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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12
Blessing, der große Mann von Sonnenkirch

Die Dreschmaschine sang und surrte ihr lautes Arbeitslied in der Bühneneinfahrt des Michelshofes. Es klappte alles mit dem Betrieb, das Wasser vom Schiltebach schaffte das Treibrad um wie nichts; mühelos, schien es, ging der Drusch vonstatten und schnell, hexenmäßig schnell. Anfangs kam es dem Urban gespäßig vor, den schier gar im Blut seit Ahnenzeiten her schwingenden Dreschflegeltakt zu vermissen, nun für immer entschlafen auf dem Michelshof zu wissen. Ein aufquellendes Gefühl wie Heimweh, das einen befällt, wenn man in der Stadt war und plötzlich an irgendein Ding im Hof unwillkürlich denkt, solch ein flutendes Gefühl ging ihm übers Herz und kühl wie kalter Schweiß über die Stirne. Das wischte er weg wie eine zudringliche Bremse. Die Maschine sang, seufzte vor Arbeitsdrang und schied das Korn vom Stroh. Fein, fein, das mußte selbst Martin denken, der spöttisch dabeistand, wie sie die Sache zum erstenmal erprobten. Es lief – es lief.

Urbans große Hände flatterten vor Aufregung, sein Gesicht war blaß, glänzte aber vor Freude und Stolz. Als er den raschen Staunensruf Martins vernahm, ging er auf den Bruder zu und klopfte ihm herzhaft auf den Buckel: »Was meinst, Alterle? Das heißt man Fortschritt.«

Es war das erstemal, seit jener Entscheidung um Flur, daß eine Herzlichkeit zwischen den Brüdern aufbrach.

»Wohl, wohl«, gab Martin zu und warf die Büchse über die Achsel. Das war Verlegenheitsspiel, gleichwie auch dies, daß Urban an den Himmel sah, einen Zug Vögel erblickte und wie aus tiefen Sinnen heraus sagte: »'s winteret geh ball, allfort ist die Luft voller Wandervögel.«

Als er die hellen Augen wieder vom Himmel ablöste und ins Gesicht Martins gefaßter schauen wollte, sah er nur noch dessen Rücken.

Sein Schwager Michael Blessing, der tags zuvor von Sonnenkirch hergefahren kam, um als halbwegs sachverständiger Mensch die Probearbeit der eisernen Drescherin zu überwachen, riß Urban aus seiner inneren Gefangenschaft und 93 stellte ihn in den sachlichen Werktag. Michael wunderte sich über den Schwager, der einmal den Eindruck machte, als wolle er die Welt umrennen vor Besessenheit auf die neuen Dinge, die am Landwirtschaftshimmel standen, ein andermal aber ihnen linkisch, unentschlossen gegenübertrat. Es fiel ihm nicht ein, die Ursache in einem inneren Kampf des Bauern zu suchen. Wer vermutete auch in dem großen, breiten, hartschädligen Kerl eine so bewegliche Seele. War es überhaupt möglich zu denken, ist man noch richtiger Bauer, wenn man nicht mit den Händen schafft und die uralten Geräte schwingt, um zum Brot zu kommen? Ist man das noch, Pfleger der Erde im Dienste Gottes, wenn die Hände, gottgeschenkte Geräte, nicht mehr die heilige Arbeit verrichten überm Land, wenn man, wie er es gesehen hatte in der Ausstellung, mit Sä- und Mähmaschinen, mit Dampfpflügen und Kartoffellegern über das Land fuhr. Daran dachte Urban, an diesen zwiespältigen Fragen wurde sein Gewissen empfindlich. Michael Blessing, der Scholle entfremdet, Städter geworden, Fabrikherr und reicher Bürger, wie konnte er Antwort wissen auf solches? Er würde gutmütig, doch überlegen lachen und sagen: »Jetzt aber auch, das ist Gefühlsduselei, ein kernhafter Mann schaut in die Zukunft, was seine Arbeit anbetrifft; in der Vergangenheit zu bohren, das überläßt man getrost dem Alter oder den Professoren.«

Sein Grundsatz war: das alte Sach gut halten und verwalten, das, was man haben und sehen kann, aber niemals daran hangen bleiben, vorwärts ins Neue!

