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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17
Leutnant Gmelins Sendung – Der Kriegsfreiwillige

»Es ist kalt und düster in dem Wald«, begann der Leutnant, »kälter und düsterer war die Nacht, die Martin Götz und ich im schmalen Lehmloch zubrachten. Raketen stiegen hoch, die Hölle tanzte unterm Himmel, und der Tod spie uns an. Martin Götz sagte mir, er trage die Gewißheit in sich zu fallen. Und er habe eine gute Witterung und wisse, daß er mir vertrauen dürfe. Es wäre ihm recht, wenn ich so etwas wie ein Beichtiger sein könnte. Was ich nach seinem Tode auf dem Uhrenmichelshof erzählen wolle, stelle er mir anheim, auch wann und wie ich es tun solle. Er rede jetzt, ohne sich zu besinnen, von der Leber weg, und das Ende vom Lied werde eine Bitte sein, die ich ihm versprechen müsse zu erfüllen. –

Nun also, Michelsbauer, ich bin stets für Sturm auf das Ganze gewesen. Heimliche Hintergründe und Umwege habe ich immer gemieden, so müßt Ihr eben alles hören. Ich wollt, auch jener Springinsfeld Fabian käme zurück, er scheint ein mutiger kleiner Bursche zu sein. Er hätte die Wahrheit ertragen und die Not wohl durchgebissen. Es gibt vielleicht andere Gelegenheit.

Es ist, glaubt mir's, peinlich und notvoll, einen Menschen sich um Kopf und Hals reden zu hören, den man im ersten Augenblick des Sehens fast schon lieb gewonnen hat und den man bald verlieren soll; denn ich glaube an die Todesahnungen der echten Männer. Es gibt wenig echte, so wie Martin Götz 142 einer war. Mutig und sehnig, dabei groß im Schweigen und sicher im Handeln. Ich habe später viel noch über ihn sprechen hören; kühne Streifen führte er aus, einsame Pirsch zum Feind hinüber. Er besaß den Spürsinn und den Erbtrieb eines Tieres. Er war wie ein Wolf. Auch dieses starke, flinke Tier kennt Furcht, wie sie Martin Götz auch kannte; wir kennen sie alle. Sie ist grauenhaft natürlich.

Martin Götz sagte mir, er habe vor jedem Kampf, wenige Minuten, ehe es losging, unter Furcht gelitten. Sie habe ihn auf dem Scheitel erfaßt und sei wie ein Eisklotz in seinen Körper gesackt, daß er nur noch ein starres, krampfverbogenes Wesen gewesen sei. Nur die Augen hätten gebrannt wie glühende Kohlen und Dinge gesehen von unbeschreiblicher Grausamkeit. Begann der Angriff, schrien Befehle auf, so schmolz die Furcht rasch, und in kaltem Rausch tat er, was ihm oblag als tapferem Soldaten. Die Qual dieser Furcht gab ich ihm von mir selber auch zu.

Ich will nicht alle Abwege berichten, in die wir, ohne es zu wollen, immer wieder hineingerieten. Es ging mir doch sonderlich; in seine Beichte verflocht ich die meine. Seine war aber gewaltiger, weil sie in ärmlichen, unbiegsamen Worten hingesagt wurde, ohne Glätte und Eitelkeit, und weil es nur die Sache war, über die er berichtete, niemals sein Gefühl und sein innerstes Erleben. Mir eilte jedoch mit unbegreiflicher Lust das Herz auf die Zunge. Er aber kümmerte sich gar nicht um meine Ergüsse. Er horchte nur still zu und höflich und gab, sobald es möglich war, seinen Bericht weiter. Demnach ist Euer Zwillingsbruder ein heimlich Leidender gewesen, seit langem schon. Er hat sich als der dunkle Bruder gefühlt, der dem Hellen in der Sonne steht. Er habe diesem einmal nach dem Leben getrachtet, damals als ein schwerer Schneerutsch vom Hausdach herab Euch, Urban, hätte totschlagen können. Martin hat sich überwunden und Euch gewarnt. Aber das Gewissen brannte lang. Dann ist früher schon die Geschichte mit dem Schiltebachsteg geschehen, wo ihn sein Mißtrauen gegen Euch mit blinder Wut erfüllt hat und er nahe daran gewesen ist, Euch zu erwürgen.«

