einzuholen in vielen Dingen. Er war jetzt fünfunddreißig Jahre alt. Sein Kinn spannte sich fest und voll, sein Mund fand größere Sätze und leichter die Worte. Es hieß, der Stoffel ist ein Kerl geworden, ein Mannsbild von echtem Schrot und Korn, nimmt Schritte wie ein Hochgeborener, wenn er in die Kirche oder sonstwohin geht, und hält den Nacken steif. Man hat auch etwas läuten hören, wer den Götzenbauer aus dem Elend gerissen. Freilich um welchen Preis! Der Götzenhof gehört nicht mehr dem Jakob, er ist des Stoffels 119 Eigentum nach Recht und Vertrag und nur um Gotteswillen haust die Jakobsippe noch dort. Freilich, sie haust! Der Anna ist es wurst, daß nun alles ziemlich ungrad geht, sie hockt bei den Stündlern und schweift mehr als nötig um den Albiez herum, der scheinbar viel im Götzenhof zu tun hat. Sie kann solch ein Engelsgesicht aufsetzen mit blassen, schönen Wangen, roten Lippen und Augen, die ständig feucht sind, als schwämmen sie in Tränen. Macht sie aber den Mund auf, so springen schlampige, oft wilde und verlogene Reden hervor wie Kröten, und was ist's, das stets ihr heimliches, böses Feuer schürt? Das Glück und Gebaren der Michelshofer. Der Jakob fing das Trinken an, auch sagte man ihm verbotenes Jagen und Schlingenstellen nach.

Im Rausch hat er dann verraten, wie er selber sich aus der Schlinge gezogen, damals, als er dem Stoffel den Hof angetragen. Ja, so wahr er dasitze, er selber habe an einem schönen Abend dem Stoffel den Hof angetragen mit allem Drum und Dran. Es sei ihm verleidet gewesen, ewig die schlechten Weiden und saueren Wiesen und die struppigen Äcker verantworten zu müssen. Der Wald sei auch krank, vom Raupenfraß befallen; das Vieh gehe ständig ab, ein Unhold hause im Stalle – und so viel Schlimmes mehr. Er merkte nicht, wie offen das Elend aus ihm sprach, wie sehr er in seinem ganzen Manneswesen verlotterte. Daheim, auf dem Hofe, lotzte die Anna herum, hatte ein freches Maul, sobald sie ihn nur sah, und lächelte mit dem Albiez, der ihm zuwider war. Aber der Albiez tat freundlich zu ihm und brachte es fertig, daß ihm Jakob mehr und mehr ein williges Ohr lieh. Kam Stoffel auf den Hof, wieder einmal festzustellen, daß man sich noch nicht vom Elend abgekehrt habe und alles in unbeschreiblichem Zustand, der zum Himmel stank, verblieben, stützte Anna jedesmal frecher die Arme in die Hüften, und der Jakob machte gröbere und aufsässigere Redensarten. Sie schafften gerade das, was nötig war, sich den Magen zu füllen, und hinderten bloß, daß ihnen der Dreck nicht in den Mund wuchs. Daher kümmerte Stoffel sich nur noch um den Wald, ein schönes, edelstämmiges Besitztum, das von Spannerschaden keine Spur verriet. Dafür sorgte Stoffel schon.

Einmal geriet er fast in eine Wildschlinge. Einmal pfiff auch 120 eine Kugel, er konnte nicht entdecken, von wem geschossen, nahe an seiner Schläfe vorbei. Er fand ein ausgeweidetes Reh und nirgends die Jägerspur, ließ es liegen, schwor aber, fuchsteufelswild geworden, die Landjäger auf dieses Treiben aufmerksam zu machen. Koste es auch des Jakobs Ehre.

Richtig, sie erwischten ihn. Für einige Zeit brachte ihn das ins Gefängnis.

Der Stoffel verhärtete sein Herz. Mit Fäusten klopfte er es hart und fühllos.

*

Jakob, sein Bruder, kam aus der Haft heim, ein gebrochener Mann, scheu wie ein Kind, getraute sich nicht in den Götzenhof und saß in Stoffels Stube auf der Ofenbank wie ein Handwerksbursche. Der Stoffel trat ein, gab ihm aber die Hand nicht. Er hockte in den Herrgottswinkel, rauchte und vermied es, den Jakob anzusehen.

