Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Eris Busse >

Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

10
Qual und Wahl

Ein beängstigend schwerer Schnee fiel lautlos nieder, alles versank in seiner weißen Masse, das Hausdach wurde unheimlich dick, die Pappeln an der Wetterseite doppelt so groß, die Birken standen in aufgebauschter Watte, die Fichten trugen Lasten auf ihren geschwungenen Ästen, der Brunnen schien eingebettet in hohe Kissen, man hörte das Wasser nicht mehr laufen. So schneite es den ganzen Tag bis zum Abend. Dann klärte es auf. Urban und Martin schaufelten den Weg nach der Straße zu frei und versuchten, mit dem Schneepflug durchzudringen, aber sie mußten ihn alle Augenblicke aus den schweren, sich ballenden Massen herausschaufeln. Die Pferde schwitzten. Ihre wohlgepflegten Felle sahen gestriemt aus; auch die beiden hartnäckigen Männer trieften vor Anstrengung. Ohne ihre übliche Auswahl an Kraftworten und handfesten Flüchen ging es natürlich nicht ab. Jedoch nach knapp hundert Metern streikten die Pferde, benahmen sich störrig und stellten die Ohren. Man sah das Weiße ihrer Augen böse spiegeln. 77

»Kehren wir halt um«, gab endlich Urban nach. Das war nicht so leicht; sie mußten erst einen tüchtigen Fleck vom Schnee befreien, damit das Fuhrwerk den Rank kriegen konnte.

Eine Weile noch saß man nachher mit Flur, die Erbsen las, in der Stube. Urban blätterte im »Lahrer hinkenden Boten«, Martin hockte träumend auf der Kunst.

Urban versuchte hin und wieder von Flur einen Blick zu erhalten, aber sie tat ihm nicht den Gefallen. Er stand auf und ging mit schwerem Schritt und schweren Knien durch die Stube. Martin knurrte: »Hast keine Ruh im Hintern?«

Flur lächelte. Martin wartete im geheimen auf einen Blick von ihr, aber sie löste die Augen nicht von der Arbeit.

Aus dem stummen Suchen der beiden Männer, die ihre Wünsche voneinander mit der Ahnungskraft Eifersüchtiger erspürten, aus diesem stummen Suchen nach einer Gelegenheit, Flur zu dienen, wurde plötzlich aufspringende, stumme Feindschaft zwischen den Brüdern. Sie bekamen ganz andere Gesichter. Urban war zwar vorher entschlossen gewesen, schlafen zu gehen, nun spürte er keine Müdigkeit mehr. Um keinen Preis konnte er Martin und Flur allein lassen; Flur gehörte ihm; warum schaute sie ihn nicht an, lächelte nur immer so still und stumm?

Auf einmal hob sie den Kopf, blickte beide mit gleicher Miene und halb spöttischer Festigkeit an. »Ach«, sagte sie, »ihr seid doch Stockfische, redet kein Wort. Wißt ihr nichts?«

Sie schwiegen. Urban gab aber seine Wanderungen nicht auf. »Ach«, sagte Flur, »heiß ist's in der Stube wie in einem Glühofen, das macht, weil ihr zornig seid.«

»Zornig?« fragten beide wie aus einem Munde. Flur erhob die zarte, dünne Stimme, daß sie klang wie ein hell gestimmtes Horn so scharf: »Zornig, ja, ich hab' immer das Gefühl, als wäret ihr beständig voller Zorn über irgend was. Ihr habt beide einen tiefen Kerb in der Stirn über der Nase stehen, einen richtigen Zorngraben, und eure Augen funkeln, als hättet ihr ein Feuer dahinter glosen. Was plagt euch denn? Man meint, ihr seid unzufrieden mit euch selber und mit allen anderen.«

»Man sollt heiraten«, verriet Urban seine Gedanken und blickte auf den Boden.

»Ha, so tut es doch.« 78

»Wohl«, sagte Urban, nur um etwas zu antworten.

Jetzt tat Martin einen kleinen schrillen Pfiff durch die Zähne. Draußen schlug sein Jagdhund Max an.