Urban stöhnte schwer und sagte: »Er hat dies alles nie gewollt, was er Euch berichtete; er hat schwere Träume gehabt immer.« 143

»Es waren Gedankensünden, Bauer. Daß das Schlimme nicht ausbrach, scheint mir nur Zufall. Martin kannte sich besser als wir alle. Diese Dinge verraten jedoch nicht, wie sehr Euch der Bruder lieb hatte. Wenn er gegen Euch wüten wollte, so tat er es eigentlich gegen sich. Er war kein einfacher Mensch, er hatte eine anspruchsvolle und rätselhafte Seele, er war ein schlichtes Gehäus, das eines der kunstreichsten Uhrwerke barg. Das könnt Ihr Euch doch vorstellen, Bauer.

Er hat mir dann weiterhin gesagt, was es mit seiner Frau Flur auf sich hat. Eine gute Frau, eine fleißige und saubere, eine hübsche und brave sei es wohl, aber eben doch bloß noch ein Schatten; sie sei da, um zu schaffen und dem Mann zu dienen, der Körper sei da, aber das andere nicht, das richtig Lebendige, sagte Martin und erzählte mir die Geschichte ihrer ersten Liebe, soweit er sie kannte. Martin hat Flur nur eine kleine Weile geglaubt gern zu haben, und das sei vielleicht über ihn gekommen, weil Urban ein Aug auf sie gehabt habe. Das hätt er nicht leiden mögen. Und Flur, die seit ihrem schlimmen Liebeshandel mit dem Zigeuner keinem Widerstand mehr Kraft und Willen bieten konnte, habe nachgegeben, obschon sie bereits Fabian trug. Sie ließ alles geschehen, sie log, ohne es zu wissen, und verriet sich auch, ohne es zu ahnen.

Martin wußte sehr bald, wessen Sohn Fabian war. Ließ sich aber nichts anmerken. Er sah auch, daß Urban streng gegen sich wurde und das Gebot hielt: ›Laß dich nicht gelüsten nach deines Bruders Weib!‹ Er wußte, daß Ihr Flur liebt, Bauer.«

Urban antwortete nicht, man hörte ihn nur schwer atmen. Eine Pause trat ein. Im Gehölz krachte es unter den Füßen eines Nachttieres. Der Mond stand nun klein und hoch am Himmel, der Wind mußte umgeschlagen sein; denn es war wärmer, der Himmel auch viel dunkler geworden, ein tiefschwarzes, klar gestirntes Gewölbe.

»Mit Flur würde niemand mehr ein Glück erleben können, vielleicht bloß das Glück, sie zu besitzen. Das könne Urban dann schon haben, wenn Flur frei sei. Aber die Frau heiß und lebig machen, das gelänge ihm nicht.

Und dann sagte er seine Bitte, Michelshofbauer: Fabian, der nicht zum Bauerngeschäft tauge und auch nicht zum Walddienst, solle studieren dürfen, er sei ein heller Kopf und ein 144 Maschinenfreund, man solle ihn vielleicht Ingenieur werden lassen.«

Urban murmelte: »Das hat noch Zeit.«

»Nein, das gerade nicht, Fabian müßte schon längst die höhere Schule besuchen. Doch kann er das Versäumte ja nachholen. Ich helfe schon raten, ich habe es auch versprochen. Das andere ist freilich wichtiger: sagt Ihr Fabian und seiner Mutter, wie die Verhältnisse stehen? Ich würde es tun. Aus dem Verschwiegenen wächst meist Schicksäligkeit, Verknüpfung von Schuld und Sühne, wenn Ihr das besser begreift, Bauer.«

»Ich weiß, unserer Sippe ist ihr Fluch nicht fremd«, entgegnete Urban stolz.

Sie schwiegen eine Weile.

