Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Eris Busse >

Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

23
Die Schultern des Ahnen

»Schau, da ist doch – ist da nicht einer auf dem Dach des Michelshofes? Flickt, geht um mit gestutzten Strohwischen? Ja, jetzt wer macht so etwas. Stroh! Überhaupt sieht das Riesendach seltsam aus. Da kämpfen die Stoffe miteinander. Am südlichen Teil sitzen Schindeln, um den Kamin herum Ziegel, auf der Wetterseite Stroh; das sollte man ändern, denn Stroh und Schindeln sind reichlich schadhaft. Überall Ziegel! Oder Eternit? Nein, Ziegel, darauf läßt sich der Vater vielleicht am ehesten ein. Ja, das ist doch der Vater, der auf dem Dach sitzt und Strohwische hineinflickt? Flur, die Bäuerin, reicht sie ihm zu. Nein, wie winzig ist diese Schattenfrau geworden.« –

»Grüß Gott, beisammen!«

»Grüß Gott!« sagte leise, aber zart und glücklich lächelnd die Mutter. 194

»Grüß Gott! Gleich« rief der Bauer und warf einen raschen, vollen Blick auf Fabian.

»Stroh ist das beste und wärmt«, hieß es dann im Herabsteigen. »Du meinst natürlich was anderes«, grollte er, als Fabian schwieg.

Jetzt mußte er schon antworten, um nicht feig zu scheinen vor den blitzenden Augen des Alten.

»Ich mein Ziegel.«

»Mein du nur!«

Urban wusch die Hände am Brunnen. In der Stube dann drehte er sich rasch dem hinter ihm eintretenden Sohne zu: »Zwei sind umgefallen, der dritte ist nahe daran, der vierte mault noch, aber er ist überhaupt nur ein Maulheld.«

»Der Vogtesimmer.«

»Eben der . . . bleibt noch die Gemeinde Buchenbronn, der Sägenmärte und ich. Für die zwei stehe ich; Buchenbronn wird beigeben müssen.«

Fabian schweigt. Flur trägt Brot, Most, Speck und Kirschwasser auf. Die Männer beginnen zu essen.

»Es ist heute schon lebhaft auf den Straßen, die Herren sausen durch, es wird überhaupt streng auf andere Zeit hingehen. Wenn ihr da drunten anfangt, muß doch ein Heer von Arbeitern her. Wird keine bessere Marke sein als selbige Italiener vom Bahnbau her, von denen noch die Zigeunerskinder und Kindeskinder herumlaufen in den Gemeinden. Flaschenbier und Spielkarten und Dolchmesser werden die Herrschaften mitbringen, ihr freches Maul und ihre Begehrlichkeit auf das Weibervolk; das ist aber nicht alles, auch das Schlimmste nicht. Daß man aber das Wasser, wo es nur abzufangen ist, herholt und in das Werk laufen läßt, darüber kann ich nicht hinweg. Da trocknet der Bauernboden aus, den wir von alten Zeiten her mit Mühe und Not fruchtbar gemacht haben. Das ist gottlos gehandelt. Das ist eine Sünde und Schande!«

»Es gibt Auswege, Vater, es ist nicht so bös, wie ihr meint.«

»Es ist bös von Grund auf.«

»Laßt mich jetzt auch einmal reden, Vater! Ich will mir alle Mühe geben, euch das Werk und seinen Nutzen für viele Menschen zu erklären, da ist der Schaden am einzelnen gering.«

Urban steht schnell auf: »Jedes, auch das geringste 195 Stückchen Land ist wertvoll. Was unter dem Wasser fault, dient nicht mehr, nie mehr! Also«, sagte Urban, der Bauer, »dann red!«

»Wir könnten miteinander auf jenen Platz hinaufgehen, wie schon einmal«, meinte Fabian zögernd. Urban begriff ihn sofort. Es war damals, als Gmelin die traurige Botschaft aus dem Kriege brachte.

»Gut«, sagte der Bauer, verständigte auch Flur, wohin sie gehen wollten. Dann verließen sie den Hof und stiegen schweigend bergan. Als sie sich setzten, hatte Fabian eine klare Blässe im Gesicht. Der Vater atmete nicht einmal schwerer als sonst. Sie ruhten ein Weilchen, sahen beide einem Bussard zu, der über dem Muhrseegebiet mächtige Kreise zog.

