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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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21
Fabians Tagfahrt in die Heimat

Als der Brief mit der ungelenk gemalten Schrift des Vaters in Fabians Hände kam, sagte er zu seiner Frau: »Nun gut, es kommt mir wie gerufen, daß ich auf den Wald soll. Schon längst wollte ich gern einmal wieder den Weg von Freiburg ins Schiltebachtal unter die Füße nehmen. Also Fricka, wir gehen per pedes

»Wir?« fragte die Weißblonde entsetzt, »mich laß aus dem Spiel, Mann.« Fabian lachte hellauf: »Ich habe unter ›wir‹ nur meine Beine und mich gemeint.«

Es fiel selbst Fabian schwer, sich seine feingliedrige, mit sorgsamer Vornehmheit gekleidete Frau auf Landstraßen und Feldwegen wandernd vorzustellen. Sie tanzte und spielte Tennis. Das war ihr Sport in freien Stunden, sonst gab es für sie noch ihre Buben und einige junge Frauen, die zu ihren Freundinnen zählten.

Fabians Verliebtheit schwirrte dann und wann um sie in kurzen und bunten Stunden. Sonst lebten sie in fröhlicher Kühle miteinander, keines störte des andern Kreise. Sie führten einen auf sachliche Neuzeitlichkeit gestellten Haushalt, der hell, geschmackvoll und leicht zu versorgen war. Behagen und Wärme herrschten nur darin, weil er gepflegt aussah und vor allem das kindliche Wesen der beiden Knaben darin aufblühte.

Manchmal, wenn Fabian zwischen Tag und Dunkel in seinem großen Arbeitszimmer saß, überfiel ihn ein ziehendes, drängendes Gefühl: Sehnsucht. Wonach und wohinaus, das bedachte er kaum. Er trat dann ans Fenster, sah an den Bergwald 174 hinüber längs der Dreisam, sah den Tag hinter den Hirzberg und die Wälder und die Sternschanze sinken, vom letzten Schein berührt. Aus dem Roßkopfwald kroch in schwerer Bläue die Nacht. Über diesem Grat stieg zu seinen Zeiten der Mond herauf am lichtzitternden Osthimmel. Fabians Herz kam in solchen Stunden zu seinem Recht. Es hatte keinen Wert, sich selber zu verschweigen, daß es noch da war mit seinem Fühlen und seiner Lust, das heißt, mit dem Verlangen nach diesen Schwingungen, für die es keine Kurvenberechnungen und Stärkemaße gab, kein ausgeklügeltes System ihres Anlaufs und Aufbruches, auch nicht Anfang, Mitte und Ende. Vor einigen Jahren noch hatte Fabian hart gekämpft gegen jede Weichheit des Gemütes. Das Gehirn herrsche! Und es herrschte! Der Erfolg mußte kommen, sein Erfolg. Und er kam! Was er entschlossen und nach allen Richtungen hin scharf durchdacht begehrte, das erreichte er. Seit Jahren gab es für ihn keine Freunde mehr, gute Bekannte genug, aber keine Freunde; er brauchte sie ja auch nicht. Hier, da die Pläne auf dem riesigen Zeichentisch, die kleinen aus Gips geformten Darstellungen seiner Ingenieurbauten, sie waren seine Freunde, und ihnen galten die Mitteilungen seiner Kraft. Überlegene Größe bekam er unter ihnen, als Spielzeug des Riesen waren sie ihm beinahe zärtlich gehegte Dinge. Und bei ihnen, in der Stille des großen Raumes, träumte Fabian. Kalte Träume, unsinnliche! Da stieg und weitete sich das Gipsmodellchen vor ihm, wuchs rasend, Maschinen, Turbinen rollten hinein an die errechneten Plätze, die Landschaft empfing das Bauwerk von rastlos rechnendem, erfindendem Hirn erdacht, die Wasser donnerten ins gesperrte Tal, füllten das riesige Becken, Maschinen, Turbinen brüllten auf, orgelten, sangen, surrten und kreischten. Der glühende Strom wurde erzeugt, pausenlos durch Kabel zuckend, da wurden ihm Aufgaben gestellt, zahllose, wunderbare, immer größer und immer neuersonnene, und – der Mensch beherrschte alles.