Urban sagte dann: »Ich will natürlich reinen Tisch machen. Überhaupt –!«

»Überhaupt?«

»Auch mit dem Vermerk: Unabkömmlich.«

»Dämmert es Euch?«

»Wie fiel mein Bruder?«

»Er fiel nicht eigentlich. Wir wurden ein paar Tage darauf nach schweren Verlusten unseres Regiments mit anderen Kompanien zusammengezogen und behaupteten zäh einen halb zerschossenen Wald. Ein Granatsplitter fuhr ihm gegen den Leib, da saßen Handgranaten, sie sausten, tosten auf und zerrissen ihn vollends. Wir fanden ihn nicht mehr, als wir viel später, von einem gelungenen Angriff zurückkehrend, noch nach Spuren suchten. Er starb im Wald, im sterbenden. Wir gingen in Ruhestellung, müde, hungrig, aber endlich erlöst von dem dumpfen Druck der ewigen kleinen Schlappen. Es war ein guter, echter Sieg gewesen. Als ich mich einmal umwandte, sah ich, daß die Baumstummel brannten. Es war ein schönes Totenfeuer für ihn und die anderen guten Kameraden.«

»Es ist gut«, sagte Urban rauh und stand auf. Der Leutnant gleichfalls. Auf halbem Wege trafen sich ihre Hände. »Dank!« sagte Urban.

Da tauchte plötzlich ein blasses, großäugiges Gesicht neben den zusammengelegten Händen auf: das Fabians. Das Knacken der Zweige vorhin kam von keinem Tier. Fabian hatte im Wald gestanden, nahe bei den Männern, und hatte heimlich gelauscht. 145 Er streckte seine schmale, rauhe Hand aus, drückte sie zwischen die der Männer. Urban begann plötzlich zu zittern, er zog seine Hand weg und ging langsam den Weg hinab. Fabian und Gmelin folgten. Gmelin wollte in die »Krone«, um dort zu schlafen. Er wollte den beiden nicht im Wege sein.

*

Fabian und Urban saßen dann allein beisammen in der Stube. Schwiegen, fanden keinen Anfang für das, was sie sich jetzt zu sagen hatten. Sie wechselten kurze, scheue Blicke. Endlich sagte Urban: »Und du willst nit Hofbauer werden?«

»Nein, Vater!«

Der Bauer zuckte zusammen: Vater, wie sich das anhörte! Er fühlte bewußt, was das hieß, ihm wurde warm ums Herz. Oh, ihm war glückselig zumut und schwerblütig ernst zugleich. Da hätte man mit lachendem Mund blutige Tränen weinen mögen: den Bruder verlieren und den Sohn gewinnen, was war das ein streng gerechter Gott, der in einem Atemzug gab und nahm?

»Willst wahrhaftig Stadtmensch werden? Und Maschinenmensch?«

Fabian zögerte mit der Antwort: »Stadtmensch, das wohl nit, Maschinenmensch auch nit. Aber ich will gern wissen, was für ein Leben in den Maschinen steckt und was man damit alles anstellen kann. Ich will Maschinen ausdenken können und zusammenfügen. Ein Stadtmensch, das braucht man doch darum nicht zu werden.«

»Ja, man muß halt dort sein zum Studieren und hernach zum Ausführen der Pläne.«

»Aber die Stadt sonst mit ihren Mauern und vielen Leuten und engen Gassen und all den lauten und fremden Sachen, die geht mich trotzdem nichts an. Um die brauch ich mich ja nicht zu kümmern«, eiferte Fabian eigensinnig.

»Es ist alles fremd, bis man es gewohnt ist, Bub, und ich achte den Willen deines Pflegevaters selig. So wollen wir gleich uns einig werden, was geschehen muß. Morgen sagen wir alles deiner Mutter.«

»Ach«, sagte Fabian und sah erschreckt aus, »ich hab sie ganz vergessen, die arme Mutter.« 146

»Sie muß auch Frieden bekommen, wenn sie wieder gesund wird. Ich sorg für alles. Bleib du nur brav und treu!«

Er stand auf und legte Fabian die Hand schwer auf die schmale Schulter.

