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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14
Weltkrieg

An einem auffallend gelb im Westen hinabflammenden Tag, der die ganze Wälderrunde als erstarrten dunklen Wall an den grellen Himmelsrand setzte, durch den keiner brechen konnte, so hart und geschmiedet schwer sah er aus, und über dessen Pässe keiner steigen konnte, ohne in der grellen Glut zu nichts zu verbrennen, an solchem Abend führte der Jude Veitel Asch einen jungen Stier über den Siehdichfür, um ihn in den Michelshofstall zu verschachern. Nu Gott, es war ihm doch zu Ohren gekommen, der Jungbauer Urban suche neues Blut in seine Zucht, und da lief ihm, Veitel, also dieses Prachtstück von einem Stierlein unter zu Freiburg auf dem Markte. Halb geschenkt hat er es bekommen, halb nachgeworfen schiergar. Ein blutjunger Bauer aus St. Märgen bot ihn aus, und Veitel Asch stand just zur gemachten Zeit neben dran, als über den ganzen Platz eine Lähmung fuhr. Glocken begannen zu läuten, irgendwo rief einer »Extrablatt« in gräßlich überschlagenden Tönen. Die Menschen, die Tiere auf dem Platz hielten inne, in allem, was gerade zu tun begonnen war, lauschten. Lag etwas in der Luft? Gott der Gerechte, dachte da Veitel Asch und stieß seinen straffen Bart voraus, Gott der Gerechte! Kam aber nicht weiter im Denken. Von der Karlskaserne her brachen Trommelwirbel auf, kollerten aus den Toren, erfüllten die Ohren mit unerträglichem Gefühl, so, als würfe man kleine Kugeln in das empfindliche Gehäus. Signale fuhren empor, aufgeschreckt, hastig, 110 scharf singend. Und plötzlich begann alles, was Beine hatte, zu laufen, was Stimme hatte, zu reden, zu schreien.

Da fragte Veitel Asch den bebenden Burschen: »No, gibst mers Tierche um soviel?«

Der schaute die Krummnase wie verdummt an, entsann sich plötzlich, geriet in jähe Wut, Tränen schossen ihm sogar in die eisengrauen Augen; er warf dem Juden das Stierseil zu, machte die Hand auf, schrie »Nimms, nimms, was nützt's mich, wo es doch jetzt Krieg gibt.«

»Langsam, langsam«, sagte Veitel, schlug dem Burschen in die Hand, den Handel zu bekräftigen nach Sitte und Brauch. Der jedoch zerrte sie zurück, stieß sie offen erneut gegen den Mann: »Geld her, schnell, und sonst kannst mich kreuzweis' am Buckel küssen.«

Veitel zählte ihm gemach das wenige Geld für das verschleuderte Tier in die heftig zuckende Rechte. Im Krampf schloß sich die Burschenhand, und ehe Asch nochmals sein »Gott der Gerechte« in den Bart gesagt hatte, war der Jungbauer in den Wirbel der Menge gestürzt, die sich um einen Mann ballte, der ein Sonderblatt hochhielt und etwas vorlas.

»Krieg, also Krieg«, murmelte Veitel, »das ist was, oh, das ist was.«

Er trieb sein Stierlein in die Herberge, hatte Mühe mit ihm; denn das kräftige, vom Lärm aufgeregte Tier wollte nicht laufen. Veitel versorgte es, strich ihm zärtlich über den Rücken und mischte sich dann auch unter die Menge.

Ohgottegott, wie das surrte, schrie, sang, raunte und starrte! Steckt man in einen Ameisenhaufen den Krückstock, kann es dort nicht kopfloser zugehen als hier! Kopflos, das wohl nicht. Nein, im Gegenteil, da schrien sie doch alle: »Krieg, Krieg, endlich aus dem Bann gelöst, endlich wissen, woran man ist, Krieg, Krieg!« Und sie sagten es lachend, ahnungslos, was dahinter brüte, jedoch dieses Lachen klang irgendwie dunkel geboren, war von furchtsamer Herkunft, klang leidenschaftlich und lüstern, klang grell unerlöst, klang aber auch leidenschaftlich begeistert.