Agathe trat ein mit einer Schüssel dampfender Kartoffeln, nahm sie auf den Schoß und begann zu schälen und Plättchen zu schneiden. Es war Spätherbst, letzter Sonnengruß spiegelte sich in den Scheiben. Gelbrot leuchtend stieg der Tag hinab, dazu war Sonntag und Erntedankfest. Man hörte Burschen jauchzend ins Tal ziehen in die »Krone« oder über die hohe Straße nach Buchenbronn. Überall war Tanz diese Nacht. Drum hatten sie besonders früh den Stall in Ordnung gebracht, Knechte und Mägde blangerten schon fortzukommen. Agathe eilte sich, mit den Kartoffeln fertig zu werden. Die Magd holte diese zum Braten und deckte auch den Tisch.

Die drei Bauersleute wechselten kein Wort. Agathe machte ein Fensterchen auf, um den Rauch von Stoffels Pfeife hinauszulassen, und verließ für eine Zeitlang die Stube. Da erhob sich Jakob, setzte seinen Hut auf, der ihm die Zeit her auf den Knien gelegen. Er stand einen Augenblick unschlüssig, machte die Hände auseinander, hoffnungslos, gedemütigt, und sagte: »Lebwohl, Bauer, ich geh jetzt.«

Das griff Stoffels mühsam gehärtetes Wesen an, er nahm die Pfeife aus dem Mund und sagte: »Bleib und iß mit uns, hernach geh ich ein Stück mit und wir bereden was werden soll.« 121

Jakobs Gesicht hellte sich auf, er sank auf die Bank zurück und wartete.

Auf dem Heimweg dann versprach er Stoffel, man mußte es glauben, so eindringlich versprach er das, er wolle das Trinken und alles andere Böse sein lassen und schaffen ohne Ende. Stoffel sagte: »Schau, ich habe doch nur ein paar lumpige Kreuzer gehabt, da ich als Knecht anfing, und bin doch hochgekommen. Man kann das alles, wenn man richtig will.«

»Ja, wenn das Weib nur hurtiger wäre, das ist mein Unglück.«

»Geh weg«, sagte Stoffel ein wenig großspurig, »geh mir weg, einen rechten Mann verdirbt kein Weib. Wenn das geschehen kann, so ist er wohl kein schlechter Mann, aber doch einer, in dem eine heimliche Sucht zum Schlechten steckt. Die Weiber riechen das, sie legen ihre Hand auf die Schwächen des Mannes, und los kommt dann so schnell keiner, man darf dies gar nicht zulassen, dieses linde und doch falsche Handauflegen.«

Stoffel hörte sich reden und fand es gut, er sagte noch, seine beiden Schultern in die Höhe reckend, damit sie im Senken noch breiter auseinanderfielen: »Meinst du, Agathe habe nicht versucht, mich hörig zu machen? Aber frag sie heut, wer hörig ist! Sie folgt aufs Wort.«

Jakob mußte heimlich lächeln über den protzigen Bauern, der so grob seine Macht beschrieb. Stoffel sah es, wurde rot und schwieg. Agathe stand im Geiste vor ihm und lächelte genau so scheu und doch spöttisch wie der Jakob.

Dieser meinte: »Du wirst vielleicht doch erleben, daß dein Weib die Hand auf deine Schwäche legt. Agathe ist klug, sie wartet ihre Stunde ab. Hüt' dich, Christoffel.«

Und dann, als ob ihn der Gedanke an eine Niederlage des Bruders stärke, richtete sich Jakob höher, blieb stehen und sagte: »Ich mein, du mußt jetzt umkehren.«

Diesmal gaben sich die Brüder die Hand. Dem Stoffel war ob des Jüngeren Warnung eine dumpfe Angst in die Herzgrube geschlichen. Und dann beschattete noch etwas seine Stimmung wie ein böses Gewissen. Er hatte doch – halt, war es nicht so? –, er hatte sein fleißiges, stilles Weib niedrig gemacht vor Jakob. Und er konnte ihr kaum hell in die Augen sehen. So 122 steckte doch noch Knechtsschlechtigkeit in ihm. Ein rechter Bauer hatte nicht nötig, die Bäuerin herunterzumachen, um seine Herrlichkeit zu zeigen. Also schalt sich Stoffel und hieb wieder sein Herz hart und stolz, wenn es auch weh tat und im Grunde aufbegehrte: Ich bin ja anders, ganz anders.