Welche Träume! Fabian erwachte, und ihn fror. Ihn fror jedesmal danach, trotzdem lächelte er, während er die vom langen Stehen steif gewordenen Beine schlenkerte, um wieder lebendig zu werden. Es war dann dunkel im Raum, und er mußte sich zum Lichtschalter tasten. Gierig sprang die starke 175 Lichtquelle sofort auf, fraß die Schatten im hintersten Winkel weg, warf Helle, heller noch als der Tag, an die Wände, deren mattgelb gestrichener Kalk sie nicht im geringsten aufsog. Die Zirkel, die metallenen Meßgeräte, die kleinen Maschinchen, Dynamos, die Versuchsröhren, die Kupferdrahtrollen, alles glänzte und gleißte. Das weiße Papier, in Riesenbogen auf den Tisch gestiftet, blendete ordentlich. Man mußte sich wundern, wie Fabian mit ungeschützten Augen das aushielt.

Also gut! Morgen in aller Herrgottsfrühe machte er sich auf die Beine, marsch auf den Wald, durch die Wälder, heim zum Alten! Er braucht dich. Er hat – hat Angst vor dem Muhrseewerk, versteht nichts, hat den großen Sinn noch nicht begriffen. Das allein drückt ihn . . .

Redete sich Fabian ruhig, sich selber beschwichtigend? Da hockte und lauerte immer noch ein Gefühl in ihm, ach was, ein Gefühlchen, Hemmungen, böses Gewissen oder wie man es sonst nennen mag. Er diente einer gewaltigen Idee, einem großen Aufbruch der Zeit. Was galt da ein Acker, hundert Äcker, Matten, Wiesen, Wald! Was galt das Gut, das versinken mußte, um weit größere Werte zu schaffen? Rührseligkeit schuf Hemmungen, nur sie. Für die Alten freilich gab es tragische Eingriffe. Jedoch hat nicht jede Umwandlung tragische Hintergründe? Einzelne trifft sie, die Gesamtheit erlöst sie!

Eine Klingel rasselte leise. Ach so, schreckt Fabian auf, das ruft zum Essen. Er zog gewohnheitsmäßig die Uhr. Sieben erst. Sie will wohl ins Theater, dieses Frauchen, dieses vergnügungslustige? Ach, soll sie. Neben mir ist auch gewiß nicht lustig leben. Er war jetzt so gut aufgelegt, weichmütig beinahe. Der Raum fiel ins Dunkel. Nur aus der Ecke, wo auf kleinem Tisch die mit Radium beleuchtete Uhr stand, kam ein neblig fahler Schimmer. Fabian schloß die Tür auf geheimnisvolle Art, die nur er kannte. Lächelnd betrat er das Eßzimmer. Was war denn los? Da stand eine sonderbare Beleuchtung mitten auf dem Tisch, zwei Torten mit je vier Wachskerzchen, und dahinter saßen im beweglichen Lichterspiel die zwei hellen runden Gesichter seiner Zwillingsbuben, Klaus und Kurt Götz, mit großen Augen und verlegen lächelndem Mund. Und da war Fricka Lenz, die Weißblonde zwischen den Kerlchen, hatte die 176 schmalen, ringfunkelnden Hände auf den runden Schultern der Buben und schaute heiter zu ihm herüber, dem vergeßlichen Vater, der den Geburtstag der Kinder unerwartet vor sich aufgebaut sah in den zarten Kerzen vor den ernsthaften Gesichtern der Zwillinge. Fabian küßte erst Fricka, dann die Buben, die sofort ein lautes Geplauder begannen und unruhig auf ihren hohen Stühlen hopsten mit glitzernden, aufgeregten Augen und fahrigen Händen.