Veitel Asch sagte in seinen Bart, während die Ohren alles hörten, die Augen alles sahen, was vorging: »Grinset, ihr Verrückten, euer Lachen wird in einem Meer von Blut ertrinken, es wird die Hölle erfüllen. Der Himmel und aller Himmel 111 Himmel stürzet ein bei dem Lachen, wie die Mauern von Jericho. Es ist schlecht, schlecht die Menschheit und blutdürstig wie die Wölfe in Rußland.«

Veitel Asch stammte aus Kiew, man hatte ihn bei den Judenmorden aus der Stadt getrieben, blutig geschlagen. Er hatte die Heimat verloren, vergaß sie nie, die dunkle Gasse seiner Väter, Brüder und Schwestern und das alte baufällige Gemäuer, in dem die Feste für alle Armut das Gold der brennenden Kerzen gebreitet, den faden und doch unvergeßlichen Geruch ungesäuerten Brotes geweht hatten, wo unheimliche Sagen verkündet wurden und gebetet, gebetet, gebetet wurde.

Veitel Asch, der alles hörte und alles sah, was ihn umbrandete, träumte dennoch, träumte in die tiefe Schwermut seiner Seele hinein. Er hatte die linke Hand am Barte, die rechte in der Hosentasche, auf daß ihm im Gedränge nichts abhanden käme.

Man sah in allen Straßen der Stadt auf einmal keinen einzigen Soldaten mehr, und vorher flitzten doch die Offiziere nur so. Auf den Plätzen stauten sich Massen, hörten einem Redner zu und sangen die »Wacht am Rhein« oder »Wir treten zum Beten«. Die Frauen weinten, litten bereits, verzweifelten oder erstarrten. Fast alle Frauengesichter hatten Züge der Medusa, aufgerissene Augen und viereckig verzerrte Münder. Die Männer hielten sich steil, auf ihren Schultern saß ein knabenhafter Übermut, doch ihre Wangen, auch die vollsten, sanken ein, sahen aus wie in Holz geschnitten, und die Augen blickten in die Ferne. Nirgends war mehr eine Nähe. Alle blickten ins Gleiche, ohne etwas bildhaft zu empfinden, und alle horchten auch nach demselben Geräusch, ohne zu wissen nach welchem. Da war ein Mann die ganze Männerherde, arm und reich, alt und jung. Die alten hatten Anno siebzig mitgemacht, sie sahen wohl dorthinein in jenes Ringen, fern, fern und doch so nah, daß das Herz zitterte im Dröhnen des Krieges.

Veitel Asch nahm, als er genug gesehen hatte, das Stierlein aus der Herberge weg und fuhr mit der Eisenbahn das Höllental hinauf, es hieß, das sei die letzte Personenverbindung für die nächste Zeit, der Weg müsse freibleiben für Truppenbeförderungen. Er brachte sein Tier auf die Straße, das nun willig mitzottelte, vielleicht weil es auf einmal Grün sah und auch 112 Stille spürte. Veitel Asch dachte nicht ohne leise Befriedigung daran, daß er wohl der erste sein würde, der die große Botschaft in das Schiltebachtal bringen würde. Er kam durch verschiedene Ortschaften, da stand schon der Polizeidiener neben dem Bürgermeister, schwang die Schelle, und der Bürgermeister las die Mobilmachungsordnung vor. Jungbäuerinnen schluchzten in erhobene Schürzen, die Burschen standen dabei, bleich, aber gelassen, die Hände in den Hosensäcken. Die Bauern machten Gesichter, als begriffen sie nichts. Und wer begriff, der dachte: Es ist bald Ernte, wie wird das gehen, wenn ich fort muß?