Wie das ruhig machte!

»Also jetzt«, mahnte Urban seinen Sohn.

Fabian fand wirklich viele Gedanken wieder, die er dem Vater gegenüber hatte äußern wollen. Er vermochte zuletzt, als das Sinnbild Christophorus daran kam, den starken Mann zu erschüttern, daß es über dessen Gesicht heftig wetterleuchtete; daß aus dem breiten, hohen Brustkasten ein Schnaufen kam wie das eines weidwunden Bären. Als er sich wieder in der Hand hatte, spann Urban das Gespräch weiter. Er sprach ruhig, oft stockend, nicht aus Ungeschick, sondern weil es breit und langsam aus ihm floß, zäh und heiß wie Lava aus dem Erdinnern.

Des Vaters Gesicht unter dem graublonden Haarwuchs war rot. Die Hände, die schwer gefaltet zwischen den steinern gestemmten Knien hingen, schienen glühend rot. Der Himmel war mit feurig rotem Gewölk über dem Himmelsrand zugemauert. Die Sonne ging unter in ihrem Rücken.

Der heimlich glühende Urban sprach: »Wohl denn! Ich habe sozusagen Glück gehabt im Leben. Meine Wünsche sind alle in Erfüllung gegangen, habe den Hof allein, habe den Sohn, hab die Frau bekommen, die ich begehrte – aber sag selber, ist mir das doch nicht alles nebenhinaus geraten? Das Weib war ausgebrannt im Herzen, als ich es zu Recht bekam, der Sohn geht andere Wege, als ich es will, seltsame Wege in der eigenen Heimat – lassen wir das –, der Hof bröckelt ab und wird fremd vergehen, wenn ich nicht mehr bin.« 196

»Ja, ja«, sagte Fabian und sah am Vater vorbei, »du hast recht, das ist eine versteckte Tragik, und doch . . .«

»Und doch?«

»Es ist die Tragik alles Vergänglichen, Wandelbaren. Und noch eins. Ich habe doch zwei Söhne, vielleicht werden es noch mehr, mit denen beginnt eine neue Überlieferung, das heißt mit mir, so wie mit deinen Voreltern eine begann. Dein Stamm aber blüht weiter. Die Kraft des Bauernblutes wird die Kinder gesund erhalten und doch nie die Sehnsucht nach der Scholle erkalten lassen.

Der Segen der Erde blüht weiter.

Drum, Vater, schickt euch darein, daß es Änderungen gibt, rasche, unerwartete. In Wahrheit stecken sie schon lange im Menschengeist. Irgendwie wird doch eine Hand sie lenken, ein Gehirn sie befruchten. Nenn sie Gottes Gehirn und Hand.

Da sind deine Enkel. Schaffe und wirke weiter. Denk, was du für sie als der Ahn' sein mußt! Die Schultern der Vergangenheit, die gewaltigen, starken, ehrlichen, stolzen, Vater, ohne deren Treue doch alle Zukunft hinfällig wäre, Vater!«

Urban erhob sich federnd. Es leuchtete wieder in seinem Gesicht. Er gab dem Sohn die Hand: »Ist recht, Fabian, du predigst gut, es geht einem ins Mark. Das vom Muhrsee erfaß ich nie; was ihr dort vorhabt, wird immer, solang ich noch lebe, die zehn, zwanzig Jahr, ein Nagel zu meinem Sarg sein.

Aber das von den Schultern, das ist ein Wort, das gilt viel mehr als alles andere. Das kann man als eine Gnade ansehen, vorab, wenn du zwei echte Männer aus den Buben machst. Einen rechts und einen links auf des Großvaters Achseln, der ein Bauer war, das müssen sie ihren Kindern berichten können, ein Erzbauer bis in den Tod – wenn auch vielleicht der letzte.«

»Jiifahre!« rief Urban, der Michelshofer, durch die hohle Hand an die Weide hinüber. Und hinter dem in den Stall einfahrenden Vieh schritten die alte und die neue Zeit, Vater und Sohn, den Berg hinab.

 

══════════════

 

 << Kapitel 60 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.