»Mach richtig Licht jetzt!« bat Fabian, den die romantische Beleuchtung bereits störte, trotz aller Freude an der vergnügten Familie.

»Hast recht, Vater, sonst finden am Ende die Buben den Schnabel nicht, und auch mein neues Kleid kommt nicht zur Geltung.« Sie lachte hell und vogelleicht auf, die kleinen Kerle lachten mit. Fabian sah das blaue Seidenkleid der Frau. Ihm schoß das Blut ans Herz. »Fricka Lenz«, jauchzte er, sprang übermütig auf und küßte sie. Und die beiden Buben riefen Mama, Mutterle, Vaterle und hatten ihren Spaß an den fröhlichen Eltern.

Was war das für ein feines Schmausen nachher und dann für ein lustiges Tollen die beiden nächsten Stunden. Da lag der sonst so steife Vater auf dem Teppich, Klaus und Kurt purzelten wie zwei Kobolde über ihn. Vater, der schlanke, nicht eben große, aber zähe und gelenkige Wälder, mußte sich kräftig wehren gegen den Unband seiner Sprößlinge. Fricka erschien auf einmal im blauen Schlafanzug, um richtig mitmachen zu können, wie sie meinte. Fabian nannte sie Fritz, und die Buben nahmen sich heraus, den Kameraden, der die Mutter plötzlich war, auch so zu nennen.

Unglaublich, zu spüren, wie jung man noch war. Fabian und Fricka trafen sich oft mit den Blicken, verwundert und fremd zugleich. Welch ein Fest, welch ein Taumel des Glücks, welch ein Sturm der Gefühle und welch eine Nacht!

*

Am kommenden Morgen zog Fabian leicht und frei von dannen. An nichts sollte gedacht werden als an die Erholung in frischer Luft, an das Gesundbad des Körpers nach dem 177 der Seele in voriger Nacht. Die tollen Buben mit den korngoldenen Schöpfen schliefen noch mit roten Backen, als Fabian schon gerüstet stand zur Wanderung. Auch Fricka Lenz, immer nannte er ihren Mädchennamen, auch Fricka brachte nur mit Mühe die Augen auf, ihm Lebewohl zu sagen. Es schlug sieben Uhr vom Münster, als Fabian bereits auf der Schwarzwaldstraße hinter der Stadt wanderte. Ein reiner Septembermorgen stand über den Wäldern. Unaufhörlicher Anstieg, von kurzem Niedergleiten in die flache Tiefe der Bodenwelle unterbrochen, ging durch eine Kette von Wäldern. Nicht nur Tannenwälder, am Anfang der Wanderung wölbten sich die breiten Kronen hochstämmiger und locker gesetzter Buchen über den Wegen. Die Morgensonne lag in großen unregelmäßigen Blacken auf der Erde. Das Grün sah hell aus wie im Lenz, stand aber doch kurz vor dem Gilben. Der Sommer hatte sich gut angelassen. Ewig blauer Himmel beinahe, windstille, von starkem Blumenduft und Erdhauch erfüllte Nächte reihten sich in großer Zahl aneinander. Ihre trockene Hitze gab den Menschen ein, paradiesisch zu leben, in Wasser, in Luft, befreit von Kleidern und andern Hemmnissen. Eine schäferliche Lust umfing sie; an den Rändern der Gewässer wimmelte es von Menschen. Sie lachten und sprangen, als ob sie fröhliche Tiere geworden wären, und an waldbeschatteten Rainen ruhten sie und atmeten die Lungen gesund. Rothäute und Braunhäute liefen in Scharen herum. Fricka und die Buben hatten diesen Sommer auch lustig mitgemacht und fast Kummer gelitten, daß ihre weiße Haut sich kaum färbte, sosehr sie die Sonne aufsuchten und sich salbten.