Veitel Asch sah dies alles an. Seine Schwermut wuchs. Er träumte. Die Sonne ging unter hinter seinem Rücken, als er über die Ebene Siehdichfür ging. Es begegnete ihm auf den Straßen außerhalb der Dörfer kein Mensch. Veitel Asch krümmte den Rücken, die Schultern krochen nach vorne, machten aus der Brust einen tiefen Graben, in dem der krause, graugelbe Bart ruhte. Es hing ein unsagbares Alter in diesem Bart; an Ahasverus zu denken, wenn man ihn sah, lag nahe. Der gekrümmte Rücken trug unsichtbare Last, Veitel lud sich selber die Gedanken seiner bilderreichen Schwermut auf, so, als balle sich in ihnen das Elend der ganzen Welt.

»Weltkrieg!« schrie man, schrieb man in rasselnden Leitaufsätzen, verkündete man in Heeresbefehlen. Jetzt kamen die Aufrufe an die Litfaßsäulen: »An mein Volk!« Und die großen, dumpfen Augen des Volkes lasen es und glänzten von Tränen der Rührung.

»Blut«, sagte Veitel vor sich hin, »Blut wird euch den Sand aus den Augen waschen und das bestechliche Gemüt hart brennen. Ströme von Blut.«

Asch ist ein alter, steinalter Mann, weiß selber kaum, wie alt er ist, er hat Kriege erlebt, grausame, schaurige Kriege im Osten. Aber ein Weltkrieg reicht daran wohl nicht. Wird es ein Wort noch geben für dieses Unheil? Da lachten sie in den Straßen, die Männer und die Kinder. Abenteuer liebten sie ja alle. Dachte keiner an den Totentanz, dachte keiner an das Ende. Wohl ihnen; denn wem diese Bilder wie Blitz den Sinn durchlohten, den schlug das Grauen, den schlug die Furcht . . .

Asch fror und zog die Achseln noch tiefer ein. Asch war bloß ein Jude, ein Viehjude. Früher saß er einmal auf hohen 113 Schulen, zu Füßen geisterfüllter Männer. Er wußte viel, noch mehr hat ihn das Leben gelehrt, das mit dem Winde wechselte, bald hoch emporbrauste in Reichtum und Geltung, bald am Boden schlürfte in schmutziger Verachtung, von der kein Hund ein Stück Brot nahm.

Veitel war Hiobs Schicksalsbruder. Von Frauen, Kindern – Gott, wer behält ihre Vielzahl und ihre Gesichter, die längst vermodert sind –, von Häusern, Hab und Gut blieb nichts bei ihm als die hohe Zahl seiner Jahre, die ewige Haltbarkeit seines Atems im verbrauchten und doch zähen Gebein, die unauslöschliche Fruchtbarkeit seiner schwermütigen Weisheit, die rastlose Gier nach Geld, und die Lust an undurchsichtiger Hetze. Abseits zu gehen vermied Veitel; was in Schlüpfen und Verborgenheiten lag, suchte er nicht auf. In seiner Seele brannte ewig die Furcht, auf gewaltsame Weise in Todesklauen zu fallen. Einsamkeit, Unwegsamkeit der Landschaft beging er nicht.

Nun bedrückte ihn leicht die Stille des Abends auf menschenleerer Straße, aber das Stierlein schnaubte neben ihm und stieß ihm tröstlich zuweilen das nasse, weiche Maul an die Hand. Veitel vergaß den Krieg. Vergaß alles, war so müde, daß er stolperte.

»Gottegott, ist das ein weiter Weg zum Uhrenmichelshof!«

Das harte Gelb am Himmel flammte nieder. Nun schlich die Nacht aus den Wäldern. Das Stierlein hatte Angst. Das Geschöpf haßt das Dunkel. Kein Tagtier liebt die Nacht. O du Wunder des Augenlids, das die Welt der hellen Bilder einzuschließen vermag!