»Alsdann, geh jetzt ins Bett, Bursch, 's ist nachtschlafende Zeit. Aber weck die Mutter nicht.«

Fabian, der im Verschlag neben der Mutter Kammer schlief, zog die Schuhe ab und schlich im Dunkel strümpfig davon. Auch Urban ging noch einmal an Flurs Bett. Sie schlief gut. Ihr Gesicht sah eingefallen und schlaff aus. Er hatte eine Weile Gewissensbisse, ob man Flur allein lassen dürfe diese Nacht. Wie er so stand, in die Stube zurückgetreten, schlug leise der Hund an und klang ein Schritt auf.

»Herrgott, gibt's die Nacht denn keine Ruhe bei uns?« Urban ging unter die Haustür und fragte: »Wer ist's?«

Es war die Weißerslies, die Kindlesfrau: im Erlenmoos müsse es bald losgehen bei der Stallmagd, da hab sie gedacht, es könne nichts schaden, wenn sie sich neben die arme Martinsbäuerin lege, die sei dann nicht so allein für alle Fäll, und ihr sei auch geholfen, sie müsse doch nicht bei Nacht und Nebel vom Siehdichfür oben runterrennen.

Urban war eine Sorge abgenommen. Er lobte die Frau für ihren guten Gedanken; sie würde nicht in Schaden kommen, dafür stehe er ein. Es ging auf Mitternacht zu, als Urban seine Sackuhr aufzog, wie allabendlich, ehe er sich niederlegte.

*

Was war das für ein Mannskerl, der nun in Urban erwacht schien nach den ereignisreichen Tagen? Er legte breiter die mächtigen Achseln aus, er trug den Kopf freier, er machte raschere Schritte, seine Stimme tönte satter und stärker, und was er sagte, war voll Sicherheit. Er erledigte die Dinge, die nun über ihn hereinfielen, nach sauber durchdachtem Plan und vergaß nichts. Freilich sprach er mit Gabriel Gmelin noch stundenlang und ließ sich beraten.

Gmelin hatte auch eine glückliche Art gefunden, dem Bauern, der bisher als Einzelherr in seinem Reich gehaust, den Begriff Vaterland nahezubringen, den Begriff Gesamtheit des Volkstums und den der sprichwörtlichen deutschen Treue. Es hatte 147 im Kern nur daran gefehlt, daß Urban nicht gewußt hatte, wofür man in den Krieg gehe, um welchen Besitz es zu ringen gelte. Niemals hätte Gmelin ahnen können, wie wenig Bindungen solch ein Großbauer auf der Einöd, der nicht Soldat war, mit Vaterland und Volk hatte.

Der Bauer lebt nur der Scholle; auch seine Liebe, Ehe, Zeugung, seine Lust an Geld und Gut sind nichts anderes als abgewandelte Schollenfreude. Vaterland! Er denkt an Land, Ackerland, Waldland, Mattenland. Weder die Gasse noch die Masse Mensch wird ihm bewußt. Er kennt Erde, Pflanzen, Tiere und – Gott. Das, was des ersten Menschen Lebenskreis auch einschloß. Was draußen ist, wird nur stumpf geahnt und dumpf begriffen. So ist der echte Schwarzwälder, der königlich über seinen Besitz herrschende Bauer, der weitab von der Bahn wohnte, geartet gewesen, vor und während des Weltkrieges.

Diejenigen, die gedient hatten, schienen ein wenig wissender, die im Feld standen, wandelten sich tief; kraftvolle Bauern zeigten sich als zage Gesellen nicht selten, triebmäßig feig, besser furchtsam, wie man das Tier furchtsam findet. Andere, bisher grüblerische, verschlossene Schwarzwälder dagegen taten sich hervor durch Mut und Klugheit, wurden laut und gewandt, fast großhansig. Der Wälder, gewaltsam aus seinem Umkreis gerissen, wird oft wunderlich, verfällt irgendeinem Außenseitertum.

Gmelin hatte erfahren, wie schwierig gerade mit älteren Bauernkriegern umzugehen war. Er hatte sie erleben müssen. Und hatte immer wieder daran herumgesonnen, woher diese Schwierigkeiten kamen.

Urban gab ihm die Lösung des Rätsels. Er forschte ihn aus mit vorsichtigen Fragen und lehrte ihn mit besonnener Beredsamkeit. Er riet Urban jedoch nichts, als er von ihm den Weg wissen wollte, wie er am ehesten in den Krieg hinaus könne als Freiwilliger. Im Gegenteil, Gmelin meinte, Urban müsse abwarten, bis man ihn wieder einberiefe, er solle nur keine Entschlüsse übers Knie brechen. Das Schicksal walte.