Fabian indessen war mehr ein Wintermensch. Er liebte es, über das Gebirge mit den Schneeschuhen zu wandern mit langem Schritt, einsam über den Talnebeln, groß und feierlich auf der Kuppe im ersten und letzten Sonnenstrahl, nordisch umhaucht von Eis und Schnee, von jungfräulichem Schnee, in den man die ersten Schispuren zog. Über sich einen fremdartigen Himmel, einen Himmel, der in kaltem Graublau förmlich klirrte und weit war, seine Unendlichkeit bewies durch seine nirgends begrenzte Gebärde. Freilich, Fabian kam selten dazu, diese ewige Schönheit auszukosten, er wurde von seinem Beruf im Zimmer festgehalten, und er trug dieses Fernsein von der Landschaft eigentlich leicht, das heißt, ihm war es nicht bewußt; 178 denn der Beruf besaß ihn völlig durch die Leidenschaft der Berufung.

Es ist gut, dachte Fabian, daß ich eine so kühle und selbständige Frau habe. In den Erfinderromanen, die er früher las, stand soundso oft das Leiden der seelisch reizbaren und in Nöten der Einsamkeit kränkelnden Gattin des besessenen Helden, der seinen Plänen und nur ihnen lebte, daß Fabian glaubte, er sei wohl auch so einer, der Familie und Weib vergaß für Stunden und Tage über dem Feuer der neuen Pläne und dem dies neben einer schwächeren Gefährtin zum Unglück hätte ausschlagen können. Gottlob, sie führten eine klare Ehe. Fricka war nicht die Frau, die ihre Tage durch ewiges Warten auf den Gemahl nutzlos entnervte. Sie gestaltete ihr Leben sauber und sicher, wie es das Wesen ihrer norddeutschen Eigenheit forderte.

Karin Lund, Herrgott, was war wohl aus der geworden? Karin Lund hätte ihm mehr zu schaffen gemacht mit ihrer launischen Ichsucht. Sonderbar, wenn man den Gedanken eine Tür in die Vergangenheit aufmachte, auch nur einen Spalt, so schwirrten sie sofort in alle Räume.

Da stieg die Kindheit herauf; Martin Götz, der bis zu seinem Tod in Frankreich als sein Vater gegolten hatte, stand da und erklärte ihm die silberne Erbflinte. Flur, die stille Mutter, schwebte vorüber, allein, fremd, auch dem Sohn. Wenn sie lächelte, so wärmte dies nicht, es war leer und erloschen, ein kleiner Krampf, mehr nicht. Lebte die Mutter überhaupt noch nach, wenn sie eines Tages tot war? Würde sie jemand vermissen? Der Vater etwa? Ach, schon! Der benahm sich gar nicht wie ein Bauer vor ihr, eher wie ein scheu Liebender. Sonderbar, daß ihm das jetzt erst so recht ins Bewußtsein kam, diese seltsame Ehe der Eltern. Hatte er sich überhaupt jemals tiefer um diese Menschen gekümmert? Fabian fragte sich selber aus. Er war nun einmal daran, Entdeckungen zu machen in diesem angeborenen Erbreich. Aber siehe, er wußte nur wenige Wege in die Vergangenheit zurück. Nur ein paar starke, hervorstechende Punkte ergaben sich, etwa, daß er sich brennend danach sehnte, kriegsfreiwillig ins Feld zu gehen als Vierzehnjähriger, oder die Empfindungen, als man den Tod Martins erfuhr oder den Auftritt am Rande des Hochwaldes in jener 179 Mondnacht, als er des Lehrers Gmelin Gespräch mit Urban belauschte und erfuhr, wer sein eigentlicher Vater sei. Und dann? Die Schulzeit in Freiburg. Brrr, weg damit. Aber Karin Lund, diese Karin – was mochte aus ihr geworden sein? Filmstern vielleicht. Und dann Fricka Lenz, die Buben, die brausende Gegenwart mit ihrer weißglühenden Forderung: weiter, weiter, weiter – schneller, höher, tiefer, grenzenlos alles, groß gesteigert, fieberhaft erschafft. Welträtsel werden gelöst, durch kühn ausrechnende Phantasie der unheimlichen Macht der kalten Zahl ausgeliefert. Was muß am Ende dieser Steigerung geschehen? Wirrwarr, Zertrümmerung aller von Menschen gebändigten Kräfte, Selbstbefreiung der Elemente. Wehe uns! Wehe!