Schlafen, dachte Asch, schlafen. Er schloß die Augen, ließ sich zerren von dem ungestümen Tier. Aber er sah blutrote Ströme von der Stirn niederrinnen durch die Lider. Da brach das Wissen um den Krieg wieder aus ihm: Mit Musik und Paukenschlag singend, zieht ein Heer jetzt über den Rhein. Sie singen das Trutzlied vom heiligen Strom der Deutschen. »Die Deutschen sind gut«, dachte Asch und träumte wieder. Das Stierlein stürzte in die Knie, federte wieder auf und wurde demütig, ließ ab vom Zerren. Die Nacht bedeckte nun schon die Felder, die Straße aber leuchtete noch weiß. Endlich bellte ein Hund, Licht sprang aus Fensterrahmen. Aha, das Elektrische vom Michelshof! Veitel atmete auf. Aus dem Waldrand raste 114 plötzlich ein Hund gegen den Mann und das Vieh, bellte wütend.

Eine scharfe Stimme befahl Ruhe. Martin Götz trat zu Veitel Asch.

»N'Obe«, sagte der Jäger.

»Auch unterwegs, Michelshofer?« schmuste Asch. »Das Stierle ist für eueren Stall, ich hab es dem Urban zugedacht, was Besseres fand sich nicht auf dem ganzen Markt. Ein sauberes, kräftiges Stück Vieh, ein Gestell, das sich, auf Ehr, auswachsen wird wie selten eins, und Rasse, Rasse, Michelshofer. Der kann springen. Das gibt ein Fest im Stall.«

»Hm«, machte Martin. Asch veränderte sich. Er wurde immer so, wie der Mensch war, mit dem er es zu tun hatte. Seine Verwandlungsfähigkeit kannte keine Grenzen. Er schwieg eine Weile, weil Martin nicht beredt war. Dann überfiel er ihn aber doch mit der Botschaft: Krieg.

»Ihr waret doch Soldat, Martin?«

»Leibgrenadier.«

»Weiß ich, werdet's bald wieder sein.«

»Hä?«

»Bald wieder, so sicher wie ich neben Euch geh.«

Veitel ließ eine Kunstpause eintreten.

»Gacks endlich!« sagte Martin unwirsch.

»Weltkrieg erklärt.«

»Ho, nimm's Maul nit so voll.«

»Ist damit nit ein Hundertstel voll.«

»Seit wann muß man denn einen Jud zum Reden anhalten?« wunderte sich Martin.

»Mir hat's die Red verschlagen, Gott der Gerechte, wo jetzt so viel Blut soll fließen, grad jetzt vielleicht treffen schon Kugeln das wackere Herz von Soldaten.«

Veitel mußte kichern.

Martin gab ihm einen Stoß, daß er gegen den Stier taumelte, der erschreckt einen Sprung abseits machte und den Juden zu Boden riß.

»Auh weih!« schrie er. Martin half ihm auf, ehe das rasende Tier ihm das Horn ins Gesicht spießte. 115

Sie bändigten gemeinsam das zitternde Vieh. Demütig, klein zusammenschrumpfend, erzählte nun Veitel Asch, breit, bilderreich, langsam zum Kern der Sache vordringend, was er wußte und gesehen hatte. Bis sie zum Michelshof kamen, sagte Martin nicht ein Wort mehr. Er ließ Veitel in den Stall, rief Flur zu, sie solle das Melken der Magd überlassen und kommen. Es klang rauh. Erstaunt folgte Flur.

»Ich muß jetzt gleich fort«, sagte Martin zu ihr.

»Herjere wohin, was ist?«

»Schrei nit lang, frag nit lang, in den Krieg. Richt mein Sach!«

Flur starrte ihn an: »Und Urbe?«

»War der vielleicht Soldat, red nit, frag nit, pack mein Sach. Der Jud wird's dem Bauern schon breitschlagen, was los ist.«

Flur gehorchte stumm und tränenlos. Ohne Aufenthalt rüstete sich Martin.