Als er daheim in die Stube trat, saßen dort zwei Gemeinderäte am Tisch, alte Hofbauern. Sie erhoben sich steif, da Stoffel näher kam, und begrüßten ihn. Es wurde lang und über immer wieder einfallende Schweigepausen hinweg von allem gesprochen, was des Bauern Geschäft ist, nur nicht von dem, um dessentwillen sie gekommen waren. Stoffel tat ruhig und wortkarg. Er ließ die anderen ihre Meinungen sagen, half ihnen zuweilen mit einem Wort aus, das sich nicht gerade finden wollte, und wartete. Doch der Puls am Halse klopfte hart. Agathe bot Kirschwasser an und Kuchen. Sie hatten am Vortage vor dem Erntedankfest, wie es Sitte war, Brot und Hefekuchen von neuem Mehl gebacken.

Agathe ahnte, was die Männer hergetrieben. Nun wurde es Ernst. Den Stoffel zu bereden, getraute sie sich nicht mehr. Der stellte seinen harten Willen gegen alles, was ihm zuwiderlief. Und er hatte ein hochmütiges Herz. So verließ sie die Stube wieder, setzte sich an den Herd und sann in die Glut. Auf einmal kam Stoffel heraus, sein Gesicht war weiß, die Backenknochen zuckten. Er legte Agathe die Hand schwer auf die Schulter, sah sie mit blitzenden Augen an und sagte: »Grüß Gott, Frau Vögtin.«

Er preßte in seiner Aufregung die Schulter der Frau, daß es schmerzte. Sie stöhnte leise. Schüttelte die Hand ab und nahm sich zusammen: »Grüß Gott, Vogt«, sagte sie und stand auf.

»Ich werde einen Kaffee machen, was meinst? Die Gerste ist frisch gebrannt und ein paar Bohnen von dem ausländischen Kaffee dazu.«

»Es ist recht; aber gell, Frau, das freut dich.«

»Schon, nur darf man das nicht so zeigen.«

Stoffel entgegnete: »Ha ja, aber vor dir doch, es übermannt einen doch, wenn man allein ist. Bin drinnen schier verplatzt vor lauter Verstellen. Das ist schlimmer, als wenn man einen Wind in der Kirche verheben muß und das Grimmen bekommt.« 123

»Aber Vogt«, lachte Agathe, »aber Vogt, das schickt sich nicht!«

Gelassen, wenigstens äußerlich, ging er in die Stube zurück. Als die beiden Bauern von Stoffel, der das Fuhrwerk anspannte, heimgefahren wurden, weil sie nicht mehr so ganz sicher auf den Beinen standen, denn der Kirsch war stark, dachte Stoffel, da sie in der Ferne den Götzenhof liegen sahen mit erleuchteten Stubenfenstern: »Der eine Wilddieb, der andere Vogt, was für seltsame Wege führt uns der Herrgott.«

*

Nun mußte der Schneider Albiez ins Haus geholt werden, dem Vogt Stoffel Götz einen neuen Rock anzupassen; denn das mußte wahrhaftig ein schöner Rock sein aus glänzendem, schwarzem Tuch, mit langen, neumodischen Schößen.

Der Albiez sprach soviel von der großen Ehre, die den Bauern betroffen, von den großen Aufgaben, die nun an den Michelshofer herankämen, schier gar nicht zu bewältigen für einen einzelnen Mann, dazu die zwei Höfe, namentlich der Elendshof da droben, er wies in die Götzenhofrichtung, der zu aller Arbeit noch Ärger bereite.

»Seid still, Schneider, tragt Ihr wieder auf beiden Achseln Wasser? Bei uns sagt Ihr hüst und droben hott. Und die Schuld an mancher Bosheit da droben habe ich Euch schon in die Schuhe geschoben. Ihr seid ein unsicherer Kantonist.«

Der Stoffel leerte auf die Art einmal seinen Kropf und ließ den aufhorchenden Albiez gehörig ablaufen.

»Man muß doch den Bauern nicht für dumm verzollen. Man muß doch nicht meinen, er nehme Stroh für Heu. O nein«, Stoffel erhob seine Stimme, als rede er im Rathaus, »wer von Stund an gegen mich ist, dem zeig ich, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.«

»Oha«, dachte Albiez und duckte sich, »da zieht einer andere Saiten auf.«

Er hielt es für besser, keine Widerrede zu geben, nichts zu beschönigen oder abzustreiten. Dem Stoffel kam man so nicht bei. Der stiefelte zur Tür hinaus, und man hörte ihn noch mit den Knechten schelten. Er wollte doch zeigen, daß er nichts 124 übersehen werde, was falsch sei, trotz der Würde, die viel Zeit wegnahm. Selbst Agathe bekam ein derbes Wort zu hören, weil sie einen Milchkübel unters Wasser setzte, ohne daß der angesetzte Rahm am Rand sorgfältig herausgeschabt war.