Flur las eifrig ihre Erbsen weiter. Nach längerem Schweigen sagte sie mit lauernden Blicken zwischen Urban und Martin. »Jetzt aber wie ist das, wenn ihr beide Bäuerinnen auf den Hof bringt und die händeln miteinander? Das tun sie sicher; denn welche Bäuerin mag den Hof, das Milchgut, das Hühnervolk, die Flachsäcker und Hanfbreiten, das Blumengärtle, den Glasschrein mit einer anderen teilen? Mich nimmt's so schon wunder, wie einig ihr selber seid. Einer kann doch nur Herr sein, so wie nur eine Bäuerin sein kann auf die Dauer.«

»Es kommt immer auf das Gespann an«, sagte Urban, »wir sind als Rapp und Schimmel eigentlich gut geloffen bisher, gell, Märti?«

»Wohl, der Rapp hat halt den Schimmel, den schwerfälligen, ein bissel munterer gemacht.«

Urban lachte gezwungen: »He aber auch, jetzt das ist eher wahr, daß der Schimmel den Rapp allfort hat zügeln müssen, daß er nicht über Korn und Kimme ins Verderben durchbrennt ist.«

»Gottstausigswillen«, sagte Flur und lachte klirrend, bog den schmächtigen Oberkörper vor Lachen, »dann müsset ihr zwei halt fast gar ein und dieselbig heiraten, der, der munter macht, und selbiger, wo zügelt.«

»Wen tätest zum Beispiel du von uns beiden aussuchen, falls die Wahl hättest«, fragte Martin hart und trat nah vor sie hin. Sie erglühte unter seinem scharfen, lohenden Blick. Sie konnte gar nicht anders, als in ihrer unvermittelt sich über die Glieder breitenden Schwäche leise zu sagen: »Dich.«

»Gut«, sagte Martin und legte die Hand rasch auf ihre Schulter.

»Gut«, sagte Urban, richtete sich breit in den Schultern auf und wollte mit blassem Gesicht stolz aus der Stube.

»Halt doch«, rief ihn Flur an, »haltet doch. Das ist ja alles dummes Zeug; das arme, hergeloffene Florle nimmt kein rechter Bauer. Urban, bleib da – ich –«

Er schnitt ihr das Wort ab: »Freilich geht es bloß um dich; verstell dich nicht so. Wie die Katzen um den heißen Brei sind 79 wir um dich herumgestrichen. Du willst Martin, also hab' ihn, basta, adje! Freilich«, fügte er leiser hinzu, »hat's mir einmal geschienen, ich sei der Rechte.«

Flur warf die Hände vor das Gesicht und weinte laut auf.

»Es nützt nichts mehr«, sagte Urban, »ich wünsch euch Glück. Wir werden schon zustreich kommen miteinander.«

Er ging auf Martin zu, der nicht die Hand von Flurs bebender Schulter genommen hatte, und reichte ihm die Rechte. Martin schlug aufleuchtend ein.

»Alles bleibt ja sonst beim alten«, rief er. »Flur, hol jetzt einen Kirsch, wir wollen anstoßen.«

Flur gehorchte, obschon die Füße sie kaum trugen.

Spät suchten alle ihr Lager auf. Flur irrte die ganze Schlafzeit durch in schwerem Traum hinter Urban her, jedoch trat ihr immer, wenn sie ihn gefunden, Martin entgegen. Irgendwoher hörte sie in den dumpfen Schlaf ein Krachen und Donnern wie von Schüssen. Und dachte voll Entsetzen an Klempi Gatterer . . .

*

Indessen hatte sich das Wetter bösartig gesteigert, ein starker Frost griff in den klebrignaß niederfallenden Schnee und ließ ihn pickelhart gefrieren. Der Wasserstrahl am Brunnen verstummte erstarrt am Frühmorgen. Eine kalte Dämmerung fingerte herauf. Die Bäume ächzten unter der Last. Da stieg plötzlich warmer Atem in die klirrende Kälte, wehte aus Süden her in kurzen Böen. Der warme Atem wurde voller und stetiger und richtete bald großen Schaden an. Grausam hergeschlichen erst, lähmte er jetzt die Kälte, die Starre von Eis und Schnee. Schwerer wurden die Lasten auf den Zweigen, untragbar; überall krachte es dumpf, große Äste brachen herab wie dürr geworden, von den zähen Fichtenzweigen lösten sich die Schneedecken ab und stürzten, breit aufklatschend, nieder. Überall rutschten die Massen, klirrten riesige Eiszapfen zu Boden, krachte und polterte es. Der Südwind sang um die Hausecken seine unheimlichen Strophen, das Vieh im Stall stalpte unruhig, spürte das Tauwetter.