»Nur kurzen Prozeß beim Abschied!« dachte er und knirschte mit den Zähnen.

Flur packte Strümpfe, Sacktücher, Hemden, Speck und Brot ein. Martin nahm alle Flinten noch einmal zur Hand, sicherte sie und schloß den Schrank ab.

»Den Schlüssel leg ich hinter den Herrgott«, sagte er zu Flur, »da wird niemand sonst drankommen. Wenn es brenzlig wird, der Feind – ach was, das geschieht nie – aber auf alle Fäll, du weißt, wo du hinlangen mußt, wenn Not an Mann ist.«

Er sah sie zum erstenmal recht an, seit der schlimmen Botschaft. Ihre Augen trafen sich, prallten erschreckt ab, fielen hinter die Lider, kamen wieder und brannten ineinander.

»Frau«, brach es aus Martin. Er riß sie mit sich in die Kammer. Dann ging er. Sie blieb halb ohnmächtig in der Stube zurück. Sie schrie nicht einmal, als er im schnell eingeschirrten Fuhrwerk, das der alte Knecht Ägidi fuhr, vom Hof ratterte. Ihre Augen blieben trocken. Sie war müd, so müd, und allein. Die Uhr im Gehäus tickte so laut. In aufzuckender Wut der Verzweiflung nahm Flur den Krug, der noch vom letzten Trunk Martins auf dem Tisch stand, und schleuderte ihn gegen das Zifferblatt, Glas splitterte, ein Zeiger fiel herab, 116 aber die Uhr tickte weiter. Sie brach in hartem Schluchzen auf die Bank nieder.

Als Urban später hereinkam, zaghaft fast, denn er war erst einmal in der Leibdingstube gewesen, seit Martin und Flur drinnen wohnten, schlief sie tief. Er hatte nach ihr schauen müssen, weil es ihm so unheimlich still vorkam.

»Sie trägt's«, dachte er und verschwand leise. Mit Veitel Asch, dem Juden, verließ er den Hof, um zum Schiltebacher Rathaus zu gehen, das zugleich Schulhaus war und das mit der »Krone«, der Schmiede und der Wagnerei den Dorfmittelpunkt bildete.

Bürgermeister, Ratsschreiber und Polizeidiener walteten bereits ihres Amtes, als der Michelshofer ankam; gleich drauf raste der Erlenmooser herbei auf seinem Bernerwägele. Auf Rädern, zu Roß, zu Fuß, zu Wagen kamen von allen Zinken her Bauern, Knechte, Weiber, Knaben, Halbwüchsige. Wer weiß, wie alle erfahren hatten, daß die Mobilmachung erfolgt, daß Krieg erklärt war. Die Botschaft sprang von Hof zu Hof über. Die Großbauern, aus ihrer Einöd und Einsamkeit aufgestört, begriffen dumpf die Wucht des Augenblicks. Es gab keine Lieder, wie in den geschlossenen Siedlungen und auf den Stadtplätzen. Gelassene Fragen und Antworten, stellenweise von mühsam ordnenden Gedanken herausgetriebene und erstarrte Sätze. Alles war noch dunkel und nur langsam zu durchdringen. Unheimlich nur das Beisammensein plötzlich, nicht vorher bedacht, mit Menschen, die man seit Jahr und Tag nicht mehr gesehen, hilflos schier die Gesichter und Gestalten, aufgebrochen und losgelöst wie einzelne Schollen vom Acker. Dieses aus dem Alltag zum Merkwürdigen Aufgebrochene vor der dunklen Wand der karg bestirnten, schwülen Nacht, dies war voller Ahnung kommenden Grauens.

