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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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22
Wende

Der Morgen fiel geradezu prachtvoll aufgestrahlt in Fabians schöne Schlafstube, als er erwachte und nach den Geräuschen des Blessingschen Hauses horchte. Das Uhrwerk des Tages schien im Gange, huschende Schritte waren im Flur und im Treppenhaus, dazwischen klangen, leicht belegt nach dem Festgenuß der vergangenen Nacht, Männerstimmen auf. Fabian stand auf, duschte sich im Nebenraum, wurde frisch wie ein Jüngling nach seinen Turnübungen, die den vom ungewohnten Marsch des Vortrages etwas steifen Rücken geschmeidig machten. Im kleinen Frühstückszimmer nahm er Platz. Das Haus Blessing hatte einen modischen Anstrich bekommen, das liebenswürdige, etwas muffige Plüschsesselbehagen war verschwunden, dafür standen die Räume jetzt einer zweckmäßigeren Bestimmung offen, hier großzügig, wenn auch nüchterner als ehedem zu leben. Fabian gefiel das. Im Grunde herrschte jetzt doch der auf das sinnvoll Einfache beschränkte Ton der Bauernstuben in den Zimmern dieser Bürger, nur eben geistvoller, bewußter, weil sie dahin zurückkehrten, wo der Bauer natürlicherweise stehengeblieben war. Die schlichte Stube des gediegenen Bauern, der nicht nach Stadtkram sah, enthielt freilich etwas, das den Herrenstuben trotz aller geschmackvollen Schlichtheit fehlte, jene Luft des sinnlich Warmen und Heimeligen, die altererbtes Gut ausstrahlt. Noch fehlte dieses, vielleicht für immer, dem fabrikneuen, vernünftigen Hausrat der Frau Blessing, weshalb man Michael nur bedingt daheim fand und stets in einem Zustand der Ratlosigkeit und Rastlosigkeit, Zustände, wie er sie nur früher als Geselle in der Fremde hatte. Er litt und schwieg.

»Ihr armen Alternden!« dachte Fabian, und brach zeitig auf, trotzdem man ihn halten wollte; er wußte, wie sehr der Vater ihn erwartete. Plötzlich überfiel ihn auch der Wunsch, es möge schon alles vorüber sein: die Wanderung, die Aussprache mit dem Vater, die letzten Messungen im Muhrseegebiet, die Tagfahrt mit den Herren der Heimatschutzgilde, die fachmännisch aufgeklärt werden sollten über die Ausgestaltung und Zukunft 186 des gewaltigen Werkes. Dies alles wünschte Fabian auf einmal hinter sich. Er fühlte eine gewisse Unsicherheit aufkommen, stand er doch sozusagen als Vertreter von gereiften Männern der Zeit zwischen den Menschengeschlechtern, im Banne noch der hinschwindenden Vergangenheit, der Bilder der Kindheit, die er zu verwandeln im Begriff stand, und hingezogen zu dem aufgärenden Neuen, weil er noch zu jung war, um am Alten sich zu halten und seinen Lebensinhalt zu finden. Die zukünftige Jugend wird ja auch einmal im ewigen Wechsel zwischen den Menschengeschlechtern stehen, und das heute noch Neue wird alt sein, der Wandlung verfallen. Aber diese Herzen werden vielleicht nicht mehr so stark an romantische Gefühle gebunden sein. Ach, wer weiß denn das!

Das Städtchen Sonnenkirch war bald durchschritten. Aus den Fabriken sangen die Maschinen. Hinter der Stadt, wo sich ein verträumtes Bachtal tief in die Berge gesenkt hatte, sah Fabian, daß eine quer hinein gebaute Schraubenfabrik die Anmut des Bildes roh zerstörte. Und dieser Bau hätte bestimmt taktvoller in die Landschaft gestellt werden können, beispielsweise in jene geschmeidige Bucht am Wald, kaum weiter entfernt vom Wasser, das man brauchte. Er ging rasch vorüber und schimpfte halblaut. Das Tälchen verengte sich, die beiden Waldflanken hochaufsteigend rückten einander näher. Nun war nur noch mit starkem Gefälle der Totenbach und ein schmales Sträßchen im Dobel möglich. Es war kühl und schattig, der Grund steinig ausgewaschen. Feuchtigkeit rieselte und tropfte nieder. Fabian schaute hinauf an den Himmel, denn die Dämmerung hier unten war noch so groß, daß man glaubte, das Wetter schicke sich an, bös zu tun; aber der Himmel stand blau und wolkenlos über dem schmalen Schlitz der Schlucht, die Wipfel der Tannen badeten sich im Sonnenlicht.