Blessing war ein fröhlicher Mensch, steckte voller Witz und voller Manneskraft, sein Lachen dröhnte. Er war an dem Alter angelangt, wo sich der Wohllebende ein Bäuchlein anpflegt. Seine gediegen geschneiderte, zeitgemäße, jedoch nicht modische Weste war nahe am Zustand des Platzens. Sein Kopf, rund und schwer, etwas breit in den Backenknochen, großwangig, bartlos, sah aus wie der des John Bull in den Meggendorfer Blättern, nur etwas jugendlicher und geistreicher. Blessing war ein beweglicher Mann, reich an Bildung und Wissen. Er wirkte leicht prahlhansig, wenn er so mit den Armen schwenkte und dazu seine massige Stimme erschallen ließ. Was er sagte, klang nicht darnach, es war besonnen, klug und hatte stets Hand und Fuß. Nicht von ungefähr hatte das vom Vater in den 94 Grundpfeilern gut gegründete kleine Musikuhrengeschäft unter Michaels Leitung den Aufstieg zur Fabrik genommen, welche das ganze Großgewerbe eines Tales, eines Städtchens ausmachte, wo Heimarbeiter, Fabrikarbeiter, Meister und Künstler ihr regelmäßiges Brot fanden. Nicht umsonst saß Blessing in den Aufsichtsräten aufblühender Schwarzwaldunternehmen, in denen der Holzgesellschaften, Spinnereien und Webereien, in denen der Papierfabriken und anderer Holzverwertungsanstalten, er war Gemeinderat und Bezirksrat, Ehrenmitglied fast aller Vereine in Sonnenkirch, Vorsitzender von Genossenschaften, Kirchenrat, berufener Festredner auf Schützenfesten, an Großherzogsgeburtstagsfeiern, an Kriegervereinsstiftungsbanketten, und nicht zuletzt Landtagsabgeordneter der nationalliberalen Partei. Alles in allem ein geehrter, mächtiger Mann seines Verdienstes und Talentes wegen. Trotzdem ging ihm der unbedingte Ernst der Würde ab, wer nur seine Ehrenämter, Titel und Gebärden kannte, dem kam er auf liebenswerte Weise lächerlich vor. Man sah ihm niemals an, wie belastet mit Arbeit er war, wie erfüllt von rastlos treibenden Plänen, wie natürlich stark er schaffte und handelte und wie er sprühte, wenn es galt, etwas ganz Kühnes auf dem Gebiet seines ehrenwerten Kaufmannstums zu wagen. In der Tat sah sein Wagemut zuweilen ausschweifend aus, und ohne es zu wissen – er würde es auch nie begriffen haben –, war er auch in solchen Minuten Draufgänger, der auf ungewisse Karten setzte, sich versteigen konnte, die Übersicht und Einsicht verlieren. Da zeigte es sich, daß sein Glück eben maßlos war, das heißt, daß sein Leben reicher an guten Zufällen war als das der meisten solcher bürgerlichen Abenteurer. Nun muß man ja alles vom Winkel der Kleinstadtdenkart aus betrachten. Hier überstieg Blessings Persönlichkeit alle Maße, während er im Großstadtgetriebe eben gerade als ein brauchbarer Mensch gegolten hätte.

Michael Blessing hatte eine prachtvolle Eigenart, er pflegte die Beziehungen zur Sippe. Wo er wußte, daß ein Verwandter nicht zustreich kam in irgendeiner Sache, tauchte er ratend und ermutigend auf, und er wußte merkwürdigerweise immer alles, was sich auf dem Wald zwischen Hochrhein und Elz, das war die Landschaft, die seine Sippe umschloß, ereignete. Insbesondere hing er an der Familie seines Weibes. Er nannte 95 Sixta die göttliche Frau Mutter, er hieß Magdalen die Modellbäuerin, Martin den ewigen Jäger und Urban den Erzbauern. Nur Flore blieb ihm fremd, aber er ließ sie kaum aus den Augen, wenn er auf dem Michelshof war. Er traute ihr nicht, dieser zarten Frau, die wie ein Mädchen noch aussah, ungealtert, anmutig bei der schwersten Arbeit, pünktlich gekleidet immer, stets in seiner Anwesenheit mit gleichem Lächeln geschmückt, das weder fröhlich noch klar war, eher geheimnisvoll und schmerzlich, doch auch nicht ganz rein das letztere – eben undeutbar schien. Sie geriet in seine seltenen Schlafträume, wo sie als circenähnliches Wesen auftrat und ihn mit schmerzlich süßem Grauen erfüllte. Im wachen Zustand gedachte er ihrer nüchtern. Da lebte vollgültig Genoveva, sein Weib, mit ihm. Vev, Markus' und Sixtas vierte Tochter, war eine schöne Frau geworden. Ihr regelmäßiges, etwas kühl wirkendes Gesicht unterm gescheitelten Haar verriet wohlgemutes Leben, in dem es nur kleine Kümmernisse gab, nicht schmerzensreicher als sonstwo auch.