Der Albiez sagte nachher zu Agathe: »Der Vogt nimmt es herzhaft. Nun, neue Besen kehren gut. Aber auch er ißt den Brei nicht so heiß, wie er gekocht wird.«

Agathe lächelte hochmütig und sagte: »Wir kommen schon zustreich miteinander. Es braucht der guten Sprüche nicht, Albiez.«

»Einmal schien es anders, Vögtin, wißt Ihr noch in jener Zeit, da der Bruderhof niederbrannte? Ihr gingt im Leid mit bösen Gedanken um und habt Unheil herbeigesonnen. – So Sachen gibt's. Es steht in den Büchern, daß man, wenn man kräftig etwas wünscht, es auch in Erfüllung geht, ob gut oder böse.«

Albiez kicherte hämisch. Die Frau wurde blaß und rot in einem Nu. Der Bub Markus sprang herein und hängte sich an der Mutter Rock. Sie sagte mit gefaßter, scharfer Stimme: »Bücher können lügen, Papier ist geduldig, sagte der Notar neulich, und daß ich im Leid ging, leugne ich; was könnt Ihr auch wissen, Josua. Ihr seht alleweil Gespenster. Lest nicht so viel.«

Da hatte sich Albiez zum zweitenmal den Mund verbrannt. Doch es brannte nicht nur ihn; der Bäuerin Sinn kämpfte tagelang gegen trübe Gedanken. Ein Glück, daß sie mit dem Vogt jetzt oft fortfahren mußte. Die Ehren mußten genossen werden, die man angetragen bekam, auf allen Hochzeiten, Taufen und sonstigen Festen in der Umgebung. »Man soll sich zeigen; denn Wege, die man nicht betritt, überwuchern rasch mit Unkraut und Vergessenheit«, sagte Christoffel.

*

Der Albiez schneiderte wahrhaftig gut, der Vogtsrock saß wie angegossen. Der Michelshofbauer und neugebackene Vogt Stoffel sah vornehm aus, groß und schmal in den Hüften wie ein Graf. 125

In diesen Tagen war fürstliche Jagd auf der Gemarkung Buchenbronn und Schiltebach, und die Vögte der Gegend wurden dem Fürsten und anderen hohen Herren vorgestellt. Der Fürst unterhielt sich lange mit Stoffel, ehe man sich an den Tisch zum Jagdmahle setzte. Stoffel sah ihm mit hellen, unbestechlichen Augen ins Gesicht. Er gab ganz kurze Antworten. Sie klangen nicht im geringsten untertänig, aber sehr höflich. Die Hand, die den runden Bauernhut hielt, zitterte nicht. Erst hintennach, auf dem Heimweg, da der Obervogt von Triberg und einige Amtsherren aus jener Stadt noch vor und neben ihm schritten, fühlte er Schwäche in den Knien, wenn er daran dachte, wie hagebüchen er sich dem Fürsten gezeigt.

Hatte sich der Obervogt, ein studierter Mann, nicht bis schier auf die Erde gebogen und mit dem Seidenhut ein gehöriges Rad geschlagen? Hatte der Buchenbronner Vogt nicht einen roten Kopf, wie ein glühender Zundelschwamm bekommen und gestottert vor Ehrfurcht? Dem Notar gar, der sich beim Saueressen besonders vornehm zeigen wollte, war die Gabel mitsamt einer aufgespießten Kartoffel untern Tisch vor die Füße des Fürsten gerollt, und statt daß er wartete, bis der Jäger, der hinter des Herrn Stuhl stand, die Ausreißer aufhob, fuhr er in seiner Erregung, dickbäuchig wie er war, gleich einer Kanonenkugel unter den Tisch und rannte naturgemäß heftig mit dem Schädel des Jägers, der sich von entgegengesetzter Seite gebückt hatte, zusammen. Unterdrückte Schreie gingen im Lärm der Tischgesellschaft unter. In höchster Not des dazu noch vor Schmerz, Wut und Verlegenheit aufgequollenen Kopfes saß der bedauernswerte Notar nun da und schielte zum Fürsten, ob der nichts bemerkt habe. Doch der unterhielt sich mit dem Obervogt über die Heimarbeit und die Aussichten des Uhrenhandels, dessen Steckenpferd, und beachtete den Schwitzenden nicht, dem langsam ein blaurot angelaufenes Horn in die rechte Stirnseite wuchs. Dem Jäger warf Notar Trenkle sehr feindliche Blicke zu, als ob der überhaupt an allem die Schuld trüge. Auch dieser hatte eine Baus überm linken Auge. Stoffel, unten am Tisch sitzend, sah das heitere Geschehen mit an und mußte sich öfters die Nase schneuzen vor verheimlichtem Lachen.