Es kamen Strecken, wo der Berg gewaltsam auseinandergespalten, die Schlucht eine tiefe, klaffende Wunde schien und die scharfen, unregelmäßig, aber in gleichen Schichten aufgetreppten Felsen die wild eingerissenen Ränder bedeuteten. Manchmal stiegen die Felsen in hohen Graten empor, bildeten Zinnen und Nadeln, Kamine und Schächte, Spalten und Schrunden wie in den Alpen. Steinerne Orgeln standen hoch aufgebaut, über denen die Tannen wie gotischer Zierat zu dem 187 Höchsten steilten. Und Kanzeln, von erhabener Einsamkeit umspült, gab es auch. Als Student war Fabian da oben herumgeklettert wie ein Hochalpinist, und ganz einfach war die Kunst auch hier nicht, sich für die Besteigung der Schweizer Riesen zu üben, die man von der Roten Zinne aus, wie die jungen Leute die größte Erhebung des Felsengebietes getauft hatten, sah: den weißen Jura und die Firnkette der Alpen dahinter, kurz vor dem Föhn greifbar nahe. Und den Rhein konnte man verfolgen, den jungen, stürmischen noch vor Basel und dann jenen, der aus der vornehmen Stadt in würdiger Haltung hervorkommt und schon der heilige Strom der Deutschen ist.

Eine lange Zeit starrte Fabian hinauf, die Zinne zackte nackt in die Luft hinein und war rotgolden überronnen vom Licht. Als er den Blick senkte, war er geblendet und sah das Dunkel des Schluchtbodens dunkler. Und wie sofort andere Sinne wachsamer werden, sobald einer geschwächt ist, roch Fabian den moderscharfen Hauch der durchnäßten Schlucht, in die keine Sonne mehr drang, roch den schimmligen Atem verwehten Laubes, verwester Pilze und Moose, roch den Oktober des Sterbens. Ach, richtig, dieser letzte, tiefste Teil der Schlucht hieß Winterhauch, der Totenbach sprang hier fadendünn über moosige Steine.

Jetzt öffnete sich bald wieder die Schlucht, stieg tüchtig an, ging in Wald über, in dem man wieder neben den Tannen her schritt und sie nicht in schwindelnder Höhe suchen mußte. Ganz oben war die Wasserscheide, die den Lauf der an den Hängen entspringenden Bäche zum Rhein oder zum Muhrsee, das heißt der Donau entschied. Jetzt betrat Fabian auch wieder die alte Heerstraße, die von zerfallenem hohen Gemäuer überschnitten wurde, den Schwedenwall. Hier setzte sich Fabian und badete im Licht. Das Gewoge der Wälder in steigendem und fallendem Takt umkreiste ihn wieder, und er konnte jetzt mit den Augen die Stelle ergründen, wo im Tann eingekesselt lang und schmal der Muhrsee lag, dort, wo ein feiner Dunst über dem Wald stand.

Fabian brachte die Hochebene des Siehdichfür hinter sich, dann stieg er hinab zum Erlenmoos, wo der Schiltebach in starker Quelle entsprang. Er mußte gleich dienen, der lose, kindliche Geselle, er mußte den kreisrunden Brandweiher der 188 Erlenmooser füllen, zu dem man das Bett des Baches durch Ausstechen erweitert hatte. Dann konnte er, wieder der Stellfalle entronnen, nicht weiterhüpfen; denn da hielt ihn das Mühlrad und das Umformungshaus auf. Endlich war er eine große Strecke weit frei bis zur Mühle des Michelshofes und zu dessen Kraftanlage.