Fabian streckte in plötzlicher Atemhemmung die Arme in die Luft. Angst? Entsetzen der Ahnung? Verwirrt blieb er stehen, sog mühsam Luft ein, ließ müde die Arme sinken. War er zu rasch gestiegen, sicher; aber alles schien belastet auf einmal, die Füße, die Knie, die Achseln. Druck auf der Brust. Pochen im Blut. Schwere. Schwermut etwa? Er rastete. Sah sich um, wuchs im Schauen. Diese Ruhe der Landschaft entlastete ihn. Er spürte keine Schwere mehr. Er wanderte weiter. Seine Augen tranken die Landschaft, träumten sich ein in die Wälder, Wiesen, verschwiegen flüsternde Gewässer. Sah eine einsame, etliche Meter vor dem Waldrand stehende Fichte groß an. Das war ein Baum! Wie ihm dieser Begriff plötzlich unbegreiflich schien und doch so tief verstanden. Das war ein Baum, und was für einer! Schwarzer Wald, schöner, herrlicher, dunkler Wald. Jetzt kam er in eine dämmerige Straße, Wald hochstämmig hüben und drüben. Der granitene Weg lag glatt, silbern da, man spürte seine hart federnde Dauerhaftigkeit. War das die alte Heerstraße vom Rhein über den Wald? Am Rande hinter dem Graben wedelten im scharfen Luftzug die Farne. Die Himbeerhürste hatten vereinzelt rote Blätter und, sieh da, Stechpalmen mit noch unreifen Beeren. Diese Wegränder sahen so bunt aus vor dem geheimnisvollen Dunkelgrün des Nadelholzes. Hier ein Streifen Weißtannen, wie edel dieser silberstämmige Reigen! Buchen und Birken tänzelten in eine Lichtung, ganz goldgelb hingen die Birkenblätter schon leise fächelnd an den Zweigen, wie strahlend, leuchtend! Warum 180 klingelten sie nicht? Nun endete der Wald, und in wogender Mannigfalt breitete sich die Landschaft hin, Buckel, Mulden, Hänge.

Oh, da ist ja der alte Steigmathisenhof abgebrannt, der alte, uralte große Hof, der am sonnigen Hang saß im Sommer wie eine graue, schnurrende Riesenkatze und im Winter tief eingeschneit aussah wie ein Altfrauenkopf eingemummelt in die weiche, dicke Wollbetthaube, und jetzt ist nichts mehr da als ein Rest zackiger Mauern, geschwärzt und traurig verlassen. Hm, ja, schon liegen da an der Straße Zementsäcke und Ziegelsteine. Was gilt's? Im Frühjahr ersteht hier ein Prachtbau, ganz aus Stein mit Eternitbedachung sogar. Fahr wohl, Strohhaube, ade Schindelspalterei; weg mit euch, ihr Schieberchen in der langen Fensterreihe um das Eck der großen Stube! Nun, man wird städtisch aufrichten und bauen, praktischer. Schade um den alten Hof, dachte Fabian. Zementsäcke und Ziegelsteine, die rostigen Röhren einer Dampfheizungsanlage ernüchterten ihn, streiften den Traum der Heimat von ihm ab, wie er als Knabe junge Blätter von den Weidenruten gestreift hatte mit kräftigem Griff und Zug. Es war ihm nicht recht wohl dabei, hatte er sich doch warm gefühlt am Herzen der Heimat; trotz allem, er war und blieb ein Wälder, ein scharfer Rechner und Beurteiler, ein Wißbegieriger auf das Neue in der Zeit und trotzdem fest an die Überlieferung gebunden, dem ehrliebenden Stolz auf das Erarbeitete hold. Er wollte sich das nur nicht gestehen. Wer in die Stadt abwanderte, verlor die eigenbrötlerische Haltung, auch dem Charaktervollsten blieb das nicht erspart. Das Bäuerliche schliff sich ab, das Blut floß anders, gewiß, es floß anders, die Augen sahen anders, die Beine schritten anders aus. Alle bisherigen Werte verschoben sich. Die Stadt machte Allerweltstypen aus dem Einmaligen. Sie formte an ihm, drückte und bog täglich, stündlich an ihm, bis es dem Üblichen angeglichen war. Da wehrte einer sich umsonst dagegen; denn er merkte die Umwandlung aus dem Landmenschen in den Städter gewöhnlich erst nach dem Überfall der neuen Geschehnisse.