Vev, wie ihr Mann sie nannte, wenn er es zärtlich meinte, vor Fremden hieß sie »Meine Hausehr«, vor allen Heimischen die Mutter, vor den sechs Kindern das Müetti, Vev trug noch die Tracht. Sie war sozusagen eine der ersten Frauen im Städtchen und im Bezirk Sonnenkirch, und jede andere hätte sich des Bauernstaates geschämt und ihn schleunigst mit dem gewissen Schwarzseidenen vertauscht, wenigstens in Gesellschaft. Das tat Genoveva geborene Götz jedoch nicht. Sie trat auf, wie sie es gewohnt war, schwarze Seide trug sie zwar, aber an der Tracht. Das rauschte, schlug schwere Falten und glänzte. Gewiß, wenn sie aus Anstand in einem Kränzchen oder auf einem Fest unter den Bürgersfrauen stand, deren Männer bedeutsame Vertreter der Obrigkeit oder des Reichtums darstellten, fiel sie mehr durch Wuchs als durch äußere Vornehmheit auf. Die schmalen, schwänzelnden und zum Teil durch die Stielbrille lugenden Damen rümpften hinterrücks die Nasen. Vorab die jungen Frauen, denen die Kleider aus Paris, genannt Mülhausen, gesandt wurden, waren sehr erfinderisch in hämischen Benennungen. Aber der Bauerntrampel, wie der häufigste Ausdruck der öffentlichen Meinung hieß, der merkte wohl, wie der Hase lief, lächelte stolz, wie es keine konnte, und war doch die 96 vom Mannsvolk all dieser Weiber am meisten anerkannte und wegen vieler Tugenden gerühmte Frau.

Diese Männer sahen Genoveva Blessing, wenn sie Michaels beliebte Bierabende in seinem Herrenstüble besuchten, auch daheim, wie sie ging und stand. Da war sie wahrhaft schön wie ein altes Meisterbild in ihrer lächelnden Ruhe, und trug sie gar ein Kind auf dem Arm oder saß sie auf dem Tritt am Fenster in der kleinen Stube neben Michaels Mannsgemach über eine Näharbeit gebeugt, ab und zu ein kluges oder heiteres Wort in die trinkende, rauchende und plaudernde Runde der Freunde schickend, so fing sie alle Herzen ein. »So eine, ja so eine!« dachte mancher, trank einen tiefen Schluck und seufzte heimlich.

Bei den Blessings gab's scheinbar nicht das ewige Tauziehen wie in anderen anständigen Ehen, wo stets der Mann aus Klugheit das längste Teil des Seiles dem Weib in die Hände gleiten läßt, damit Frieden im Hause bleibe. Das Seil, das hatte Blessing ganz, dieser Tausendsasa, Frau Vev überließ es ihm. Dafür brauchte er nicht in die Wirtschaft zu hocken auf nackten Stühlen und sie daheim warten zu lassen. Klug richtete ihm Vev den Feierabend in seiner Stube zu, bediente selber, geizte nicht, zog kein schief Maul, wenn Asche am Boden lag, selbst dann nicht, wenn Michael leicht angebraust in den Keller stieg, um etwas ganz Feines springen zu lassen. Sie sorgte noch für warmen, starken Kaffee unter der unförmig dicken Kaffeehaube, um die sie die Tassen wie schmucke Küchlein verteilte, und verzog sich dann leise ohne Mahnwort und Aufhebens. Das Gelage ging dann meistens bis zur Hahnenkraht.

Aber indem die andern, Sorge im Herzen, heimpirschten, war es auch Michael nicht viel wohler als ihnen um jene Gegend des Gemütes, er schloff ins Bett neben die wache Vev, die ihn nicht eben unfreundlich, aber mahnend eindeutig anschaute. Das wärmte das Gewissen gehörig auf; denn in diesem ruhigen, unbestechlichen Blick des Tadels war der Kernpunkt der Predigten aller beleidigten Ehefrauen der Freunde zu einem einzigen Kristall verdichtet.

»Gut Nacht, Vev!« sagte er begütigend.

»Die meine ist rum«, entgegnete Vev und schwang die Beine aus dem Bett, machte sich für den Tag zurecht, leise und flink. Michael spürte im Einschlafen noch, daß sie ihn richtig zudeckte, 97 er lächelte und – schnarchte. Und so wußte man eigentlich doch nicht recht, wer den längsten Teil des Seiles bei den Blessingschen in den Händen hatte.