»Das Schicksal waltet, ha ja, schon!« sagte der Michelshofbauer leise in sich hinein. Eben walten lassen wollte er es ja, indem er sich dem Krieg hingab. Aber das brauchte nun auch Gmelin nicht so genau zu wissen. Es handelte sich um ein 148 Gottesgericht. Martin fiel, und nun sollte es sich weisen, ob Urban, auch wenn er mit Gewalt dem Tod entgegen mußte, verschont blieb und ohne bedrücktes Gewissen über seine Acker gehen durfte, später.

Die Bauern der Gemeinde sahen schon lange scheel auf den Daheimgebliebenen, ihre Weiber verfluchten ihn leise, die Kinder und Greise achteten ihn gering. Wie ertrug man das später, wenn die Frontsoldaten glückliche Heimkehrer waren, Helden? Auch an solchen Erwägungen schärfte Urban seinen Entschluß.

Er brachte Fabian auf die höhere Schule nach Freiburg. Er setzte einen noch tüchtigen, alten Knecht ein, den klugen und strengen Friedrich Wilhelm Andris, der den Ruppertsbauernhof wegen der Mißwirtschaft der Bauersleute verließ. Was hatte doch Urban für Glück! Alles lief wie am Schnürchen. Fabian fand Aufnahme in einer Familie Blessing, Verwandten seiner Sonnenkircher Sippe. Blessing war Professor an der Schule und half Fabians Dorfschulkenntnisse erweitern und fördern. Beim Gericht stellte Urban Antrag auf Annahme des außerehelichen Sohnes; sie wurde genehmigt. Der Notar regelte die Erbfolge im Falle des möglichen Ablebens von Urban Götz.

Zuletzt tat der Bauer den ernstesten Schritt aus seinem bisherigen Dasein heraus, er meldete sich freiwillig. Man brachte die Meldung zu Papier, kalt und sachlich, ohne Verwunderung. Vorerst mußte er wieder heimkehren.

Urban war weder aufgeregt noch künstlich gelassen. Er handelte nicht wie einer, der unter gewissem Bann steht. Alles lief ernst, besonnen und natürlich ab. In Freiburg wurde gerade Messe gehalten. Der Bauer kaufte Schuhe für sich und die Knechte, Tücher für die Frauensleute im Haus, genau so umständlich, wie sonst ein Bauer kauft. Die Marktschreier tobten in ihren Buden, die meisten hielten Kriegsandenken feil, Schrapnellsplitter als Dolche und Brieföffner geschliffen, Führungsringe zu Armreifen für Soldatenbräute geformt, Geschoßhülsen, aus denen Blumenvasen und Aschenbecher entstanden waren. Das Eiserne Kreuz und die Farben Schwarz-Weiß-Rot schmückten sinnlos die einer stillfriedlichen Beschaulichkeit zugeführten Kriegsmittel. Es fehlte auch nicht an Silber- und Aluminiumschmuck, Broschen und Ringen, auf denen wiederum das Bild des Eisernen Kreuzes zu sehen war, nebst Trost und 149 Mut zusprechenden Sprüchen, wie: In Treue fest, Durch Kampf zum Sieg, Halte aus. Da waren Taschentücher, Handspiegel, Geldbeutel, Biergläser, Kaffeetassen, farbenbunte Luftballone, die über die volkstümlichen Heerführer Aufschluß gaben, indem sie ihre Köpfe ziemlich bildnisähnlich zeigten über breiten, mit Achselstücken geschmückten Heldenschultern. Hindenburg schien am meisten vertreten zu sein. Auch auf Lebkuchen und Schokoladetafeln hatte man vaterländische Zeichen eingepreßt. Die Karussells dudelten die »Wacht am Rhein« und »Deutschland, Deutschland über alles«. Durch dicke Bullaugen sah man in einer Schaubude das Rundbild einer tosenden Schlacht, Ausschnitte aus der Etappe, aus Lazaretten, Feldgottesdiensten und auch solche, in denen kühne Soldaten vor versammelter Mannschaft Ehrenzeichen angeheftet bekamen. Urban nahm von den Kriegsandenken nichts mit, sie gefielen ihm nicht; aber er betrat die Schaubude, sah lange und gründlich durch die Gläser und fragte sich doch nachher enttäuscht: »Ist das alles?«