Jedoch jede, wenn auch nur zufällige und kurze Rückkehr auf den Wald, ins Dorf, wo noch der Vater saß, Brüder und Freunde wohnten, jede brach durch die Schicht des neugeformten 181 Städters ein Loch – gleich dem, das man in den Brandweiher bricht durchs starre Eis –, und in diesem bewegte sich ein wenig schmerzhaft die ewig lebendige Heimat. Das Wasser unter dem Eis im Winter war nur gefangen, nicht tot. Die Heimat unter dem Daseinszwang in der Masse Stadt war nur verdrängt, nicht verloren.

So mochte das sein. Fabian, dachtest du nicht zuviel an dem Warum herum, so viel, daß es fast schien, als geschehe es aus – wollen wir nicht sagen? – Zeitfurcht, und als würden alle die Worte und Sätze ausgesonnen, um zu verteidigen, was die gewisse Besessenheit des Berufes der Heimat antun will und muß.

Eine Gilde tat sich zusammen und schrieb, eiferte gegen jene Landschaftsschänder, jene Naturzerstörer, die mit gottlosem Geist Täler mit Wasser füllten, Ströme ableiteten, Bäche ausraubten, Wasserfälle zähmten, Gebirgsseen aufstauten, die Wälder verwundeten durch Rohrleitungen, die Tal- und Hügellinien zerstörten durch Masten und Drähte, die Heimlichkeit des Bauernlandes aufschlossen durch Fremdenverkehr, die Volkskunst erstickten durch Industrie, die Reinheit des Volkstums zersetzten durch Ansiedlung der aus allen Windrichtungen herbeigezogenen Werkgehilfen. Diese Gilde sprach die Landschaft heilig. Man begehe schwerste Sünde, sie zu verändern, sie überhaupt nur antasten zu wollen. Ihr Eifer war herrlich, ihr Übereifer aber unerträglich, weil er rückständig handelte auf eine unfruchtbare Art.

Der Aufbruch in die Natur – Stadtmenschen, Nachkriegsmenschen strömten ihr zu – war hinreißend erschütternd und notwendig. »Aber ohne Romantik bitte, ohne Postkutschengefühlchen!« Fabian sprach laut vor sich hin, bewegte die Hände, wurde heiß. Aufbruch in die Natur mit Leib und Seele, nicht nur Sonntags zum Wochenend. Pfui Kuckuck! Ja, mit dem dauerwelligen Bubikopf und der Girlhüfte, dem weithosigen Boxergeist, dem Saxhorngemüt, pfui Kuckuck! Aber er kam vom Pfade ab. Das Muhrseewerk – um das schlug doch die ganze Zeit sein bohrend Denken. Das Muhrseewerk ein Eingriff in die Schönheit der Landschaft? Jene Gilde ersann viele Wege, das Werk zu verhindern, hatte wohl auch die Bauern hinter sich, deren Gut enteignet werden sollte. Mußte es nicht doch 182 gebaut werden, dieses Schöpfungswerk des Menschengeistes von Größe und Gewalt? Fabian ward wieder von seiner Besessenheit ergriffen, so daß er kaum mehr sachlich folgerte. Er sah den riesigen, das weite Tal ausfüllenden See, dieses Becken ungeheuer gesammelter Naturkraft, die Bändigung des Elements. Er rannte den Berg hinauf, so, als könne er von seiner Höhe in das Staubecken schauen, aber es war noch lange nicht der richtige Berg, noch lange nicht, nur einer von den vielen, die er noch erklimmen mußte, um ins Muhrseegebiet zu kommen.