Im Erlenmooshof kehrte Fabian nicht gern an, aber man hätte es ihm übel genommen, wenn er vorübergewandert wäre. So ging er eben hinein. Ein halbwüchsiger, schöner Bursche kam ihm entgegen, blond, mit glattem, rundem Gesicht und einem leeren Lächeln auf dem blühenden Mund. Es war wohl sein Vetter Hans, das jüngste der vielen Erlenmooskinder, zu Beginn des Krieges geboren, der sich nicht über den Verstand eines achtjährigen Kindes hinaus entwickelt hatte, dabei groß und stämmig war und von üppiger Gesundheit strotzte. Hans bekümmerte sich nicht weiter um Fabian, sondern begab sich in den Schopf unter der Einfahrt, die wie bei allen an Halden stehenden Schwarzwaldhäusern durch ihre brückenartige Verbindung von Straße und Haus die unmittelbare Einfahrt der beladenen Heu- und Erntewagen auf den Schober, die Bühne erlaubte. Unter der Einfahrt bot sich Platz für Pflug und Wagen. Dorthin ging Hans mit leicht schlotternden Schritten und zog den Pflug hervor. Fabian sah ihm zu. Da kam auch der Erlenmooser selbst aus dem Stall mit zwei Ochsen.

»Aha, die wollen Schollen stürzen, da brauche ich mich nicht lange aufzuhalten«, dachte Fabian.

Der Erlenmooser, klein, sehnig, etwas krumm gezogen vom Schaffen, nickte Fabian gelassen zu.

»So, so«, sagte er, reichte ihm flüchtig die Hand, brachte dann sein Geschäft zu Ende, indem er den Ochsen das Joch auflegte und sie an den Pflug spannte.

»Fahr indes auf den Bergen, an die Sommergerst, ich komm nachher«, befahl der Bauer seinem schwachsinnigen Buben. Der ging an die Stirn des Gefährtes, riß die Ochsen aus ihrem Mittagstraum und fuhr los wie der Teufel. »Schade«, sagte Fabian und deutete mit dem Kinn dem Gespann nach.

»Er ist sonst recht«, entgegnete der Erlenmooser, »anstellig, 189 fleißig, er ist stark wie ein Stück Vieh, wie ein Stier, und er lebt niemand zuleid. Wenn er nur so bleibt.«

»Dann habt ihr eine gute Hilfe, Götti!«

»Wohl.«

»Und was machen die andern?«

»Die andern?« gab er Antwort, »weiß nicht viel von denen, sind halt städtisch geworden. Hm . . .! Der Professor hat Frau und zwei Kinder in Karlsruhe, der Lehrer ist kürzlich Vater von einem Buben geworden. Die Ochsenwirtin von Sonnenkirch hat geschrieben, sie baueten jetzt gasthofmäßig wegen der Kurgäst, und die Marie, selbige wo den Doktor zum Mann hat, will demnächst mit dem Kind ein bissel heraufkommen. Wer fehlt jetzt noch? Das Liesele will für seinen Holden das Kochen lernen und steckt bei einer Base von Blessings, das Gretle lernt auf die Lehrerinnenprüfung in Freiburg. Das wär's.«

Der Bauer lachte trocken auf, leicht verlegen über seinen Kindersegen.

»Hat keines auf dem Hof bleiben mögen?«

»O jemer, es hat jedem geeilt, so bald als möglich in die Stadt zu kommen. Der Geist ist heute ein anderer. Sie wollen es besser haben als die Alten. Der Hans wird bleiben. Aber ich lebe doch nicht ewig, und der gesunde Brocken wird wohl steinalt werden. Ohne Bauer kann er aber nichts, und um ein tüchtiges Weibervolk zu heiraten, ist er zu dumm. Da müßte eine schon wegen dem schönen Hof ihn als Dreingab nehmen. Ach, aber was für eine wär das und auch was für eine Sünde, das zuzulassen«, meinte der Erlenmooser und schüttelte heftig den Kopf.

»Ich bin halt ein letzter Bauer, so oder so, wie dein Vater, der Michelshofer. Daran rüttelt keiner, ich habe das Brüten aufgegeben. Unser Herrgott will es, punktum . . . Tyras!« rief er darauf laut über den Hof, und gleich kam ein riesiger Bernhardiner aus dem Stall gesprungen.

»Jo, so muß ich halt auf den Brogen. Ein andermal wieder. Dank auch fürs Ankehren. Gruß an den Vater.« Und mit gelassenen Schritten ging der Erlenmooser seinem Sohne nach.

Fabian aber machte sich auf den Weg zum Michelshof. Er mußte an der Weide des Erlenmooshofes vorbei und zählte 190 fünfundzwanzig Milchkühe, dazu kamen die Kälber, die Ochsen, die Stiere, Schafe und Geißen.