Urban und Martin weckten einander mit den Worten: »Es taut. Im Kähner glutterets.«

Sie standen auf, fuhren in die Kleider und schafften dann 80 wortlos im erleuchteten Stall. Ihre Schatten bewegten sich in schmalen Verzerrungen an den Wänden. Martin warf von der Bühnenluke herab Heu in den Futtergang. Das Laternenlicht spielte über die breiten Rücken des Viehes, das an den Raufen stand und schnaubend fraß. Martin dachte an Flur. Da glitt sie ja schon herein und unter die breite Holländerkuh, sie zu melken. Er hörte die Milch in den Melkeimer spritzen.

Jetzt kam Urban den Gang vor mit dem Tränkkübel. Als er fast neben Flur war, hob sie unwillkürlich den Kopf, beide blickten sich an, sicherlich nur sekundenlang, jedoch Martin droben auf seinem Beobachtungsposten wähnte, sie stünden schon eine Ewigkeit so. Das Herz klopfte stark in seiner Brust, daß es zitterte. Martin wurde fast blind vor Wut. Aber sie fand keinen Ausgang, erstickte in seinem Innern, und es blieb nichts als eine finstere Traurigkeit zurück. Die beiden – oh, die beiden!

Er warf eine schwere Wolke Heu herab, die nicht weit von ihnen niederrieselte. Urban wischte sich etwas davon vom Ärmel, wandte sich den Stieren zu, ihre Ketten nachzuprüfen. Flur spähte zu Martin hinauf, lächelte ihn an und rief: »Es langt jetzt.«

Da fühlte er sich beruhigt. Flur stand zu ihm, blieb bei ihm, so sehr auch Urban sie bannen wollte. Er dachte versöhnlicher: Hatte er nicht dem Bruder den Rang abgelaufen bei dem Mädchen? Schön war das nicht von ihm. Jedoch immer machte das Schicksal den Schlußstrich; Flur war Martin hold, nicht Urban. Mochte der sich darein schicken, mochte er sich eine Bäuerin holen. Für Flur würde sich dann schon ein anderes Plätzchen finden. Im Leibdinghaus womöglich, wenn man es neu herrichtet, wäre nicht übel wohnen gewesen. Martin wurde halbwegs froh, als er auf diese Lösung kam. Der Bruder konnte also ohne Schaden für alle freien; er, Martin, würde sich vielleicht sogar den nicht so einfachen Dienst eines Brautwerbers für Urban überlegen. Umschau halten bei den Töchtern des Landes. Und Flur dann mit sich nehmen, allein haben im Häuschen. Drunten molk sie Kuh um Kuh. Der Duft der wärmlichen Milch stieg zu ihm herauf. Leise begann Martin zu pfeifen. Urban half beim Melken. Nun kamen auch die Hüterbuben und misteten aus. Der Knecht Ägidi schnitt Häcksel auf Vorrat. 81

Südwind sang ums Haus, dann und wann rutschte der Schnee vom steilen, hohen Dache und polterte donnernd herunter. Zufällig trafen sich Urban und Martin nach einer Weile vor der Haustür, wo sie beide nach der Wirkung der Dachlawinen sehen wollten. Martin ging in die Mitte des Hofes und beobachtete das Dach. Urban blieb am Brunnen stehen, wusch sich rasch und brach spielerisch die tropfenden Eiszapfen von der Dachröhre ab. Auf dem Dach über ihm schob sich eben wieder eine mächtige Schneetafel zusammen. Martin sah es, und da durchzuckte ihn eine frevelhafte Vorstellung: er sah gespenstisch, die Lawine stürze mit aller Wucht nieder und erdrücke den Bruder. Sie rutschte noch mehr zusammen, andere Massen glitten nach – da – – »Urb« –