Zu seinen Füßen wogte wieder das Land, rhythmisch gegliedert in Wald und Matte, Gupf und Senke. Am Himmel wehten graue Schleier vor das dunkle Blau der Berge, deren Linien und Flächen neben- und übereinander hinzogen, sich überschnitten und aneinander vorbeiwallten wie eine dicht hintreibende Herde dunkler Schafe. Davor herabfließend das tiefe, feuchte Grün der erst kürzlich abgeöhmdeten Wiesen, aus denen bald die Herbstzeitlosen steilen mußten. Von sonnenbeschienenen Hecken her roch es würzig nach wilden Früchten, nach Hagebutten und Tollkirschen, nach Vogelbeeren und Holder. Spinnenhudeln, Gemächte von stattlicher Größe und Feinheit, hingen zwischen blattlosem Gehölz, aus dem Mückenschwärme stiegen, tanzende Ballen lebenstoller Insekten. Es gab auch noch Hummeln und Hornissen, aber ihr Flug war bereits taumelnd vor Sommermüdigkeit und Nachtfrost, der in den kurzen Sonnenstunden des Oktober nicht ganz aus den Gliedern schmolz.

Manchmal verließ Fabian die bequeme Landstraße, um Siedlungen und Dörfern aus dem Wege zu gehen. Er wollte ungestört im Bann seiner Pläne sein. Auf schmalen Pfaden schritt er rüstig aus. Eichhörnchen blieben hocken und sahen ihm erstaunt entgegen. Der Boden war weich von Tannennadeln und federndem moorigen Grund, so daß Fabians Schritte kaum hörbar waren. Ein milder Wind blies ihm ins Gesicht, trug seine Witterung nicht den Tieren zu, denen er entgegenging. Auerhühner erschreckten ihn, die seitwärts in die verwilderten Birken- und Buchengruppen einfielen. Er sah trotz allen Fernseins von der Natur das Gewöll von Eulen und Raubvögeln, nach der Mahlzeit ausgespien, zu Füßen einer Esche liegen. 183 Eine tote Ringelnatter mußte er übersteigen, ihr Hals war gequollen, vielleicht war sie an einer zu großen Beute erstickt.

Zweimal rastete der Wanderer vor Bauernhöfen, ließ sich Milch und Brot geben, sprach das Übliche in der Schwarzwälder Mundart mit den dunklen, breiten Vokalen a und o, den harten gestoßenen und gezischten Leiselauten, die an Tierstimmen erinnern, und dem tiefgerollten r. Er sprach die Mundart des Schiltebachtales. Sie hatte von dem nahen Württemberg mehr schwäbischen Tonfall übernommen, während man in dem Gebiet, das er jetzt noch unter den Füßen hatte, das rauhere, dickflüssigere Alemannisch sprach. So wurde er meistens gefragt: »Sin Ihr en Schwob?« Er verneinte lächelnd und nannte seine Heimat.

»En halber also«, hieß es dann wohl eigensinnig.