Erst bei dem fast aberwillig bestellten Bier und Schnaps in der »Krone« lösten sich die Zungen. Sie fühlten alle, daß ein Wandel vor sich ging und unbegreiflich über ihre Köpfe kam und dumpf in ihren Herzen dröhnte. Die kürzlich Soldat waren, wußten, was zu tun war. Das Vaterland rief sie als Söhne. Diese begannen endlich zu singen. »Morgen muß ich fort von hier«, »Morgenrot, Morgenrot«.

Mancher junge Bursch schlich sich hinaus zum Schatz. 117

Durch Gespräche kamen langsam die Gemüter in das Gleichgewicht, das zur tieferen Besinnung nötig ist.

An einem Tisch saßen Urban und Asch bei dem Bürgermeister und den Gemeinderäten. Merkwürdig, wie gerade Urban dorthin kam. Veitel Asch wurde eben aufgefordert, weil er mehr zu wissen schien, als was auf dem sachlichen Mobilmachungsbefehl stand. Veitel Asch erzählte, vor Demut ganz zusammengehutzelt auf dem Stuhl, aber seine Augen glühten, sie straften die Sprache des Körpers Lügen.

Er flüsterte, als er unbeachtet war, Urban ins Ohr: »Seht, Michelshofer, nun finden die Hochmütigen auf einmal den Weg zu den Demütigen, nun ist unsere Weisheit die Euere und die meine wert wie gemünztes Gold. Und das wird noch viel mehr geschehen, wenn erst die Männer fortgehen und nicht wiederkommen. Wenn sie ratlos und am Christenglauben irr werden, weil das Blut ihrer Söhne den Boden düngt, Michelshofer, dann wächst Euere Saat.«

»Die meinige? Trinkst du zu schnell, Viehjud, du schwätzest viel und weißt nit was.«

»Wir sind die Weisen, Michelshofer, denen die Herzen der Hochmütigen zufallen.«

»Ich nimmermehr, von Weisheit red mir nicht, red überhaupt nichts weiter!«

Asch ließ nicht locker. »Deine Weisheit glänzt dir aus den Augen. Geht nicht in den Krieg, Bauer, wehrt Euch, verstellt Euch, verderbt Euch die linke Hand ein klein bissel. Wollet Eueres Bruders Gewehr versuchen, und es geht los – den kleinen Finger – und Ihr seid frei. Sie haben genug Gesunde.«

Urban wollte aufspringen, aber Veitels, des geringen Greises, Hand lag auf seinem rechten Knie wie eine Last, die man nie überwindet.

»Draus grinst der Tod. Auf Euch schaut er zuerst; die Blonden, Reinen liebt er. Dir reißt er die Eingeweide heraus und verstreut sie weit. Oder er holt dein Aug und schickt dich als blinden Toren heim. Krieg ist Blut, Blut, Blut.«

Das war gar nicht mehr Veitel Asch, der sprach, das war eine andere Stimme, die aus einem furchtbaren, rasenden Rauschen sich unheimlich heraushob: der Zersetzer Jude sprach. 118 Urban saß in einer schweren Wolke, er bemühte sich, seine wirkliche Umgebung, die ihm bewußt war, zu sehen, aber er durchdrang das lastende Gewölk nicht. Plötzlich kam aus der Wand eine Uhr hergeschwebt, das große weiße Zifferblatt mit den roten Flecken (oder waren es Rosen?) kam ihm entgegen, blieb im Ungewissen hangen, und der Zeiger, wie ein Schwert gebildet, schwang sich im Kreise ungeheuer schnell. Von den roten Flecken tropfte es hernieder.

Neben ihm lachte plötzlich jemand, hoch und langanhaltend, den Atem verlierend und wiedereinfangend, wie ein Kind, das Blauhusten hat. Da kam Urban in die Wirklichkeit zurück, die Uhr hing wie immer an der Wand, ihm gegenüber saß der Bürgermeister mit dem Gemeinderechner und dem Ratsschreiber, neben ihm Veitel Asch, der eben endgültig seinen Atem zurückzog.