»Hütest du?« fragte Fabian den etwa zwölfjährigen Hirten.

»Wohl, aber nimmer lang.«

»Ja, es wird bald Winter.«

»Nit wege sellem.«

»Warum denn, bist amend reich geworden?«

»Au nit; aber«, er knallte erst mit der Geißel, ehe er herausplatzte, »wir gehn nach Amerika.«

»Oha.«

»Der Vater sagt, es sei kein Platz mehr daheim für alle.«

»Sagt er?«

»Und schlimmer als Hunger leiden und Steine klopfen kann es drüben auch nit sein.«

»Meint er?«

»Wir kriegen eine Farm und Urwald.«

»Gehen noch andere aus dem Schiltebach mit?«

»Bald aus jedem Dorf wandern Leute aus. Es ist halt kein Platz mehr für alle, auch in der Stadt wäre keiner mehr, sagen sie.«

»Du bist ja ein gescheiter Bub, Karl, es ist schade, daß du übers Große Wasser mußt.«

»Schad? Ich war immer der erste in der Schul, und sonige können es zu was bringen im Ausland.«

»Wer sagt dir denn das alles?«

»Ach, einer aus der Schraubenfabrik in Furtwangen, der geht auch.«

»Hm, ja, dann wünsch ich euch allen viel Glück, Karl Kirner. Du wirst dann wohl einmal als Charles Kearner heimkehren.«

Er gab dem schmächtigen Burschen die Hand. Dessen Augen wurden weit und feucht.

»Man sollte halt alles mitnehmen können, unsere Berge und das Vieh, alles halt.«

»Regt sich schon Heimweh in dir, begehrlicher, mutiger Wälderbub?« dachte Fabian, wandte sich ab und ging weiter. Im Rücken erklang noch lange das schmetternde Lied des Hirten: »Das schönste Land in Deutschlands Gauen, das ist mein Badnerland . . .«

Fabian mußte so viel erleben auf dieser Wanderung, als 191 wäre sie aus dem einzigen Grunde unternommen worden, das Schicksalsspiel Deutschlands in der engeren Heimat filmhaft vorbeihuschen zu sehen. Hinter dem äußeren Geschehen begriff er den tiefen Sinn, sah hindurch bis ins ewig Wandelnde, aus dem Urrätsel in die zukünftigen stürmend. Christophorus, der Mensch, der Deutsche, der keinen Platz mehr hatte daheim, trug seine Seele in die Fremde, verließ das gewohnte Ufer und trug die selige Last und Unrast an das andere neue. Man mußte nicht auswandern, um das zu tun, man mußte eben nur an das andere Ufer! Unter Schmerzen, unter Anstrengungen, unter Aufopferung der Kräfte des Begabten und Begnadeten. O ihr erlösenden Sinnbilder, ihr alten, alten Menschheitssagen, ihr seid lebendig geblieben wie das Wasser!

So wußte er jetzt, wie er seinem Vater Urban in die Seele reden kann. War er nicht einmal ein starker Bursche und mußte gegen die Gewalt des Wassers kämpfen, um zwei Kinder zu retten? Und geschah dies nicht auf eine Art, die die Leute auf dem ganzen Wald an Wunder glauben ließ? Urban – heiliger Stoffel. Er, Fabian, wußte auch von der geistigen und leiblichen Kraft eines Großvaters, der Christöffel hieß.

Eine Schar junger Menschen zog an dem erleuchteten Manne Fabian vorüber. Sie trugen goldbraune Kittel und schwere Rucksäcke, waren starke Kerle mit federnden Knien und merkwürdig reinen Gesichtern, Studenten, wohl einem Bund zugehörig.

»Ihr könntet den Frühling bedeuten, müßt es, ihr! Wandert nicht zuviel, gebt nicht zuviel auf die neu erweckten germanischen Bräuche von Feuer und Reigen. Es muß ohne jene spielerische Freude gehen, die eure Schwestern goldene Schnüre ins Haar flechten läßt. Ihr seid noch befangen, ihr schaut zuviel zurück, aber ihr habt jene Kraft der Reinheit, welche die Erneuerung bereitet, wenn ihr nicht schwärmt, sondern handelt.«

Die jungen Männer grüßten frei und waren rasch vorüber.