*

Im Hause Blessing lebte ja noch Salomea, Sälme, die dritte Tochter von Markus und Sixta, lebte als Malerin in aller Stille in ihrer eigenen Welt. Niemand kannte sie ganz, auch die Geschwister wußten nichts von ihrem Innern. Sie sahen nicht, wie oft die dunklen Augen glühend dem stillen, sanften Gesicht widersprachen. Und fühlten nicht, daß hinter Sälmes bescheidenem Schweigen ihr eine Beredsamkeit tiefster Leidenschaft schier die Brust sprengte. In ihrem Tagebuch las man später, welche Sehnsucht nach Größe, Geltung, Liebe und – Kindern in ihr geloht hatte. Sie muß einen A. H. bis zum letzten Atemzug, den sie mit vierzig Jahren tat, lohend geliebt haben. Sie starb wohl an innerem Verbrennen; denn sie lag kaum ein paar Stunden krank, als das Herz stillstand.

*

Obschon das Haus Blessing städtisch geführt wurde, in Stuben und Gängen, Dielen und Vorratsräumen eine sehr behäbige, reichgeschnitzte und wohl verteilte Bürgerlichkeit sich ausdehnte, wuchtig in den altdeutschen Möbeln vor allem und den in breiten Goldrahmen steckenden Ahnenbildern der schon in vorigem Geschlecht zusammengetroffenen Sippen der Kirner und Blessing, obschon dies alles im Gegensatz zur schlicht bäuerlichen Umwelt der Schiltebacher Verwandten stand, ließen diese sich gerne und, so oft es anging, in Sonnenkirch sehen, und man sah ihnen an, sie fühlten sich heimelig in der gediegenen Pracht. Das lag nicht nur an den Menschen. Der in großen Höfen aufgewachsene Wälder, dessen Vorväter irgendwie bewußt oder unbewußt eine eigene kraftvolle, wenn auch schlichte Kultur geschaffen hatten, weil das Sinnen und Basteln eben in den gescheiten Mannsköpfen sein Wesen trieb, jener von guter Überlieferung begleitete Wälder ließ sich von der Kostbarkeit der echten, am rechten Platz sitzenden Dinge nicht verwirren. Er ehrte sie und schaute für sich etwas ab von ihnen, er lernte.

So kehrten Martin und Urban gerne an, Sixta, die Altbäuerin, natürlich mit Freuden, die Erlenmoosers lachend und zahlreich mit Kind und Kegel, wobei freilich der 98 Erlenmoosbauer eine leichte Befangenheit einzig und allein darum nicht loswerden konnte, weil er so spuchtig neben seiner Bäuerin, überhaupt im Kreise der ganzen Sippe aussah. Dabei besaß er ein unbestreitbares Mittelmaß in der Körpergröße, war schlank, sehnig, schmalgliedrig und schmalgesichtig wie die meisten der Wälderbauern, er trug sich dazu nach alter Sitte bartlos und ließ nur an den Schläfen herab krauslige Raupen wachsen. Dazu verschmähte er nicht den kurzen, spenzerartigen Kittel, der von den Schiltebachern früher ausschließlich getragen wurde und jetzt nur selten noch. Sein rassiges, braunes Gesicht verriet durch lebhaftes Mienenspiel beweglichen Geist, und in der Tat zeigte sich der Erlenmooser als gescheiter Kopf, klar in seinen Lebensgrundsätzen. Es gab für ihn nichts anderes als das Bauerntum und seine Familie. Ein Neuerer in seinem Hof, war er doch Gegner allzuvieler landwirtschaftlicher Maschinen. Was Urban einmal ahnend gestreift hatte, das sagte er frei heraus: »Der Bauer muß bei seinem Boden bleiben, er muß ihn mit der Hand spüren und alles, was drauf wächst. Sonst ist er kein echter Bauer mehr, nur so ein neumodischer Landwirt, Ökonom, heißt man die Herren, glaub ich, Ökonom, ich dank, das schmeckt grad so nach Erdöl und Eisen wie das Maschinenzeugs. Ich will nach Erd schmecken, nach Dreck meinetwegen, das ist der Item.«

Blessing belächelte den Standpunkt natürlich. Er neigte auf Urbans Seite.