Der entging durch einen Fluchtsprung im letzten Augenblick seinem Verderben, er hatte zufällig aufgesehen und Martins furchtverzerrtes Gesicht getroffen, zu gleicher Zeit rutschte es hinter ihm auf dem Dache. Er begriff. »Urb« – – – konnte Martin noch warnen, da rannte ihn schon der Bruder um. Staub aufgesprühten Schnees traf sie. Das Rutschen, Schleifen wollte gar nicht enden. Sie blieben beide am Boden, horchten gebannt. Als sie sich aufrichteten, lag vor der ganzen Seite des Hauses eine Mauer bläulichen Schnees, und die riesige Dachfläche glänzte in grünbrauner Feuchte. Die Lawine hätte einen Menschen wohl in Gefahr bringen können.

Martin, voll Qual und Unruhe, half den Schnee von der Tür entfernen, dann trieb es ihn in den Wald, obschon Flur ihm beide Hände an die Brust legte und bat: »Bleib da, geh nicht, es ist wüst im Wald.«

Er ging doch.

*

Die Zeit, die sonst fast ereignislos auf dem Hof verrann, war in den Wochen, seit Flur den Uhrenmichelshof betreten, mit Geschehnissen gedrängt angefüllt. Alle Leute, die dort lebten, schienen verändert. Urban und Martin insbesondere, auch Ägidi, der Knecht, und selbst die Hirtenbuben. Sie dachten an Flur, sie beobachteten Flur, sie sprachen von ihr. Ihre glückliche Hand streute seltsame Freude aus, wo sie etwas berührte. Das an sich unscheinbare Mädchen, schmal und blaßhell wie ein Mondstrahl, brauchte sich nur irgendwo zu zeigen, dann fuhr 82 allen das Blut rascher durch den Leib. Ihr roter Mund, ihre großen, feuchten Augen, ihr geschmeidiges, katzenhaftes, leises Schaffen reizte die Sinne der Männer.

Zwar in letzter Zeit kam es einem vor, als drücke etwas auf Flurs Wesen. Sie stellte sich zuweilen hin neben die dringende Arbeit und starrte auf einen Fleck. Ihr Gebaren verstärkte sich von Tag zu Tag; es entging wohl Urban, jedoch Martin nicht, wie viel blässer sie wurde, daß selbst die leuchtende Röte ihrer Lippen abnahm. Und dann fiel ihm auch auf, daß sie ihm aus dem Wege ging, seinen Blick mied. Argwöhnisch überwachte er Urban, der jedoch still und stet seinem Tun oblag. An einem Feierabend, als Martin und Flur in der Stube zufällig allein waren, fragte er sie aus. Er erfuhr nichts Besonderes. Flore schaute ihn mit großen Augen an, errötete stark, wandte sich dann ab von ihm und trat an ein Fenster.

»Wie du fragst! Mir mangelt nichts.«

»Denkst vielleicht dran rum, wann wir hochzeiten sollen?«

Flur gab nicht gleich Antwort; wieder jedoch stieg ihr die rote Welle ins Gesicht.

»Meinst bald schon?« fragte Martin und trat so nah hinter sie, daß sein Atem ihren Nacken bestrich.

»Red doch!« Er faßte sie an den Schultern und drehte sie sich zu. Sein Blick sog sich in ihren Augen fest. Wieder wie schon einmal in entscheidendem Augenblick verlor sie den Willen über sich selbst, und als er bestimmte, am Sonntag gehe das erste Aufgebot von der Kanzel, sagte sie: »Ja.«

*

Flore Fleig litt mehr dumpf als in scharfen Gewissensqualen darunter, daß sie Martin verschwieg, wie es um sie stand, als sie zum Altar schritten. Er erfuhr nicht von ihr, daß sie einmal Urban zu Willen gewesen, und daß das Kind, welches sieben Monate nach der Hochzeit auf die Welt kam, nicht seines war. Auch Urban, der still seine Arbeit tat, ahnte nichts.