Ein schmaler, langer Postkraftwagen tutete auf der Buchenbronner Straße heran und war wenige Augenblicke darnach schon vorbei. Die Hochstraße indessen dröhnte unter einer Kette von sieben Langholzfuhrwerken. Das Pferdegeschirr klirrte. Die Fuhrmänner schrien und knallten mit den Peitschen. Die Stämme schlugen donnernd aneinander. Rote Lappen hingen 192 am Ende jeden Wagens vom längsten Stamm herab. Die Sonne durchleuchtete die Tücher, daß sie aufglühten wie Flammen. Die Knechte trieben dauernd an. Schnell mußte alles gehen, selbst der gemächliche Schritt vierspännig vereinter Pferde mußte sich dem neuen Zeitmaß anpassen.

»Oha, öhla, he, hallooh – brrr – Kreuzmillionendonnerwetter!«

Das war erfrischend. »So, Vogtesimmer, du bist das? Alter Schulkamerad, da, rauch dir eine. Lauft das Geschäft?«

»Ohlala! Wart, ich will dir, Saukerle da vorne, Tannzapfen fressen! Ja, was ich sagen wollte, Götzenfabian, aus dem Muhrsee wird nichts. Wir sind auch noch da. Es kostet meinen Hof, bedenk das, ich gebe nie und nimmer nach, und wenn ich bis vor den Hindenburg muß um mein Recht. Kannst es deinen Stadtherren sagen. Nichts für ungut. Ade!«

»Ade Simmer!«

Den Vogtesimmer kannte Fabian allerdings genau. Er nahm das Maul gern übervoll. Dabei wußte man, daß er vor kurzem den ganzen Seebachwald aufgekauft hatte und vom Holzhandel leben wollte. Aber er war schlau, herausschinden mußte er aus dem Vogtesimmershof, was möglich war. Die Werkgesellschaft bot schon, es waren bereits zwei Bauern umgefallen. Vater Urban wußte das wohl noch nicht, denn bislang taten sie noch so, als hielten sie zu ihrem Besitz.

Fabian warf die rechte Hand verächtlich durch die Luft.

Solche Bauern wie sein Vater, kernfest, gab es noch auf dem Wald, aber zuöberst in der Einöde, viele nimmer, viele nimmer. Der Erlenmooser hatte es im Innern auch noch stecken, das Kernbauerntum, aber er hatte nicht mehr viel Mark in den Knochen, und seine Bäuerin Magdalen war allzufrüh dahingegangen.

Fabian hatte den Vater nie auf die Kirche schelten hören, er gab Gott, was Gottes ist. Viele andere Bauern schimpften und gingen Sonntags doch hin, weil man nachher Grund hatte, neben die Kirche zu gehen. Es kriselte mit Recht und Unrecht unter dem Bauernvolk. Es ging zu wenig ein und mußte zu viel wieder aus den Händen. Die schleichende Enteignung wurde von den Bauern gespürt wie Wetter und Jahreszeiten, und sie verloren ihre bodentreue Sicherheit, redeten sich etwas ein, was 193 sie von den hundert Schlagwörtern der Parteiredner behalten hatten, nur halb verstanden und auf falschem Wege ausgedeutet.

Äußere Sturmzeichen. Es bröckelte ab. Alles Alte bereitete dem Neuen Boden.

»Gott, Fabian«, sagte er zu sich selber, »hast du aber Reden gehalten auf diesem Marsch!« Siehe, jetzt kam das schöne Schiltebachtal. Der hohe Rücken des Windkapfes stand unter der Sonne. Über ein kleines, und der Grat des Michelshofdaches tauchte auf hinter der Bodenwelle. Keine Rauchfahne? Keine. Ganz klein schienen die Kühe auf der Götzenweide am Waldrand an der Hochstraße. Ihre schön abgestimmten Glocken tönten klar herüber vor der dunklen Wand des Tanns.

Ein Kraftwagen fuhr auf der Buchenbronner Straße an ihm vorüber. Staubte stark. Ein Zuruf traf ihn. Ah, holla, das sind die Herren vom Muhrseewerk, die nach Buchenbronn fahren! Sie brachten wohl den umgefallenen Bauern, deren Höfe und Matten im aufgestauten See versinken sollten, Verträge und Geld. Gut, wenn alles rasch geschah, was doch sein mußte.

 

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