Urban entfremdete sich dem Erlenmooser dadurch, allerdings äußerlich kaum merklich. Es war ihm unbehaglich in der Herzgrube, wenn er ans Grübeln kam, wer nun recht habe, er, der Fortschrittliche, oder der Schwager mit seinen vererbten Ansichten. Der Zwiespalt machte ihm weidlich zu schaffen. Aber er wollte nicht um alles in der Welt seine Unsicherheit zeigen, auch sah er die Vorteile der Maschinenhilfe ein.

Blessing beriet ihn gut. Oft verbrachte Urban seine Sonntage im Bürgerhaus, freundlich umfangen von der Wärme und Lebenslust der Verwandten. Warum nur fiel ein Alb ihm von der Brust, wenn er daheim weg war, vorab aus dem Hause? War er denn noch daheim in den Stuben? Auf den Äckern wohl, in Scheuer und Stall wohl. Aber wo Flur war, trieb es ihn fort. 99

*

Urban richtete das elektrische Licht ein. In Stube, Kammer, Küche und Stall, auf der Heubühne, im Futtergang, überall strahlte fast Tageshelle, wenn es dunkel war. Weitum geschah im Michelshof das Lichtwunder zuerst. Talauf, talab, in allen Höfen und Häusern sprach man davon, daß das neumodische Stadtlicht im Michelshof brenne. Brenne? Man könnte das, meiner Seel, nicht brennen heißen, es sei ein Leuchten, ruhig, ohne zu flackern und zu glumsen, wie Sternlicht am Himmel, grad so. Kein Öl, kein Wiechen, kein Zylinder, nur ein Glaskölblein mit einem glühenden Draht darinnen. Aus Wasser mache man jetzt Licht, im kleinen, verschlossenen Häuschen ob dem Schiltebach sitze der Zauberer, der das Wunder vollbringe, aus Wasser Licht mache.

Ganz an den Hof hin trauten sich nicht alle Neugierigen. Abends, namentlich am Sonntag, machten sie sich auf die Beine und blickten von irgendeiner Höhe herab auf den Michelshof, dessen Fenster hellstes, weißgelbes Licht ausstrahlten. Man übersah von weitem schon den Stall, wenn die Tür offen war. Das Licht vor der Haustür, am Balken oben angemacht, beleuchtete den ganzen Hofraum mit Milchhaus und Brunnen und Backofen. Das ist Teufelswerk, dachten törichte alte Frauen, bekreuzten sich und murmelten Abwehrsprüche.

Urbans Volkstümlichkeit bekam wieder Risse. Er ging des Nachts stolz durch seinen hellen Hof. Bis in alle Winkel konnte man schauen, besser als am Tage. Er sah auch, daß Flur eine tüchtige saubere Bäuerin war, Dreckecken gab es nirgends. Und er lobte sie bei Martin. Ihr ins Gesicht sagte er nichts, das hätte große Verlegenheit zwischen sie gebracht. Martin ließ Urban walten. Er kümmerte sich nur um seinen Wald und um Flur. Er plagte sie mit seiner wilden und unberechenbar jäh ausbrechenden Liebe. Flur diente ihm willig.

So eifersüchtig Martin sein Weib für sich hielt, ihr auf Kirchweihen und Märkten das Tanzen verbot mit anderen Männern, auf Urban war er es nicht; denn Flur besaß fast keinen anderen Gesprächsstoff mit Martin, als gegen Urban zu stimmen in allem, was er tat. Martin mußte beschwichtigen, aber Flur, sonst demütig, begehrte Recht, sie konnte sogar behaupten, es wäre leichtfertig von Martin, nicht das Erbe allein zu beanspruchen, er sei eben doch zuerst auf die Welt gekommen. 100 »Denk an unseren Fabian«, sagte sie und bekam rote Flecken auf die Wangen.

Martin wehrte ab. Peinlicher konnte ihm nichts sein als diese gefährlichen Vorstellungen Flurs. Sie haßte Urban, nun gut! Aber er war sein Zwillingsbruder, und warum sollte es anders sein als so: Urban der Bauer, Martin der Jäger.

»Und – halts Maul jetzt, aber gleich«, schloß er fast immer, in ratlose Wut schießend, des Weibes Hetzreden, »es bleibt, wie es ist.«

»Das wird nicht gut enden«, gab Flur ungebrochen das letzte noch heraus, »in der Bibel schon steht geschrieben die Geschichte von Kain und Abel.«

Meistens verließ Martin dann in traurigem Zorn das Haus und trank sich Ruhe an in der Krone. Dann geschah es zuweilen, daß er Flur schlecht behandelte, wenn er heimkam, und sie morgens verquollene Augen hatte.

 

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