Außerdem hatte niemand Zeit, über Dinge, die außerhalb des Bauerngeschäftes lagen, nachzudenken. Urban pflügte, eggte, säte, er mähte das Futter, mähte in der Heuer, sie ernteten die Wintergerste, den Roggen, das weiße Korn oder den Spelz. Dann das rote Korn und den Weizen, den Hafer, den 83 Klee. Urban stürzte die Stoppeln um. Sie holten die Kartoffeln, das Kraut, die Rüben. Zwischen Heuet und Ernte machten sie Heidelbeerwein. Zwischen Ernte und Kartoffelausmachen holten sie Preißelbeeren, und Flur kochte süßsaueres Mus davon. Sie brannten Wasser aus den späten Schnapskirschen. Sie schnitten Sauerkraut in die Standen, lasen Sonntags im Vorübergehen die blauschwarzen Früchte eines Wacholderbaumes ab und streuten sie ins Kraut. Flur bereitete aus den Beeren des Holunders heilsamen Holdersaft, machte Sirup aus den durch ein Tuch gepreßten Brombeeren. Sie schlachteten zwei Schweine und einen jungen Geißbock, hängten die Speckseiten in den Rauch und machten Würste, die als fette, würzige Brätlinge gleichfalls vom Rauch gebeizt werden mußten. Flur füllte die grauen, blau gezeichneten Steinguthäfen mit duftendem Schmalz. Nach der Ernte feierten sie die Sichelhenkete, das Erntedankfest, in bekränzter Kirche und dann mit Schmaus und Juchhei in der Wirtschaft. Dann wurde gedroschen und Mehl für Brot gemahlen, Hafer geschrotet für Suppe. Martin pirschte nach Sauen, Hasen und Füchsen. Die fürstlichen Herren jagten in den angrenzenden Wäldern. Weidmanns Heil und Höflichkeit drückte sich in freundnachbarlichen Gastgebereien aus. Martin ward Gast der Fürsten, die Fürsten trieben hernach mit Lust das Wild des reichen Michelshofers vor die Büchsen.

Der Sommer und Herbst verliefen in einer selbst von den Alten noch kaum erlebten Ordnung. Die Gnade Gottes waltete über dem Reifen und Ernten. Leuchtende Tage reihten sich auf zu unglaublich kostbarer Kette, nachts gab es, so oft der Boden dessen nach Meinung der Bauern bedurfte, wohltuend netzende Gewitterregen mit kaum beängstigenden Blitzen, deren nachfolgender Donner klang, als erhebe der Weltenlenker, Gott der Kinder, zum Spaß seine gewaltige Stimme und halte gewissermaßen die Hand vor den Mund, um niemand zu erschrecken.

Dafür feierten ihn die Menschenkinder zu seinen Füßen durch jubelnde Erntedankfeste und priesen hinter dem Glas Wein oder Most oder Bier ihre vollen Scheunen und Säcke.

In diesem gepriesenen Jahr, ehe es zu Ende ging, kam Fabian, Flurs erstes Kind, am zweiten Adventsonntag zur 84 Welt. Es hatte erst pechrabenschwarzes Haar und matte dunkle Augen. Dann jedoch, als ein paar Wochen darüber gegangen, war es verwandelt, der schwarze Pelz abgefallen und das Köpfchen mit zartem, hellem Flaum bedeckt, die Augensterne von strahlender Bläue. Flur betrachtete es mit zwiespältigem Herzen. Das dunkle Kind, dünkte sie, hätte ihr Gemüt um Martins willen entlastet, das helle Kind indessen entzückte sie scheu. Martin aber kümmerte sich nicht mehr um das Kleine als sonst ein Vater bäuerlichen Geblütes auch. Er erwähnte nur einmal lobend das Aussehen des Kerlchens, das gottlob nicht ein so schwarzer Teufel zu werden brauche wie er, sein Vater. Die Hellen hätten es immer leichter im Leben.

Da begrub Flur ihre geheimen Ängste. Martin war ihr ein guter, wenn auch jäher Mann. Sie wohnten im Leibdinghaus, das schmuck aussah. Untertags lebten sie in der Stube des Uhrenmichelshofes; denn Flur übernahm die Pflichten der herrschenden Bäuerin.

 

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.