Er lachte jetzt auf dem Heimweg noch einmal darüber. Es 126 klang knabenhaft frisch. Stoffel schlüpfte für ein paar Minuten aus seiner etwas hart sitzenden Vogtshaut. Er merkte selber, wie sein Blut plötzlich zu klingen begann, warm und üppig zu fluten, wie er Mühe hatte, nicht in die klare Nachtluft zu jodeln und die Arme gegen die Sterne zu recken. Weiß Gott, es krachte in den Nähten seines Vogtrockes, der weiche, sehnsüchtige und heitere Träumer Stoffel blinzelte aus den Ritzen. In der Nähe bellten die Hunde den Mond an, ein Räderrollen verlor sich im Walde. Überm Schiltebach um die Weiden wehten leichte Wasserdünste. Die andern bogen in den Weg zur Schiltebacher Krone ein. Dort standen ihre Fuhrwerke, die sie heimbringen sollten. Es war schon zehn Uhr. Stoffel wehrte sich, mitgenommen zu werden. Er wolle vor Tag schon zum Viehmarkt nach Villingen aufbrechen, zwei Kalbinnen verkaufen und einen Ochsen dafür heimbringen.

»Es gibt auch im Stall mehr Weiber als Männer, wie scheint's überall auf der Welt«, meinte er mit einem erzwungenen Witz das Unbehagen zu bemänteln, das seine Weigerung hervorrufen konnte. In Wirklichkeit zog es ihn heim in die gewohnte Umgebung. Er war der fremden Gesichter überdrüssig und der Beobachtung durch sie. Es kam doch zum Vorschein, wie wenig Stoffel Götz ein Mann der Öffentlichkeit war und wieviel weniger ihn ein Buckel voll Würden beglückte als eine Faust voll Erde. Dies merkte er selber jetzt noch nicht, aber aus dem mühsam hartgehämmerten Wesen und dem gradgepreßten Rückgrat im engen Vogtsrock wollte, öfter als er es glaubte, das kindische Herz hinaus auf die Weide und – wer hätte so was vom Stoffel gedacht – auch in die Welt. Fremde Länder sehen und heimkehren in das eigene. Dieses schöne, herrliche Heimkehren erleben, zu einer Schwelle heim, von der ihn niemand mit schnöden Worten jage. So mit vielem Wissen und feinem Wesen aus der Fremde kommen, wie es die Kirnerbrüder, die Maler, taten. Der Lukas hatte es oft gemütvoll erzählt: Die Heimat ist schöner als alle Welt, und der Wald ist stiller als ein Dom. Der Wind darinnen braust herrlicher denn eine Orgel! Das erleben können! Oha, seufzte Stoffel wohlig in seiner Sehnsucht und betrat die Stube, wo Agathe noch saß und strickte.

»Du bringst eine frische Luft herein an deinen Kleidern«, 127 begrüßte sie ihn freundlich. »Magst du noch etwas, einen Kirsch oder eine Buttermilch? Auch Küchle sind noch da?«

Er warf den Hut auf die Bank und zog den Rock ab: »Herrjeh, nein Agathe, nichts mehr, nichts als noch eine Pfeife rauchen, so recht gemach.«

Er streckte sich, seine Hände lagen flach an der Stubendecke, und sagte: »Schau, Agathe, die andern sind alle noch in der Wirtschaft, saufen noch eins, erzählen noch eins, machen faule Witze und Datsch über die – Weibervölker, na ja. Ich hab' die vielen Leut, die verschiedenerlei Leut satt bis da rauf!« Er legte dabei die Handkante an die Kehle.

»Das hab' ich gefürchtet«, sagte Agathe.