Auch ließ er sich hinter einen roten, mit Goldtressen besetzten Plüschvorhang locken und aufnehmen. In zwanzig Minuten konnte er die sechs, noch etwas feuchten Bilder einstecken. Er hatte nur flüchtig, vor sich selber verlegen das Lichtbild beäugt und gefunden, daß er den Mann, der breit und mit steifem Gesicht vor einem Pfosten mit künstlicher Palme stand, noch nie im Leben gesehen habe. Jedoch der Anzug und die dicke, silberne Uhrkette bewiesen klar, daß er es doch war auf dem Bild, Urban Götz, der Uhrenmichelshofbauer. Er gab zwei Mark und fünfzig Pfennig für diese Angelegenheit aus.

Auf dem Rummelplatz befand sich noch eine Rutschbahn, die eifrig von Soldaten und derben, jungen Weibern benützt wurde. Kinder standen lachend und begehrlich dabei. Auf dem Berg- und Talkarussell fuhr vornehm die buntbemützte Jugend der höheren Schulen. Fabian trug eine blaue Kappe, Urban blieb eine Weile stehen und sah dem Treiben zu, vielleicht entdeckte er den Buben irgendwo, doch der mußte sicher über Büchern hocken, um den Lernstoff nachzuholen. Davon verstand ein Hofbauer also nichts.

Alle paar Schritte stieß man an kleine Tische mit einem grauen Kessel, der dampfte und würzige Gerüche verbreitete: es 150 gab hier warme Würstchen, und daneben stand ein Korb mit Wecken. Vor solch einem Kessel traf Urban seinen Sohn Fabian, der sich an Wurst und Brot auf hastige Weise gütlich tat.

Urban legte ihm von hinten die Hand auf die Schulter: »Ha, schmeckt's auch, Büble?«

Fabian fuhr herum wie auf einer Sünde ertappt.

»Man hat halt Hunger«, stotterte er.

»Ist doch keine Schand, daß du darum rot und weiß wirst, Kerle? Magst noch eine?«

Urban selber biß schon in eine pralle »Servela«, daß ihm der Saft über das Kinn lief, und sah in Fabians lachend strahlende Augen. Die Zahl der Würste, die sie gemeinsam verzehrten, blieb kaum hinterm Dutzend zurück.

Fabian klagte, daß er so viele fremde Dinge aufgetischt bekomme, die ihm zuwider seien.

Urban lachte schallend: »Gelt, sie sagen dann: Was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht?«

»Hajo, Vater, aber das Essen ist ja nicht die Hauptsache, es gibt doch viel Sachen, die ich mag in der Stadt.«

»Wohl.«

»Jetzt, adje Vater, ich muß heim, grüß auch die Mutter.«

Fabian ging auffallend rasch davon.

Der Vater lächelte und sagte: »So ein bitzele Heimweh hat er halt jetzt doch, der Kerle.«

Es vergingen noch etwa drei Wochen, da erreichte den Michelshof die Botschaft, daß sich Urban Götz, Hofbesitzer, dann und dann an bestimmtem Ort zu melden habe.

Nun, so war man aus dem Wundern, nahm Abschied von Haus und Hof, Vieh, Acker und Wald, drückte allen die Hand, erntete von Flur, dem stillen, blassen Weib, ein wehes Lächeln und schritt davon in den von wildem Rot durchlohten Morgen.

Ade – Ade.

Indessen eilte die Kunde von der freiwilligen Gestellung des Uhrenmichelshofers von Haus zu Haus. Man schüttelte den Kopf, mutmaßte viel Falsches und manches Richtige und war im ganzen einer Meinung: der Michelshofer mußte eben wieder etwas Besonderes tun, wie es in dieser Sippe halt gang und 151 gäbe war. Es würde denen schon wieder in den Weizen hageln, wenn es an der Zeit war: Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten.

 

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