Urban sah dem Juden immer wieder prüfend ins Gesicht. Die lohenden Augen des Alten lagen trüb in tiefen Höhlen.

»Wir müssen die Frucht heimschaffen« sagte der Bürgermeister.

Asch rutschte von seinem Stuhl, stand wie ein Zwerg vor dem Tisch, auf einmal reckte er sich, wuchs, obschon er nicht viel Körper zum Wachsen hatte, aber alle, vorab Urban, meinten, er stoße schier an der niederen Decke an: »Ihr Deutschen, ihr seid vom Schicksal auserwählt, im ganzen Erdball werdet ihr Frucht heimschaffen, verstreut sein überall, ruhelos und ohne Freude. Euere Heimat wird zu eng und euer Hochmut des Parteizwistes zu groß werden. Wie wir Juden seid ihr ein auserwähltes Volk. Aber niemand von allen Völkern liebt euch. Ihr werdet die Frucht heimschaffen, nützen werden sie andere. Aber so ihr auch wolltet, saurem Weg entgeht ihr nicht. Veitel Asch ist ein alter Mann, der weiß, nichts ist grausamer als der Krieg. Ihr werdet's am Leibe erfahren, das wird euch nicht zum Verderb sein, ihr werdet's an der Seele erfahren, das aber macht euch krank. Die Bauern gehen unter. Es kommt der Tag, da fährt der letzte Bauer in die Grube. Er hat das Schollenrecht verloren. Die Maschine siegt. Geht nicht in den Krieg, Bauern, wehrt euch, denn wer seine Scholle verläßt, den verläßt sie auch, wenn er sie meint wieder zu betreuen.

Bauern, Bauern!«

Veitel Asch redete ganz wirr, Schaum trat ihm vor den 119 Mund, seine Hände waren steif ausgebreitet, wie die eines Gekreuzigten. Asch fiel nieder, zuckte an allen Gliedern. Man goß ihm Wein auf das Haar. Er erholte sich wieder, stand mit Hilfe der anderen auf, griff nach seinem Rucksack und schlich murmelnd von dannen.

Die Bauern, entnüchtert, bösartig, vereinsamt und abgerückt voneinander wie scheue Tiere, verließen die Wirtsstube, auch Urban. Der Morgen stand im Osten, die Vögel flogen lärmend umher, die Hühner pickten schon am Weg. Urban konnte nichts denken. Er hatte einen Stein im Kopfe.

Daheim wusch er sich am Brunnen. Fabian stand neben ihm, hatte die Geißel in der Hand, um das Vieh auf die Weide zu treiben.

»Bauer«, sagte er, »wenn der Krieg zwei Jahr geht, kann ich auch noch mit. Der Hansjörg ist erst fünfzehn, er hütet heut nicht mehr. Er ist nach Freiburg gegangen, freiwillig. Wenn man aus der Schul ist, wird man angenommen.«

Urban hörte ihn nicht. Aber er starrte in das aufgeschlossene Knabengesicht, hatte das Gefühl, aus sich selber zu geraten und in den Knaben zu schlüpfen. Sein Herz war jetzt so leer wie der Kopf. Ihm war so elend.

Flur rief nach Fabian und kam an den Brunnen. Sie sah sehr blaß aus.

»Wir haben gesoffen, Bäuerin«, redete Urban sie verwandelt an, »und die anderen, Martin – – –«

»– – sind sterben gegangen«, schrie Flur auf, schlug die Schürze vors Gesicht und stürzte ins Haus.

An dem Tag machte Urban nicht die geringste Pause mehr beim Schaffen, auch nicht zum Essen. Nachts schlief er sinnlos. Am folgenden Tag waren Herz und Hirn wieder in Ordnung, aber nicht im alten Wesen.

 

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