Stoffel wurde vorsichtig: »Ha nun, ein Vogt muß unter die Leut, versteht sich; es ist zuweilen lustig und gefällt mir, das Stubenhocken ist auch nichts. Man verliert das Auge für das Ganze, für die Gemeinschaft. Schau, ich hab' Pläne, Pläne, Agathe, aus dem Schiltebachtal soll etwas werden, aus dem Buchenbronn dazu. Was Furtwangen kann, können wir auch. Mehr Uhrenmacherei, Strohflechterei, Tröglemalerei, einen Anschluß an die Handelsgesellschaft, der Rößlewirt und Hauptmacher in Furtwangen ist ja mit der halben Schilte vervettert, der macht die Sache im großen und lauten, das heißt in der Welt, und ich wirke hier im kleinen, sozusagen im stillen, aber zäh dahinter, laß nicht locker, bis in jedem Haus geschafft wird den Winter über, auf Vorrat.

Item, ich will Geld in die Gegend bringen, der Obervogt von Triberg überläßt mir Strohflechtmuster vom feinsten venezianischen Geflecht. Die Jakobssippe droben kann da auch wieder auf einen grünen Zweig kommen. Der Jakob ist reuig. Er will. Und wenn die anderen sehen, daß die Sache etwas wert ist, vorab daß Knecht und Magd sehen, sie müssen nicht ewig um kargen Lohn schinden, es gibt auch nebenher eine Einnahme, dann blüht's auf im Tal.«

»Stoffel träumt laut«, sagte Agathe, trat neben ihn und strich ihm übers Haar.

Er lachte knabenhaft wie heute schon einmal: »Es kann sein, Agathe, aber keine Knechtleinsträume, Herrenträume.«

Er legte den Arm um die Frau: »Was ist denn«, fragte er, die schweren Hüften fühlend, »wieder ein Kind?« 128

Sie nickte nur. Vorwurf lag in ihren Augen. Nach einer Weile, während der Stoffel heftig an der Pfeife gesogen, meinte sie: »Ein Vogt, vor lauter Arbeit und Sorgen mit den Leuten, hat keine Zeit, daheim nach dem Heimlichen zu schauen. So wächst halt ein Kind, der Vater merkt's nicht.«

Sie lachte hellauf und ging zur Tür hinaus. Es klang ein wenig rauh, dies Lachen.

»Da hast du's, Vogt«, sprach Stoffel zu sich, »da hast du's! Schau zu, eines Tages wachsen dir die Halme aus dem Acker, und du hast sie nicht gesät. Und der Pflug setzt Rost an, weil der Bauer die Augen woanders hat, und der Knecht tut, was er mag. Aber Vogt ist Vogt.«

Jetzt, so spät es war, litt es ihn nicht, er mußte durch Stall und Scheuer. Er klopfte die Pfeife am Brunnenrand aus, steckte sie in die Hosentasche und betrat den Stall. Der Muni roch ihn sofort und murrte dumpf, er wandte aber den Kopf nicht einmal. Fremdete er? Stoffel ging hin und ließ ihn Salz lecken. Er liebte diesen mächtigen, schönen Kerl. Er schritt im Stallgang auf und nieder, klopfte jedem Tier auf den Schenkel, freute sich, daß der Stall so sauber und verhältnismäßig gut beleuchtet war. Am Öl sparte er nicht. Agathe ließ noch ein Kälbchen zur Mutterkuh hinein, damit es trinke. Der Stoffel lobte, daß der Stall so gut gehalten sei; wenn Agathe aber noch eine Magd brauche, solle sie es nur sagen. Besser zwei Hände zu viel als zu wenig. Agathe meinte, gescheiter sei es, einen Knecht einzustellen. Der Lauble Fritz sei zu groß jetzt als Hüterbub und solle auch heim, der Mutter helfen. Man könne den Peter als Jungknecht nehmen, zwei Buben zum Viehhüten einstellen und einen älteren erfahrenen Knecht noch dingen, vorab für die Rösser und das Fuhrwerken. Der Peter solle dann mehr daheim helfen. Er sei handfertig und hurtig. Und die Mägde reichten, die alte Christine sehe gut zum Rechten, und die Jungmagd sei wohl dalberig wie alle Mannstollen, aber doch fleißig.

Endlich spürte Stoffel die Müdigkeit seiner Füße. Den Viehhandel wolle er nun doch verschieben, meinte er, als er im Bett lag und schon am Einschlafen war.

»Vogt ist Vogt!« hörte ihn Agathe kurz darnach noch einmal im Traume sagen. 129

 

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.