»Jo, Dreck!« schloß er ärgerlich seinen Besuch im Sternenhof und im Lindendöbeleshof. Merkwürdig, daß man sich im badischen Schwarzwald nachdrücklich dagegen verwahrt, für einen Schwaben gehalten zu werden. Auf dem Grenzgebiet zwischen den Ländern ist Badener dann auf seiten der Schwaben auch ein Schimpfwort. Liebe Deutsche, Herzbrüder aus einem Blut und Gemüt! Es muß halt gestritten sein! Und ein Grenzpfahl ist ein Schluß! Daran wackelt keiner, er sei Badener oder Schwabe, Bayer oder Preuße.

Am Abend erreichte Fabian mit müdem Kreuz das Städtchen Sonnenkirch, allwo er im Hause seines Oheims Blessing Unterkunft für die Nacht nahm. Zehn Stunden war er gewandert. Er hatte viel erlebt, aber er fühlte sich nicht über seinen Alltag gehoben, wie er es von dieser Wanderung erwartet hatte, die er spöttisch im Frühmorgen Rückfall in das Romantische genannt.

Im Hause Blessing herrschte ein anderer Geist als ehedem. Seit zwei Jahren war Genoveva tot, jene Bürgerin mit edelbäuerlicher Überlieferung. Seit einem Jahr besaß Michael Blessing sein zweites Weib. Die Kinder Genovevas waren alle verheiratet. Den vier Mädchen hatten sich Ehen mit höheren Beamten geboten, die vier Söhne standen als Leiter in den Fabriken, die sich zu einem Ring geschlossen hatten, den Uhren- und Papierfabriken, den Holzverwertungsanstalten, der 184 Eisenindustrie, den Spinnereien und Webereien. Alle waren rastlos tätige, schmale, wendige Männer, die auf der Hochschule gewesen waren, neuzeitliche Ideen verwerteten und ihre Gewandtheit auf wirtschaftlichem Gebiet im Ausland übten, vorab in Amerika.

Blessing alterte. Sein künstliches Bein machte ihn allmählich unbeholfener, als dies früher sein dicker Bauch tat. Er zeigte sich dazu noch aufgeregt, fast zänkisch. Sicherlich machte es ihm zu schaffen, aus dem durch lange Arbeitslosigkeit eingerosteten Betrieb der Uhrenfabriken das Veraltete herauszulösen. Weder zu gemütlichen Dämmerschoppen noch zu ausgedehnten Vereins- und Freundschaftsfeiern hatte er mehr Zeit und Lust wie früher.

Die zweite Frau schien sehr lebhaft, jugendlich hergerichtet. Es hätte Michael Blessing nicht so arg eilen brauchen mit der Heirat, aber die flaue Zeit zwang ihn, das Geschäft verlangte es; denn mit Marianne Fleighans verbunden, verband sich Blessing ohne viel Techtelmechtel auch ihrer weltbekannten Uhrenfirma. Blessing, Fleighans & Co. legten den Grund für den großen Schwarzwälder Uhren-Verband. Im anderen Fall wäre es mit Blessings Werk die Matten hinabgegangen.

Fabian fand die Familie versammelt, auch die meisten der Kinder, denn Michael Blessing war sechzig Jahre alt geworden. Es ging recht geräuschvoll zu, der Fabrikant trug gegen zwölf Uhr ein sorgfältig verhobenes Räuschlein in sein Bett. Man hatte ihn mit aller Beredsamkeit davon abhalten müssen, jetzt noch mit Fabian im Kraftwagen an den Muhrsee zu fahren, um die Schönheit des Mondscheins über dem Schwarzwaldsee und der Landschaft zu genießen. So neumodisch er sich sonst gab, gegen den Angriff auf das Seegebiet wehrte sich Blessing. Dieses Stück Heimat, allerheimatlichster Heimat, wie er in der weinmütigen Aufregung immer wieder ausrief, dies gehöre dem Gemüt, der Seele des Volkes. Fabian schwieg, natürlich mußten die Älteren so denken. 185

 

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